LeserInnenbriefe
Macht weiter so!
Diverse Artikel, WOZ Nr. 50/2020
Auch ich bin seit fast dem Anfang über Jahrzehnte Leser der WOZ (auch während meiner langen Auslandjahre und nun seit meiner Rückkehr in die Schweiz): Ich finde immer wieder Spannendes und Anregendes in eurer gut gemachten Zeitung! Mes compliments!
Etwa das (Teil-)Interview mit Klara Obermüller, den Artikel von Florian Keller über den inflationären Gebrauch des Wortes «Dystopie» und die ausführliche Reportage aus dem polnischen Czestochowa – und sowieso (fast) immer die Cartoons von Ruedi Widmer …
Mein Dank dem WOZ-Team an einem weiteren Jahresende – und macht weiter so!
Daniel M. Züst, Bern
Oberflächlich
«Machtwechsel in den USA: Wo ist der Coup geblieben?», WOZ Nr. 51/2020
Eine derart oberflächliche, ja naive Analyse der US-Wahl hätte ich in der WOZ nicht erwartet. Hatte jemand ernsthaft einen Coup, eine radikale Wende erwartet, erwarten dürfen? Es war klar, dass «der grosse Donald» trotz seiner Lügen und Demagogie weiterhin grosse Resonanz hatte. Aber zum Glück konnte das demokratische Duo zumindest die Präsidentschaft gewinnen. Aber die grosse Mobilisierung Trumps blockierte deren Absicherung im Kongress (vermutlich aufgrund eigener Fehleinschätzungen der Demokraten).
Entgegen der Behauptung des Autors haben die Republikaner vor diesem Hintergrund Trump bekanntlich in keiner Weise «fallen lassen wie eine heisse Kartoffel». Sie sind vielmehr in seiner Geiselhaft. Und sie werden Joe Biden unter der Führung von Mitch McConnell blockieren wie früher Barack Obama. Und das sekundiert vom Obersten Gericht, das natürlich nicht so simpel agiert, wie das vom «stabilen Genie» D. T. erwartet wurde. Aber es wird seinen Spielraum dort und so nutzen, wo reaktionäre Interpretationen möglich sind.
Peter Bohny, Basel
Nicht das Ende der Geschichte
«Die schluchzende Supermacht», «Le Monde diplomatique», Dezember 2020
Die Wahlen 2019 in Amerika sind nicht das Ende der Geschichte, aber definitiv das Ende von Donald Trumps Präsidentschaft. Es ereilt ihn das gleiche Schicksal, wie es schon andere Regenten mit autokratischen Zügen in funktionierenden Demokratien ereilt hat. Sie wurden in die höchsten Ämter gewählt und wieder abgewählt. Die Höchststrafe.
Diese Präsidentenwahl in Amerika war, und ist es immer noch, die ultimative Bewährungsprobe für eine funktionierende Demokratie. Und sie ist auf dem besten Weg, sie zu bestehen. Es wirkt also sehr befremdlich, wenn die amerikanischen Demokraten nach diesem Wahlsieg über die Trump-Republikaner ebenso enttäuscht sein sollen wie vor vier Jahren bei der Niederlage von Hillary Clinton gegen Trump.
Auch nach diesen Wahlen dreht sich die Erde weiter. Und mit ihr die politischen Parteien im Hamsterrad der politischen Zwänge, im Kampf um Mehrheiten um jeden Preis und das Kultivieren von Feindbildern – im amerikanischen Wahlkampf eskalierte das so weit, dass man sich gegenseitig hinter Gitter bringen wollte. Eine Praxis, wie sie in totalitären, undemokratischen Staaten die Realität ist. Das ist Amerika nicht, aber dort hat der Wähler eh höchstens die Wahl des kleineren Übels. Es gibt Schlimmeres, sagte auch Winston Churchill, der fand: Die Demokratie sei die schlechteste Staatsform, abgesehen von allen anderen. Die amerikanische Politik befindet sich also wieder im Modus Vivendi, hoffentlich!
Urs Zeder, Basel
Wilhelm Tell statt Credit Suisse?
«Erinnerungskulturen: Welche Geschichte braucht die Zukunft?», WOZ Nr. 51/2020
Vielen Dank für diesen spannenden Artikel. Der Autor nennt als Beispiel für die eurozentristische Holocaust-Erinnerungskultur die Debatte in Deutschland um die Haltung des einflussreichen Historikers Achille Mbembe zu Israel. Hier kommt die inhaltliche Auseinandersetzung mit seinen Aussagen aber zu kurz.
Mbembe kritisiert nicht «nur» die «koloniale Besetzung Israels», sondern hat sich der Kampagne für den akademischen Boykott Israels angeschlossen, die von der BDS-Bewegung ausgeht, fordert die globale Isolation Israels, was auch zu den Zielen der BDS gehört, und nennt die Besetzung Israels den schlimmsten moralischen Skandal unserer Zeit und so weiter. Auch wenn der Vorwurf des Antisemitismus zu weit geht, gehen solche Aussagen über konventionelle «wissenschaftliche Tätigkeit» hinaus.
Thiemo Legatis, per E-Mail
Der Autor des Artikels, Andreas Fannin, doktoriert an der Uni Zürich zum Thema Lehrmittel und Geschichtskultur. Es war für uns prägend, wie uns als Kindern die Geschichte in der Schule präsentiert wurde. Das Bild Afrikas: In der Sonntagsschule warfen wir jeweils eine Münze in ein «Negerlikässeli», das dann dankend nickte. Unsere fünf, zehn oder zwanzig Rappen sollten helfen, auch den armen Heiden in Afrika den Jesus zu bringen.
Später las ich in der Schule ein Heftchen des Jugendschriftverlags über Henry Stanley, der Afrika erforschte. Ich hielt sogar einen Vortrag über Stanley, den ich bewunderte. Ich kann mich nicht erinnern, dass in diesem Heftchen etwas Kritisches zu Stanley stand. Heute kann man auf Wikipedia nachlesen: «Stanley sammelte (…) Kaufverträge für das Land rund um den Fluss. Die Stammesfürsten und Häuptlinge, die die Papiere in der ihnen unbekannten Sprache unterschrieben, wussten wohl nicht, was sie taten. Eine Klausel der Verträge besagte, dass nicht nur der Boden, sondern auch die Arbeitskraft der Bewohner in den Besitz von Leopold [belgischer König] übergehen.»
Obwohl ich später sehr viel über den Architekten Le Corbusier las, hörte ich nie etwas von seiner Bewunderung für Adolf Hitler. In Zürich hat man die Konsequenzen daraus gezogen. Der Platz an der Europaallee beim Hauptbahnhof Zürich wurde Europaplatz getauft, nicht Le-Corbusier-Platz wie anfänglich vorgesehen.
Immer noch soll aber das neue Fussballstadion in Zürich «Credit Suisse Arena» heissen. Diese Bank investiert in Unternehmen, die an der Produktion von Atombomben beteiligt sind. Die Finanzierung von solchen Waffen ist in der Schweiz verboten. Laut dem Friedensnobelpreisträger 2017, ICAN, der internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, investierte die Credit Suisse 2018 1,313 Milliarden US-Dollar in Firmen, die an der Herstellung von nuklearen Sprengkörpern beteiligt sind. Die Zürcher Politikerinnen und Politiker könnten sich vielleicht an Hiroshima und Nagasaki erinnern und den Namen des Fussballstadions ändern. Warum nicht Wilhelm-Tell-Arena?
Heinrich Frei, Zürich
Feinere Töne anschlagen
Diverse Artikel zu Covid-19
Ich bin erstaunt und enttäuscht über die mehrheitlich einseitigen, mainstreamigen bis hin zu polemisch urteilenden WOZ-Artikel zu Covid-19. Wo sind die kritischen Blicke geblieben? Wo die Tiefe, Differenziertheit, die ich an der WOZ sonst schätze?
Mir scheint die thematische Wahl und Ausprägung der Artikel angstgetrieben. Mich würde eine Recherche genau in diese Richtung interessieren: Wer hat jetzt in dieser Krise Angst vor was, wer sind diese Menschen, was hat das für eine Bedeutung im Denken und Handeln – individuell, politisch, gesellschaftlich et cetera?
Geschätzt habe ich die Artikel von Bettina Dyttrich, die feinere Töne anschlägt, zum Nachdenken anregt.
Christine Krämer, per E-Mail