Von oben herab : Mit Tbc und ohne Pass

Nr.  47 –

Stefan Gärtner rudert bei der WM zurück

Um das auch einmal zu sagen: Ich habe keinesfalls immer recht. Zwei Wochen ist es her, dass ich am Schreibtisch sass und für ein deutsches Satiremagazin den Fifa-Präsidenten Infantino als Zentralfigur des Bösen ausmachte, als Inkarnation eines Kapitalismus nämlich, dem alles egal ist, weil ihm alles egal sein kann; und jetzt erwischt mich Infantino kalt, und ich muss wieder einmal das tun, was der politische Journalismus «zurückrudern» nennt.

Denn Infantino, Entschuldigung, ist der Grösste. Wenn nämlich, frei nach Kleist, der Wahnsinn durch ein Unendliches gehen muss, um glücklich zu Grazie und Freiheit zu werden, dann hat Gianni Infantino bzw. «Infantilo» (meine Frau) diese Hintertür zum Paradies geöffnet, indem er eine jetzt schon legendäre Pressekonferenz mit den jetzt schon legendären Worten eröffnete: «Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell, heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant.» Und: «Ich weiss, wie es ist, diskriminiert zu werden. Ich wurde gemobbt, weil ich rote Haare hatte.» Und wird er heute, wo er gar keine Haare mehr hat – schon gar keine, sic!, roten –, nicht immer noch gemobbt von Leuten, die dem idiotischen Gedanken anhängen, Fussball oder Sport ganz allgemein müsse mehr sein als kapitalistisches Zurichtungs- und Vermarktungstheater? Dabei ist – Adorno wusste es, der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher wusste es, Christian Lindner (FDP Deutschland) weiss es – schlicht alles Kapitalismus, und Eckhard Henscheid wusste es vor fünfzig Jahren ebenfalls, als er Romane schrieb, die auf «der absoluten Vergeblichkeit humanistischer Grundposition» beruhten und also darauf, dass sich dem Saustall nur mehr mit ästhetischem Interesse begegnen lasse.

Die Wahrheit lautet, dass der Kapitalismus alles darf, weil er alles kann.

Ich habe natürlich recht, wenn ich schrieb, Infantino, der neuerdings sogar in Katar wohnt (!), handle im Gefühl «so gut wie absoluter Narrenfreiheit»; ich übersah allerdings, dass Kinder (Infantilo!) und Narren immer die Wahrheit sagen. Und haben wir, in Zeiten von Fake News und Verschwörungsidiotie, denn etwas gegen die Wahrheit? Die nun einmal lautet, dass der Kapitalismus alles darf, weil er alles kann? Es ist, ich wette, nicht einmal so, dass Infantino den eiskalten Zyniker gab, der man als Fifa-Präsident wohl einfach sein muss, nein: Als er plötzlich ein schwuler, behinderter Arbeitsmigrant war, glaubte er tatsächlich dran, denn es spricht ja nicht gegen Diversität, dass der Kapitalismus mit ihr prima lebt und die Kinder und Kindeskinder von Arbeitsmigrantinnen durch seine Reklamen schickt, weil die Welt nämlich allen gehört, jedenfalls allen mit Geld.

Und so wie es der Werbung um den Moment geht, in dem wir alle leben sollen – was morgen ist, wen kümmert das –, war Infantino momentan «ein schwuler Kommunist mit Tbc und ohne Pass» (Franz Josef Degenhardt), also von niemandem mehr zu retten als von entweder Jesus («Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid», Matth. 11, 28) oder ebenjenem Weltspitzenfussball, den es auf Beschluss des Zürcher Gemeinderats auf öffentlichem Grund nicht zu sehen geben wird, auf Antrag der Alternativen Liste und «aus Protest» (watson.ch). Derweil hatte der deutsche Leitartikel beim Frühstück schon auf die prekäre Lage von Flüchtlingen in Australien hingewiesen, das bei der WM-Vergabe am Kandidaten mit der schlechtesten Bewerbung, aber dem meisten Geld gescheitert war, und also vor jener Heuchelei gewarnt, wie sie auch darin bestehen mag, am Fifa-Hauptsitz das Public Viewing zu verbieten.

«So ist Fussball. Manchmal gewinnt der Bessere», hat der deutsche Fussballweltmeister Podolski einmal gesagt. Und ist Infantino nicht der schlichtweg Beste?

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

Sein Buch «Terrorsprache» ist im WOZ-Shop erhältlich unter www.woz.ch/shop.