Poetikvorlesung : Die Rückeroberung der Zukunft

Nr.  46 –

Wie gespeicherte Vergangenheit zur Kunstaktion für die Zukunft wird: Sechs Gesetze, um die St. Galler Mumie Schepenese in einen neuen Common Sense einzubinden. Ein Vortrag, gehalten im Kunsthaus Zürich am 16. November 2022.

Ausstellungsstück in der St. Galler Stiftsbibliothek: Schepenese, die ägyptische Priestertochter aus dem 7. Jahrhundert vor Christus
Geraubt, verkauft, verschenkt und ausgestellt: Schepenese, die ägyptische Priestertochter aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, in der St. Galler Stiftsbibliothek. Foto: Hannes Thalmann, Stiftsbibliothek St. Gallen, Keystone

Guten Abend.

Wie einige von Ihnen wissen, war ich vor ein paar Monaten einige Male hier im Kunsthaus zu Besuch. Mit der ehemaligen Bührle-Zwangsarbeiterin Irma Frey haben wir in der Ausstellung, die im neuen Anbau zu sehen ist, eine Performance gemacht. Bührle war ein Waffenhändler, der schlichtweg sämtliche Diktaturen mit Waffen belieferte, von Hitler bis zum südafrikanischen Apartheidregime, ein klassischer Schweizer Bösewicht. Mit dem Geld kaufte er Kunst, die wiederum den Verfolgten abgeknöpft worden war und die Sie hier bewundern können. Irma trug einen Stein durch die Ausstellung, an den Bildern von Van Gogh, Monet und so weiter vorbei.

Das ist so krass, dass man eigentlich annehmen müsste, krasser gehe es nicht. Und sich natürlich auch denkt: Immer dieser Fokus auf die düstere Vergangenheit, was ist denn mit Milo Rau los, warum immer dieses Schweizbashing? Ich will also aufhören, von Bührle zu sprechen, und Ihnen heute Abend einen anderen Fall vorstellen. Es ist der extremste Fall, von dem ich persönlich je gehört habe: der Fall der Mumie Schepenese, die im 19. Jahrhundert aus ihrem Grab geraubt wurde, auf verwickelten Wegen in die Schweiz gelangte und heute in der St. Galler Stiftsbibliothek, mitten im heiligen Stiftsbezirk, nackt ausgewickelt in einem Glassarg für 18 Franken pro Person zu besichtigen ist. Und mit «heute» meine ich nicht ein abstraktes «heute» im Sinne von «heutzutage», sondern: jetzt, zu diesem Zeitpunkt, am 16. November 2022. Und zwar in meiner Heimatstadt St. Gallen, wo ich morgen den Grossen St. Galler Kulturpreis erhalte.

Jeder Aufstand überwindet seine eigene Unmöglichkeit – er ist ein Wunder.

Die Fakten sind, wie bei Bührle, schnell erzählt: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird Ägypten, das zu diesem Zeitpunkt unter der Herrschaft des Osmanischen Reiches im Allgemeinen und des aus Albanien stammenden Gouverneurs Muhammad Ali Pascha im Speziellen steht, zu den Jagdgründen europäischer Schatzjäger. Man spricht von der sogenannten Ägyptomanie, ausgelöst von Napoleons ägyptischer Expedition Ende des 18. Jahrhunderts. Die Ägyptomanie war eine besonders makabre Form des Statuskonsums. So wie man heute einen Banksy-Druck über dem Sofa hängen oder einen Eames-Chair im Büro stehen hat, so gehörte es im 19. Jahrhundert zum guten Ton, ägyptisches Raubgut oder eine Mumie zu besitzen.

Auf diese Weise kam Schepenese, eine Priestertochter aus dem 7. Jahrhundert vor Christus, nach Europa. Anonyme Grabräuber hatten sie ihrem Grab entrissen, ein französischer Geschäftsmann kaufte sie und schenkte sie um 1820 einem St. Galler Freund, der sie wiederum der Stiftsbibliothek verkaufte. Übrigens ein passender Ort: Bibliotheken waren – dafür ist etwa der Leiter der St. Galler Stiftsbibliothek, Cornel Dora, ein Spezialist – das ganze Mittelalter hindurch «Wunderkammern», Vorläufer der Museen, also Kuriositätenarchive, die öffentlich zugänglich waren, Orte, an denen als exotisch angesehene Gegenstände – ausgestopfte Tiere, Ritualgegenstände und eben auch Mumien – ausgestellt wurden.

Den europäischen Armeen war die Würde oder das Seelenheil einer altägyptischen Priesterin etwa so gleichgültig wie das Schicksal der schwarzafrikanischen Sklav:innen, die damals zu Millionen in die europäischen Kolonien und nach Nordamerika verschifft wurden. Und so kommt es, dass heute neben der ältesten deutschsprachigen Bibel – die nebenbei bemerkt bereits im Jahr 1000 verfasst wurde, und zwar vom St. Galler Mönch Notker, 500 Jahre vor Luther – in der St. Galler Stiftsbibliothek eine geraubte und ausgewickelte Frauenleiche bestaunt werden kann.

So weit die Fakten. Womit wir zur Methodik kommen. Denn dies hier ist die dritte und damit letzte meiner Poetikvorlesungen. In der ersten habe ich die Gegenwart kritisiert. In der zweiten habe ich versucht, eine Geschichte der Revolte zu erzählen, um wieder ins utopische Denken zu kommen. Jetzt aber will ich eine der Studentinnen des Begleitseminars zu dieser Vorlesung zitieren, die mich fragte: «Milo, was bringt diese Vorlesung konkret?» Ich dachte mir also, ich sollte mit einer Kunstaktion enden. Und da das hier eben eine Poetikvorlesung ist: dabei auch gleich ein paar Methoden auflisten, im Folgenden hochtrabend «Gesetze» genannt.

Erstes Gesetz: Komplexität aushalten

Ein Sachverhalt wird nicht einfacher, sondern komplizierter, je mehr man über ihn weiss. Fangen wir mit einer Überraschung an: Juristisch steht St. Gallen in diesem Grabraub korrekt da. Der Ankauf durch St. Gallen war legal, ebenfalls die Ausfuhr aus Ägypten. Die Grabräuber waren keine Europäer, Ägypten stand nicht einmal unter direkter europäischer Herrschaft zu jenem Zeitpunkt, sondern unter osmanischer. Zum anderen ist die Stiftsbibliothek früher selbst zum Opfer von Kunstraub geworden: Denken Sie an den Globus, den eine Zürcher Armee zu Beginn des 18. Jahrhunderts aus St. Gallen raubte und der bis heute, wie zum Hohn, in einem anderen Zürcher Museum steht – dem Landesmuseum.

Und Schepenese ist sowieso nur ein Fall unter Tausenden. Die Leiche von Schepeneses Vater zum Beispiel lagert in Berlin, ebenfalls nicht unter sehr würdigen Umständen. Und was die ägyptischen Museen selbst angeht, so ist es um diese keineswegs besser bestellt. Die Frage, ob Sklaverei, der Raub von Kulturgütern und die zahllosen Genozide durch die europäischen oder osmanischen Besatzungsmächte in den afrikanischen Staaten Verbrechen waren oder nicht, ist unterdessen von der Wissenschaft klar mit Ja beantwortet. Aber die eigentliche Frage, nämlich «Was folgt heute daraus?», ist höchst umstritten, beziehungsweise lautet die Antwort eben: «Es ist kompliziert.»

Dies deshalb, weil die verübten Verbrechen damals, als sie geschahen, legal waren, sowohl im Land selbst wie in den jeweils in die Verbrechen verwickelten europäischen Ländern. Eine aus ihrem Grab geraubte Leiche, ein versklavtes Kind, eine entführte junge Frau: Damals, im 19. Jahrhundert, waren das Handelsgüter. Wir sind also mit einem einfachen Problem konfrontiert: der Eigengesetzlichkeit des Vergangenen. Weshalb es eben, das vielleicht eine erste Schlussfolgerung, nicht darum geht, was damals richtig war, sondern wie wir heute handeln. Oder wie mein Lieblingszitat von Monica Hanna lautet, Professorin für Cultural Heritage in Assuan und Mitglied unserer Expert:innenkommission: «Wir können die Geschichte nicht ändern. Aber wir können die Fehler der Vergangenheit korrigieren.» Würde ich als St. Galler auf dem Besitz und der weiteren Zurschaustellung von Schepenese bestehen, dann wäre das etwa so anachronistisch, wie wenn ich die Sklaverei, die Tradition der Zwangsheirat oder die Kinderarbeit wiedereinführen wollte, die damals ja auch legal waren.

Zweites Gesetz: Eine breite Basis schaffen

Aber: Die Vergangenheit zu «korrigieren», das kann schnell in die Irre führen. Man kennt das aus der Bührle-Ausstellung hier im Kunsthaus oder der Schädelsammlung im Berliner Humboldt-Forum. Ich nannte es aus Witz einmal die «Deutsche Ideologie», man könnte es aber genauso die «Schweizer Ideologie» nennen: Während an den Macht- und Besitzverhältnissen nichts geändert wird, heftet man neben die Raubkunst geschwind ein paar Provenienzinfos und eröffnet einen jener «Dokumentationsräume», in denen die Verbrechen der Vergangenheit verurteilt werden. Es ist ein bisschen so, wie wenn man sich in der Umkleide die Füsse mit Chlor abspritzt, bevor man in die Sauna geht, um keinen Fusspilz zu bekommen. Je konsequenter die Vergangenheit kritisiert wird, desto heilloser ist die Gegenwart.

Deshalb ist das Schaffen von breiten Solidaritäten über Länder- und Fach- und Zeitgrenzen hinweg zentral. Über hundert Menschen aus allen Fachgebieten, von Theolog:innen über Künstler:innen, von Kulturwissenschaftler:innen bis Politiker:innen, tragen unsere «St. Galler Erklärung für Schepenese» mit. Woher hätte ich wissen können, dass die nackte Präsentation einer Mumie im altägyptischen Glauben Verdammnis bedeutet, hätten es mir nicht Ägyptolog:innen erzählt? Wie hätte ich vermuten können, dass es neben der einleuchtenden, aber (gerade im Fall einer Diktatur wie Ägypten) komplexen Idee der Restitution viele andere Wege gibt? Etwa den Vorschlag, den Gewinn mit Ägypten zu teilen, also pro Eintritt einen «Franken der Würde» abzuzweigen. Oder Austausch: Warum geht nicht eines der Manuskripte, etwa die älteste deutsche Bibel, nach Ägypten?

Das Wichtigste für jede Bewegung ist das Ausweiten und Diversifizieren der Basis: das Schmieden von Bündnissen, das Suchen und Finden von Kompliz:innen, von institutionellen Mitgliedern der alten Ordnung, die sich aber als erneuerbar zeigen. So bin ich bei den «Moskauer Prozessen» im putinfreundlichen TV in Talkshows aufgetreten, fürs «Kongo Tribunal» habe ich nicht nur mit der kongolesischen Anwaltskammer, sondern auch mit der (zugegeben korrupten) Provinzregierung zusammengearbeitet. Für die «St. Galler Erklärung für Schepenese» sind wir nun seit Monaten mit der Stiftsbibliothek in Kontakt. Was uns mit den Seltsamkeiten eines jeden Museums konfrontiert: Wer Vergangenheit speichert, speichert auch deren Widersprüche. Ich weiss: Es gehört zum Stil unserer Zeit, schon minimalste Unstimmigkeiten als Grund zu nehmen, eine Kooperation abzubrechen und vom Diskurs zum Shaming überzugehen. Wenn ich aber einer Bewegung, die tatsächlich etwas verändern und nicht nur die eigenen Vorurteile bestätigen will, einen Tipp geben darf: Hört zu. Und hört vor allem den Menschen und den Institutionen zu, die ihr verändern wollt.

Noch wichtiger aber: Globale Probleme bedürfen globaler Allianzen. Denn von ökonomischen und juristischen Gründen ganz abgesehen: Warum Schepenese nach Ägypten zurückbringen, 3000 Jahre nach ihrem Tod? Ist das nicht bloss eine andere Form des ahistorischen Exotismus? Um diese und viele weitere Fragen zu klären, arbeiten wir in Ägypten mit der Universität von Assuan zusammen. Ähnlich wie in Europa ist die Besorgnis um das kulturelle Erbe ein an sich zivilisierender Vorgang: das Fenster innerhalb einer Diktatur, aus dem heraus man mit der Welt in Kontakt treten kann. Und was auch immer nach der Pressekonferenz zur «St. Galler Erklärung für Schepenese» geschehen wird: Noch vor ein paar Monaten war die Idee, dass die Mumie aus St. Gallen in ihre Heimat zurückkehren würde, völlig undenkbar. So wie es vor einem Jahr noch absolut undenkbar gewesen wäre, dass die Bührle-Zwangsarbeiter:innen jemals entschädigt würden – was ja kürzlich geschehen ist.

Drittes Gesetz: Das Problem bist du selbst

Diesen Punkt kann man relativ einfach abhaken, nämlich mit einem One-Liner: Mache nie ein Projekt, das nicht (auch) von dir selbst handelt. Kürzlich hat mir eine Gruppe Aktivist:innen einen offenen Brief angedroht, in dem es hiess, mein «Kongo Tribunal» sei im Endeffekt nichts weiter als «appropriation». Warum würde ich mich um die Probleme der Kongoles:innen kümmern, ihnen die Schau stehlen, wenn es um ihr Unglück, ihre Probleme gehe? Das ist richtig: Warum? Ich glaube nicht, dass die Tatsache ausreicht, dass es sich beim «Kongo Tribunal» in jeder Hinsicht um ein globales, zumindest ein binationales Projekt handelt: Die Untersuchungsleiter:innen sind Kongoles:innen, die Jury ist gemischt europäisch-kongolesisch und so fort.

Entscheidend ist aber: Objektiv ist jeder in diesem Saal schuldig am Elend im Kongo. Und zwar einfach deshalb, weil die grösste Rohstofffirma, die im Ostkongo tätig ist, nämlich Glencore, eine Schweizer Firma ist. Über 200 Milliarden Franken beträgt der Umsatz dieser Firma, die ihren Sitz nicht weit von hier, in Baar, hat. Kolwezi und Baar, Kolwezi und Zürich, in der globalen Logik der Weltwirtschaft sind das Partnerstädte. Aber auch dass ich St. Galler bin, dass der Kulturpreis, den ich morgen erhalte, unter anderem durch die Eintrittsgelder der Stiftsbibliothek finanziert ist – so wie dieses Kunsthaus durch die Verbrechen im Kongo oder die Fabriken von Bührle –, ist nur die eine Sache.

Denn da ist noch etwas, und das geht tiefer: Es hat mit der Gleichgültigkeit zu tun, in der ich bisher zusammengelebt habe mit Schepenese. Mit der Normalität, mit der wir den Kongo ausbeuten, jeden Tag. Mit der Tatsache, dass eine Frau aus ihrem Grab geraubt, ausgewickelt und gegen Geld ausgestellt wird, im Herzen meiner Heimatstadt. Mit der Tatsache, dass mir das überhaupt nicht aufgefallen war, bis ich dieses Projekt in Angriff nahm. Das Problem sind wir. Und das ist, ganz simpel, der Grund, warum Engagement in einer globalen Welt nicht «appropriation» ist – sondern Verpflichtung.

Viertes Gesetz: Schaffe Common Sense

Eine gestohlene Leiche, nackt ausgestellt neben der ältesten deutschen Bibel: Wie grotesk ein Zustand auch immer sein mag, er ist so lange Common Sense, bis er infrage gestellt wird. Man kennt die berühmte Entschuldigung der Europäer:innen nach dem Krieg: Sie hätten vom Holocaust nichts gewusst. Zwar verschwanden nach und nach alle ihre jüdischen Nachbar:innen und Arbeitskolleg:innen. Aber all das wurde irgendwie normalisiert, war irgendwie unsichtbar, würde schon seine Richtigkeit gehabt haben. Politisch sein heisst deshalb: explizit sein. Es heisst, einen Aggregatzustand herzustellen, Dinge zusammenzumischen, das, was alle umtreibt und was alle zu wissen meinen, zu einer Art explosiven Legierung zu verarbeiten. Denn erst in eine absolut klare Form gebracht, kann eine skandalöse Tatsache Forderung sein.

Was heisst aber Common Sense? Es ist das, was der Philosoph Antonio Gramsci unter Hegemonie verstand: die Produktion zustimmungsfähiger Ideen, die stärker sind als die spaltende Kraft des Faktischen. Wichtig ist das Wörtchen «common», gemeinsam – es geht um eine Mehrheit. Seit Jahrzehnten versuchen alle möglichen Gruppen, Schepenese aus der Stiftsbibliothek zu entfernen, sie in Würde zu bestatten, sie nach Ägypten zurückzubringen. Aber es gelang nie, weil die Nachteile, der Aufwand, die Beharrungskraft der Zustände stärker waren.

Manchmal – wie bei der Fridays-for-Future-Bewegung – schafft der schiere Druck der Realität in Form von Hitzesommern die Verwandlung einer Minderheitenposition in eine hegemoniale Gründungserzählung. Idee und Wirklichkeit finden zusammen, katastrophisch. Den meisten Bewegungen aber, da sie nicht gegen eine bereits Realität gewordene Zukunft kämpfen, sondern für eine Zukunft, die erst noch werden muss, steht dieser Druck des Tatsächlichen nicht zur Verfügung. Ihre Inklusionsbemühungen müssen deshalb mit der kollektiven Vorstellungskraft arbeiten, die vielgestaltig, widerständig und widerspenstig ist – vor allem in einer Demokratie.

Denn Common Sense bringt genau das mit sich, was ich in der ersten Vorlesung den Re-Import von externalisierten Widersprüchen genannt habe. Was geht uns Ägypten an? Was kümmert uns eine Frau, die vor 3000 Jahren starb? Gehört sie nicht uns? Bis plötzlich, fast wundersam, eine Mehrheit sagt, in breitestem St. Galler Dialekt: «Da goht nöd!» Und Schepenese endlich heimkehren kann.

Fünftes Gesetz: Schaffe Ereignisse

Common Sense, Debatten, Bündnisse: Das alles ist wichtig, unerlässlich. Aber was den Menschen den Glutkern in die Seele legt, manchmal über Generationen, ist das revolutionäre Ereignis. Nehmen wir den Moment, als ein namenloser Demonstrant im Kongo dem belgischen König bei einer Parade den Säbel stiehlt, diese Sekunde, die die Unabhängigkeit eines halben Kontinents einleitete: Es bedeutet nichts und alles, nämlich dass nachher etwas anderes möglich und denkbar ist als davor. Das revolutionäre Ereignis lässt sich keiner bereits bestehenden Ordnung einfügen, es kommt von nirgendwo.

Ich erinnere mich, wie ein orthodoxer Priester mir nach dem Auftritt von Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkathedrale sagte: «Sie sind ein Meteorit, ein Meteo-Riot.» Denn revolutionäre Ereignisse wirken erst mal undurchdacht, wirr, völlig zufällig – fast wie eine Naturkraft. Aber dann affirmiert sich ihr Sinn, aus der Wiederholung wird Wahrheit, eine neue Norm des Handelns. Ich selber erinnere mich heute noch an die ersten Demonstrationen, die ich mit meiner Mutter besuchte: an die Begeisterung, die Hitze, die die Menge zusammenschweisste. Denn eine Revolte kann geplant werden, Bündnisse und Common Sense müssen geschaffen werden. Vor allem aber ist jeder Aufstand Freude, Abenteuer, Zärtlichkeit, Grössenwahn. Jeder Aufstand überwindet seine eigene Unwahrscheinlichkeit, seine Unmöglichkeit – er ist ein Wunder, wie man so sagt.

Sechstes Gesetz: Dranbleiben

Ich will sie gern einladen: Am Donnerstagnachmittag werden wir mit einem Appenzeller Heuwagen, auf den ein ägyptisches Totenschiff montiert ist, vom Klosterareal, in dem Schepenese gefangen gehalten wird, zum St. Galler Bahnhof fahren. Oben, in einem kleinen Totenhaus, wird sorgfältig aufgebahrt eine Mumie liegen. Und eine Priesterin wird, sanftmütig und nur so laut, dass die Umstehenden sie gerade hören können, folgende Worte sprechen:

«Ich will dir deine Beine geben,
damit du gehen kannst und deine Sohlen sausen lässt.

Ich will dir geben, dass du reist mit dem Südwind.
Und dass du eilst mit dem Nordwind.
Du sollst das Meer überqueren, zu Fuss,
wie du es auf dem Lande getan hast.
Du sollst die Flüsse beherrschen in der Gesellschaft des Phönix.
Ohne dass sich dir jemand entgegenstellt am Ufer.
Möge dir das Himmelstor geöffnet werden
und die Herzen der Götter voller Freude sein, wenn du nahst.»

Und dann? Dann wird eine kleinteilige Arbeit beginnen, die Medien werden berichten, die Stiftsbibliothek wird einen Gegenentwurf präsentieren, die ägyptisch-schweizerischen Arbeitsgruppen werden sich treffen. Ob und wann Schepenese jemals ihre Sohlen sausen lässt, heimkehren wird, 3000 Jahre nach ihrem Tod – ich weiss es nicht. Denn das ist, ganz offensichtlich, das Problem an jeder Revolte, an jedem Ereignis: Wie wird das Ungewisse, das Wunder, das Zeichen, das Ereignis zur Norm?

Ich glaube an die symbolische Macht des Ereignisses – aber auch an die Logik der Arbeit, der Ausdauer, der Nachhaltigkeit. Denn auch ein Ereignis ist nur Ereignis, wenn es mit universaler Pracht auftritt: in der Pracht einer Humanität und einer Gerechtigkeit, die nach einer Art von zärtlicher Ewigkeit heischen.

Denn die Ordnung muss gestört werden, nachhaltig, ausdauernd, immer wieder. Die Toten müssen zurückkehren in ihre Heimat, damit die Lebenden ein anderes, ein wahres Leben führen können. Bührle, die Stiftsbibliothek, unsere alten Institutionen, unsere Museen, unsere Theater, unsere Parlamente, unsere Schulen müssen reformiert werden. «Lasst Schepenese heimkehren», das bedeutet: Die Zeit der Kritik ist vorüber, angebrochen ist das Zeitalter des Aufstands. Der zivile Gehorsam ist das Problem, nicht der zivile Ungehorsam. Oder wie Luca Casarini, ein Kapitän der Seenotrettung, einmal zu mir gesagt hat, als ich in Italien meinen Jesus-Film «Das Neue Evangelium» drehte: «Es gibt in der Bibel einen Übersetzungsfehler. Es müsste nicht Mitleid heissen, sondern Empörung.»

Luca nennt diese Empörung «radikale Liebe»: Liebe zur Zukunft, Liebe zur Welt, Liebe zu den Menschen.

Milo Rau
Milo Rau Foto: Sabine Gudath, imago