Leser:innenbriefe
Brillant und furchterregend
«Essay: Der Untergang des Denkbaren», WOZ Nr. 11/22
Eure Berichterstattung und eure Analysen zum Putin-Krieg gegen die Ukraine finde ich sehr, sehr gut und informativ. Merci! Der Essay von Maria Stepanova zum System Putin: brillant – und furchterregend, weil so zutreffend. Weiter so! Denn leider gibt es linke Medien, die verzweifelt nach Entschuldigungen für den Putin-Krieg suchen.
Christoph Lips, per E-Mail
Lieber Habermas
«Jürgen Habermas: Ein Werk am Ende», WOZ Nr. 15/22
Lassen wir die Verdrehungen, die Hans Ulrich Reck dem Denken von Jürgen Habermas antut, erst einmal beiseite. Fragen wir uns stattdessen nach seiner eigenen Position. Die sieht, wenn ich recht sehe, so aus: Eine allgemeine Vernunft in der Geschichte, die allen finsteren Zeiten und aller Bedrängnis zum Trotz am Wahrheitsanspruch festhält, gibt es nicht. Es gibt nur die instrumentelle Vernunft einer sich immer weiter über das Soziale ausbreitenden Technologie und zu ihr komplementär eine zynische Vernunft, die über Kultur und Politik herrscht. Die Wissenschaften taumeln auf der Grenzlinie, mal nach der einen, mal nach der anderen Seite sich verneigend. Oben auf erhabener Klippe aber sitzt Reck, mit Schopenhauer ein Duett über den «ruchlosen Optimismus» des verhassten Hegel intonierend, und denkt leicht angeekelt in das Schlangennest zu seinen Füssen hinunter.
Nein, danke. Dann doch lieber Habermas mit allen methodologischen Ungenauigkeiten, die man ihm ankreiden mag.
Wolfram Malte Fues, Prof. em. Dr. phil., Duggingen
Spotify und andere
«Nach Spotify: Braucht der Pop einen Blockchain-Sozialismus?», WOZ Nr. 14/22
Blockchain soll es also richten. Einmal mehr soll eine noch bessere Maschine ein Maschinenproblem lösen, bis wir einmal mehr feststellen dürfen, dass das Problem einfach nur komplexer wurde. Ganz abgesehen vom exorbitant hohen Energieverbrauch der Blockchain-Technologie, scheint es mir sehr illusorisch, dass sich damit der zentralisierten Vermarktung kreativer Arbeit etwas entgegensetzen lässt.
Vielleicht ist ja die Maschine an sich das Problem. Vielleicht ist die zu erhoffende Zukunft ja auch ganz anders. Vielleicht wäre ja live gespielte Musik viel angesagter, viele überschaubare Konzerte und Tanzveranstaltungen mit vielen fair bezahlten Musiker:innen, fünf Stunden Musikunterricht pro Woche in den Schulen, Musikinstrumente statt Smartphones. Das neue «modern» ist vielleicht – wo immer möglich –, Werkzeug und Können statt Maschinen und Fremdenergie zu verwenden.
Es scheint mir höchste Zeit, die Ästhetik der Serie als veraltet hinter uns zu lassen und dem nicht reproduzierbaren Unikat seinen vergänglichen Wert zurückzugeben. Nicht nur die kreative Arbeit einiger weniger reich belohnen, sondern vielen kreativere Arbeit ermöglichen. Liebe WOZ, ich wünschte mir von euch oft etwas mutigere und offenere Sichtweisen, wie Zukunft auch aussehen könnte.
Georg Traber, La Vraconnaz