Pop : Ganz ohne Romantik

Nr.  41 –

Auf ihrem Debütalbum «Dirty Clothes» spielen Batbait mit ­ so unerschütterlicher wie freundlicher Coolness. Ein Besuch im Proberaum in Zürich Oerlikon.

die vier Bandmitglieder von Batbait
Leichtfüssig und luzide: Batbait mit Sandra Keller (links), Alanah Rüttimann (sitzend), Simona Bischof (hinten rechts) und Gianna Brühwiler (vorne). Foto: Batbait

Die vier Musikerinnen setzen sich auf den Boden ihres Proberaums und beginnen ein Gespräch, wie man es selten beobachtet – fokussiert, aber ganz gelöst und ohne erkennbare Hierarchie. Thema ist die Setlist für die anstehenden Konzerte; sie werfen alles über den Haufen und spielen sich gegenseitig die Argumente zu. Wie entsteht Dynamik innerhalb des Sets, was bewirkt ein neuer Anfang oder Schluss, wie laufen die Übergänge und die grossen Bögen, wie ist all das mit den individuellen Umständen und Vorlieben vereinbar? Nach zwanzig Minuten sind alle zufrieden.

Batbait heisst die Band, die im Nebenraum einer Tiefgarage in Zürich Oerlikon probt. In diesem Raum haben Batbait auch ihr gerade erschienenes Debütalbum «Dirty Clothes» aufgenommen; man hört das an der lässigen Unschärfe und dem unaufgeregt rohen Sound. Ihre Songs handeln von Selbstachtung, Langeweile oder Einsamkeit, dennoch sind sie erfrischend unmelancholisch. Im Gesang der beiden Gitarristinnen Sandra Keller und Gianna Brühwiler liegt eine unerschütterliche, aber freundliche Coolness, überhaupt im leichtfüssigen Spiel der Band. Bei Garagerock oder Post-Punk würde man die Musik ansiedeln, aber stets auf der luziden und feingliedrigen Seite.

Ereignisreich, aber anstrengend

Als Trio gibt es Batbait seit 2019. Damals stiess Bassistin Simona Bischof zu Keller und Brühwiler, die schon zuvor an ein paar Songs gearbeitet hatten. Den drei blieben ein paar Monate, um Songs zu schreiben und zu proben fürs erste Konzert an der gemeinsamen Diplomfeier der Zürcher Hochschule der Künste, wo die drei Kunstvermittlung studierten. Damals spielten sie noch mit Drumcomputer. Schlagzeugerin Alanah Rüttimann kam im Sommer 2020 hinzu, kurz vor der Teilnahme am Demowettbewerb des Festivals M4Music, als für Batbait plötzlich alles grösser wurde.

Plötzlich kommen viele Anfragen für Konzerte – auch für grosse Bühnen.

Sie gewannen den Wettbewerb mit ihrem Song «In Fiction», und von da an kamen zahlreiche Anfragen für Konzerte, auch für grosse Bühnen. «Wir konnten uns aussuchen, welche Konzerte wir spielen wollten», sagt Keller im Gespräch vor der Bandprobe in Oerlikon. «So habe ich mich auf jedes einzelne gefreut.» An den jeweiligen Tagen sei ihr das genauso gegangen, sagt Bischof, aber das ereignisreiche letzte Jahr sei manchmal auch anstrengend gewesen: «Die Organisation für die Konzerte, ein Album aufnehmen, daneben Jobs und Sozialleben, auf Dauer wüsste ich nicht, wie das alles unter einen Hut passt.» Diesen Sommer spielten Batbait unter anderem am Open Air St. Gallen, an den Winterthurer Musikfestwochen, am Nox Orae am Genfersee, dazu an den internationalen Showcase-Festivals in Wien und Hamburg.

Batbait sind keine typische Newcomerband. Die vier Musikerinnen sind alle um die dreissig, die meisten hatten zuvor keine Banderfahrung. Mit dem Traum vom Leben als Musikerin nehmen es die vier gelassen; zwei von ihnen unterrichten an einem Gymnasium, eine ist als Kunstvermittlerin in einem Museum tätig, und eine beginnt bald in einer Bibliothek. Batbait scheint für sie weder Hobby noch Berufung zu sein.

Punk und Handwerk

Wegen dieser anderen Verpflichtungen nahmen sie die Songs auf «Dirty Clothes» über ein Jahr verstreut auf. Daneben machen sie alles selber, Artwork und Videos etwa; das ist Punk, aber auch Handwerk. Die farbigen Objekte auf dem Albumcover stammen von Keller, Brühwiler und Schlagzeugerin Rüttimann, die gelernte Keramikerin ist. Das Gespräch fühlt sich nicht an wie ein Interview, die vier beginnen sofort zu diskutieren. Vor allem über den intensiven letzten Sommer, die Unterschiede zwischen Punkkeller und Grossbühne, die Erfahrungen mit Publikumslaunen und deplatzierten Ratschlägen von Männern («Ihr braucht mehr Bumms!»). Und wie sie auf der Bühne fast schon so gelöst miteinander sind wie im Proberaum. «Dass wir dabei auch noch lustig sein können, das kommt als Nächstes», sagt Keller.

Lustig sind manchmal auch die Songs von Batbait; in «Concrete» ist es zu Hause derart öde, dass die Spinnen zu sprechen beginnen und draussen Aliens auf einer Schnecke vorbeireiten. In «Quiet Smile» kommentiert der tatsächlich sehr eingängige Refrain die Strophe, in der eine Unliierte ihr Glück feiert: Wie soll das ein Hit werden, ganz ohne Romantik! Aber Batbait können vor allem ernsthaft klingen, ohne pathetisch zu wirken. In «Babysteps» gehts um eine Beziehungsdynamik, erzählt aus der Perspektive der aufbrausenderen Person: «I don’t care about your doubts», singt Brühwiler, Keller dahinter, kaum zu verstehen: «I care about you», deine Zweifel sind mir egal, weil dus nicht bist. In «Goodboi» sieht man den Gegenwartsmann mit Bindungsangst vor sich, der das Ungefähre der Verbindlichkeit vorzieht: «You don’t wanna be together, you just wanna be whatever.»

«She looks nice, she don’t wanna go outside» – gut sieht sie aus, und ausgehen will sie nicht: Wie diese Zeilen in «Outside» ganz oft wiederholt werden, ganz ohne Trotz, vielleicht trifft das das Lebensgefühl dieser Band am schönsten.

Live: Plattentaufe, Zürich, Helsinki, 14. Oktober 2022; Bern, Brasserie Lorraine, 22. Oktober 2022; Schaffhausen, TapTab Musikraum, 27. Oktober 2022.

Cover der CD «Dirty Clothes» von Batbait

Batbait: «Dirty Clothes». Irascible. 2022.