Leser:innenbriefe :

Nr.  46 –

Bedauerliche Einzelfälle?

«Essay: Der kurze Weg von der Lappalie zur Cancel Culture», WOZ Nr. 44/2021

Der Autor teilt zum leidigen Begriff «Cancel Culture» mit, dieser sei lokal begrenzt, sämtliche Belege seien nur Anekdoten und die ganze Sache ohnehin nur ein rechtes Phantasma. Diese Argumentation hat den Vorteil, niemals irgendwelche realen Fälle ernst nehmen zu müssen. Cancel Culture gibt es nicht, und jeder Beleg für linke Illiberalität ist dann eben ein bedauerlicher Einzelfall. So argumentieren auch Polizeibehörden gern, die jahrzehntelang selbst die spektakulärsten «Einzelfälle» von Fehlverhalten ignorieren durften.

Politische Kommunikation setzt aber am Einzelfall an. Der Autor ist alt genug, sich an die Dixie Chicks zu erinnern, die nach Kritik an der Bush-Regierung von reaktionären Radiosendern kaltgestellt wurden. Ihm werden auch die Bemühungen von Fundamentalisten ein Begriff sein, Abtreibungskliniken an ihrer Arbeit zu hindern. Anekdoten – aber in beiden Fällen war die Solidarität von links und die Sorge um «chilling effects» gross und berechtigt. Dass auch Linke solches Verhalten für sich entdeckt haben, will man freilich nicht so sehen. Es wird schon die Richtigen treffen, und Bari Weiss, so insinuiert der Autor, ist zwar nicht so richtig rechts, aber verschickt gewiss aus reiner Geltungssucht lieber einen privaten Newsletter, als für die «New York Times» zu schreiben. Dass die Kritik an linker Illiberalität auch von der US-Linken selbst kommt (Matt Taibbi, Glenn Greenwald), ignoriert der Autor.

Anders als der Autor wünsche ich mir eine Linke, die nach Prinzipien statt opportunistisch urteilt und die über die Strategien von Fundamentalisten und Rednecks erhaben ist.

Paul Mongré, per E-Mail

Ungenauigkeiten

«Pflegeinitiative: Das Ja muss der Anfang sein», WOZ Nr. 43/2021

Ein Artikel zur Pflege auf der Titelseite ist erfreulich, die Zustimmung zur Initiative auch. Der Text enthält aber Ungenauigkeiten, die sich beim genauen Lesen gegen die Professionalisierung richten. Ironischerweise sind es dieselben Themen, die die SVP als Gegenargumente nutzt.

Erstens: «Junge Menschen ohne Matura müssen zuerst eine dreijährige Lehre als FaGe absolvieren, bevor sie überhaupt eine Ausbildung zur Pflegefachperson in Erwägung ziehen können.» Das stimmt so nicht. Pflege kann an der Höheren Fachschule gelernt werden, ohne Matura und ohne FaGe-Lehre als Voraussetzung; auch eine andere Lehre oder eine abgeschlossene Fachmittelschule ermöglichen den Zugang. In den vergangenen Jahren wurden in der Deutschschweiz rund 80 Prozent der Pflegediplome an der Höheren Fachschule ausgestellt und nur etwa 20 Prozent an der Fachhochschule, für die es eine Berufsmatura, Fachmatura oder gymnasiale Matura braucht. Übrigens gibt es für die Ausbildung an der Fachhochschule abhängig vom Kanton einen Numerus clausus, was in Anbetracht des Mangels an Ausbildungsabgängerinnen irritiert.

Zweitens: «Viele höher Qualifizierte verschwinden von der Front und konzentrieren sich auf besser bezahlte administrative Aufgaben.» Nur die wenigsten diplomierten Pflegefachfrauen verschwinden in die Administration. Zudem ist es unsinnig, ihnen vorzuwerfen, dass sie ins Management oder in die Lehre wechseln. Im Alltag haben diplomierte Pflegefachpersonen tatsächlich mehr administrative Arbeiten zu erledigen als ihre FaGe- und Pflegehilfe-Kolleginnen. Die meisten bedauern dies, denn es bedeutet, dass sie weniger Zeit im direkten Kontakt mit Patientinnen und Patienten verbringen. Das ist einer der Gründe, weshalb Pflegende ihren Beruf aufgeben. Ansonsten sind Pflegefachpersonen genauso «an der Front» tätig. Das Beispiel der Advanced Practice Nurse (APN), einer Pflegenden mit Masterausbildung, Berufserfahrung und Spezialisierung in einem Fachgebiet, zeigt, dass auch akademisch ausgebildete Pflegende im direkten Patientenkontakt bleiben. Sie arbeiten mit vertieftem Wissen und erweiterten Kompetenzen mindestens einen Teil ihres Pensums direkt mit Betroffenen. Und sie unterstützen ihre Teamkolleginnen dabei, eine evidenzbasierte Pflege zu erbringen, die den Betroffenen und ihren Bedürfnissen gerecht wird. Das ist es, was Pflegende mit ihrer Arbeit erreichen wollen und wofür sie sich bei der Initiative einsetzen.

Sabin Zürcher-Florin, dipl. Pflegefachfrau, per E-Mail

Leiser stellen?

«Covid-19-Gesetz: Den Sound leiser stellen», WOZ Nr. 45/2021

Im Covid-19-Gesetz steht: «Der Bund trifft die folgenden Massnahmen (…): umfassendes, wirksames und digitales Contact-Tracing.» Findet der Autor das wirklich gut? Und wenn ja: weshalb? Muss man denn politisch konservativ sein, um unter anderem das Covid-19-Gesetz als weiteren Angriff auf die Menschen- und Bürgerrechte zu erkennen? Danken jedoch möchte ich demselben Autor zum Beispiel für den treffenden Leitartikel «Treu und Rauben in der Schweiz» zu den Pandora Papers in WOZ Nr. 40/21.

Ueli Bühler, Boll

«Manchmal würde ich beim Abstimmen gerne ein Ausrufezeichen hinter das Nein setzen. Diesmal habe ich ein leises Ja abgeschickt», schreibt der Autor. Mir hat der Artikel sehr gut gefallen. Aber Warum ein leises Ja abschicken? Laut sind doch vor allem die Neinsager. Ich werde ein lautes Ja abschicken, am liebsten wäre mir mit Ausrufezeichen. Und nach der Pandemie müssen wir achtgeben, dass die Ausnahmesituation wieder aufgehoben wird.

Beatrice Stauffer, per E-Mail