Bruno Latour (1947–2022) : Verführerische Netzwerke

Nr.  41 –

In brillant geschriebenen Texten veranschaulichte der populäre französische Philosoph, wie menschliche und nichtmenschliche Akteure miteinander verflochten und voneinander abhängig sind.

Eine winzige organische Struktur, nicht einmal ein selbstständiges Lebewesen, beeinflusst die Geschicke der ganzen Welt, etwa in der global geteilten Irritation des Lockdowns: In seinem bisher letzten auf Deutsch erschienenen Buch «Wo bin ich?» mobilisierte der Philosoph Bruno Latour solche prägenden Phänomene der Gegenwart, um einen Grundzug seines Denkens zu veranschaulichen – wie menschliche und nichtmenschliche Akteure auf vielseitige Weise miteinander verflochten und voneinander abhängig sind. Im Zuge der wachsenden Dringlichkeit der Klimakatastrophe, der er ein planetares Bewusstsein entgegenstellte, wurde Latour auch ausserhalb der akademischen Welt zu einem der populärsten Denker.

Bekanntheit erlangte Latour, der 1947 in eine schwerreiche burgundische Weindynastie geboren wurde und zeitlebens gläubiger Katholik war, als Wissenschaftssoziologe. In «Laboratory Life» (1979) legten er und Steve Woolgar auf der Basis von Studien in einem Labor dar, wie argumentative Rhetorik, geübte Handgriffe, technische Apparate, Institutionen oder Geldflüsse an der Konstruktion wissenschaftlicher Fakten beteiligt sind. Gemäss der Akteur-Netzwerk-Theorie, die Latour später mitbegründete, erlangt ein Akteur – das kann eine Mikrobe sein genauso wie ein Staat – seine Wirkmacht durch die Verbindungen, die er in einem Netzwerk einzugehen vermag.

Ein einflussreicher Akteur war Latour selber, sein Denken zeigte sich als anschlussfähig in diversen Disziplinen genauso wie in der Kunst. Doch die Naturwissenschaften, bei denen er am liebsten Anklang gefunden hätte, reagierten oft desinteressiert bis ablehnend auf seine Interventionen. In den «Science Wars» der neunziger Jahre wurde er gar als gefährlicher Relativist verschrien, der die Autorität wissenschaftlicher Fakten unterwandere.

Latour war ein brillanter Schreiber, theoretische Argumente präsentierte er in griffigen Allegorien. Innovativ waren seine Texte vor allem dadurch, dass er theoretische Konzepte anderer virtuos auf‌bereiten und verflechten konnte. Doch sein Denken ist auch verführerisch, manche seiner Begriffe und Dichotomien muten obskur an, so auch die Art, wie er andere Positionen – insbesondere die Kritik an sozialen Hierarchien – wie durch Zauberhand für hinfällig erklärt. Ein Linkslatourianismus, der seine faszinierende Ontologie mit Machtkritik verbindet, wäre erst noch zu denken.