Deradikalisierung: Mit Rechten rumalbern

Nr. 5 –

Der Aufstieg der britischen radikalen Rechten ist auch in einem Jugendzentrum in Hull zu spüren. Zu Besuch bei jenen, die versuchen, junge Leute vom Weg in den Extremismus abzubringen.

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James Dowdle, JJ Tatten und Harry Foster vor dem Gebäude des «The Warren Youth Project»
«Wir fordern die Jungs heraus und ermuntern sie, ihre Haltung zu hinterfragen»: Die Jugendarbeiter James Dowdle, JJ Tatten und Harry Foster.

JJ Tatten ist seit vielen Jahren Jugendarbeiter, aber es gibt immer wieder Dinge, die ihn überraschen. Vor nicht allzu langer Zeit, als er in ärmeren Stadtteilen Essenspakete verteilte, stellte er fest, dass viele junge Menschen noch nie in ihrem Leben ein Schweinsrippchen gesehen hatten. «Dass sie nicht wissen, wie man es kocht, ja, das hatte ich erwartet – aber dass sie schlichtweg nicht wissen, was es ist, das haute mich um», sagt Tatten.

Anderes hingegen überrascht ihn nicht. Zum Beispiel, dass der Aufstieg der radikalen Rechten, den man in Grossbritannien seit einigen Jahren beobachtet, auch in den Räumen seines Jugendzentrums zu spüren ist – und dass die Deradikalisierung junger Männer ein zunehmend wichtiger Teil seiner Arbeit geworden ist.

Der Club heisst «The Warren» und liegt im Zentrum von Hull, einer etwas abgelegenen Stadt in Nordengland. Er ist in einem imposanten dreistöckigen Gebäude untergebracht, dessen grosszügige Bogenfenster auf den Stadtpark gehen. «Hull ist eine der ärmsten Städte des Landes», sagt Tatten, als er durch die Gänge führt und hier und da eine Tür öffnet. Die Jugend kämpfe mit Drogen- und psychischen Problemen, mit Obdachlosigkeit und schlechter Bildung – ein geräumiges Gemeinschaftszentrum ist genau das, was es in Hull braucht.

Selbst bestimmen, was passiert

In einem bunt bemalten Raum im ersten Stock sitzen Teenager an Computern und lernen, wie man digitale Designs entwirft. Im Musikstudio beugt sich ein junger Mann übers Mischpult und bearbeitet einen neu aufgenommenen Rocksong. Das Therapiezimmer ist geschlossen, es findet gerade eine Beratungsstunde statt. Weiter hinten liegt das Tanzstudio, im Erdgeschoss die Ausbildungsküche. In der Lounge wird das Mittagessen abgeräumt, gesättigte Jungs und Mädchen fläzen auf den Sofas und plaudern. Im vergangenen Jahr fanden fast 1500 junge Menschen zwischen 11 und 26 Jahren Hilfe und Beratung im ­«Warren».

Sie sind nicht bloss Besucher:innen, sondern können selbst bestimmen, was im Club passiert: Alle wichtigen Entscheidungen werden vom Jugendparlament gefällt, dem Thing, wie es genannt wird, in Anlehnung an die Versammlungen der alten Germanen. Alle zwei Wochen tagt das Thing und entscheidet über die Fragen, die gerade anstehen – etwa ob man bei einem bestimmten Problem mit der Polizei zusammenarbeiten soll oder ob ein Schweizer Journalist den Jugendclub besuchen darf.

JJ Tatten leitet das Zentrum seit zwölf Jahren. Der 57-jährige Ire hat eine direkte, sympathische Art, die zu seiner bärenhaften Erscheinung passt. Er begann zunächst eine Karriere als Journalist. Dann gründete er eine Medienlobbyfirma, stieg aber bald wieder aus, weil die Branche «voll von Arschlöchern» sei. Das Metier des Jugendarbeiters liegt ihm. Man sieht es ihm an, wenn er gut gelaunt durchs Zentrum schreitet und mit Jugendlichen oder Kollegen schäkert. Rumzualbern sei ein wichtiger Teil seines Jobs, sagt er. «Es geht darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich junge Menschen gegenseitig verstehen, sodass wir ein Mass an gemeinschaftlicher Harmonie schaffen.»

Aber im heutigen politischen Klima ist das gar nicht so einfach. Die radikale Rechte hat sich im Lauf der vergangenen zwölf Monate als prägende Kraft in der britischen Politik etabliert. Nigel Farages Partei Reform UK liegt in Meinungsumfragen seit dem Frühjahr auf Platz eins. Gleichzeitig ist eine Strassenbewegung auf dem Vormarsch, die es im September geschafft hat, in London die grösste Rechtsdemo der britischen Geschichte zu organisieren. Auch in Hull ist es zu rassistischen Protesten gekommen, zuletzt im vergangenen Juli, nur einen Steinwurf vom «Warren» entfernt.

Zwar sind Brit:innen zwischen 16 und 25 nicht die treibende Kraft hinter der rechten Welle: Ältere Generationen sind unter den Unterstützer:innen von Reform UK übervertreten, wie Erhebungen zeigen. Dennoch ist der landesweite Rechtsrutsch auch hier im Jugendzentrum zu spüren. Regelmässig stossen Tatten und seine rund dreissig Mitarbeiter:innen im «Warren» auf Jungs – es sei ein überwiegend männliches Problem –, die rechte Haltungen verinnerlicht haben: Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, Verachtung gegenüber Frauen oder Homophobie.

«Wir fällen kein Urteil»

Ein junger Mann hat sich neben Tatten gesetzt. Harry Foster ist 23 Jahre alt und prominent tätowiert, unter anderem mit einer Dornenkrone, die sich rund um den kurz geschorenen Kopf zieht. Früher kam er als Besucher ins Zentrum, meist hielt er sich im Musikstudio auf; seit einigen Jahren arbeitet er als Jugendarbeiter im «Warren». Er unterstützt Menschen ab elf Jahren, die Gefahr laufen, straffällig zu werden, oder solche, die ins rechtsradikale Milieu abzurutschen drohen.

Foster wurde selbst als Teenager von rechten Aktivisten «verführt», wie er sagt, und hing rassistischen und frauenfeindlichen Ideen an. Seine eigene Erfahrung hat ihm wichtige Einblicke in den Prozess der Radikalisierung gegeben. «Es ist viel einfacher, jemanden mit extremistischen Ideen zu locken, wenn er Probleme oder Verwundbarkeiten hat», sagt Foster: Armut, Drogen, psychische Schwierigkeiten, Wohnungsnot. Deshalb sprechen die Jugendarbeiter im «Warren» von der Radikalisierung als Grooming, also einem Prozess, in dem Erwachsene gezielt Kinder oder Jugendliche manipulieren und ausnutzen.

«Ein grosser Teil der rechten Politik beruht auf der Feststellung: ‹Dein Leben ist beschissen.› Und dann beginnt man, die Schuldigen für diesen Zustand auszumachen», sagt Foster.

Das Problem ist, dass das Leben vieler Leute in den vergangenen fünfzehn Jahren tatsächlich härter geworden ist. Infolge der Austeritätspolitik ab 2010 stagnierten die Löhne der Brit:innen, während die Wohnungspreise unerbittlich angestiegen sind. Später sind die Folgen des Brexit hinzugekommen, und 2022 wurden Lebensmittel und Energie sprunghaft teurer. «Aber das zu erklären, ist kompliziert», sagt Foster. «Viel einfacher ist es zu sagen: ‹Dieser Ausländer ist hierhergekommen, und weil er hier ist, ist dein Leben schlechter.› Das ist eine einfache Botschaft, die ankommt.»

Um dagegen anzukämpfen, reiche Antirassismus nicht – und eine krude Form von Antirassismus könne sogar schädlich sein, sagt JJ Tatten. «Wir bezeichnen die Leute nie als Rassisten. Wir fällen kein Urteil über sie.» Ein Fehler, den beispielsweise manche Schulen machten, bestehe darin, Teenager mit extremen Ansichten in ein Zimmer zu setzen und ihnen zu sagen, warum Rassismus schlecht sei. Das sei gut gemeint, nütze aber nichts. «Denn der rechte Demagoge hat seinen Opfern bereits gesagt, sie würden von Erwachsenen belehrt werden, dass ihre Meinungen falsch seien», sagt Tatten. «Da denken sich die Jungs: ‹Er hatte recht, er ist ein Hellseher!› Und ihre Haltung verhärtet sich.»

Was macht man im «Warren» stattdessen? «Zu Beginn gar nichts», sagt Tatten. «Zunächst einmal reden wir nicht darüber, sondern unterhalten uns über etwas anderes. Musik, Sport, Fernsehen – irgendwas, das sie interessiert.» So könne er langsam das Vertrauen der Jungs gewinnen.

Der Kontakt zu anderen Menschen sei mitunter das beste Mittel, um die Anziehungskraft rechtsextremer Ideologien zu schwächen. «Wir geben den jungen Menschen ein Gefühl der Zugehörigkeit. Denn die Rechte nutzt Teenager aus, die sich zurückgelassen fühlen, denen die Kontrolle über ihr Leben fehlt und die das Gefühl haben, niemand interessiere sich dafür, was sie denken.» Darum seien Jugendzentren wie der «Warren» entscheidend, um die radikale Rechte zurückzudrängen.

Aber hier gibt es ein Problem. Denn die Sparpolitik ab 2010 hat die Brit:innen nicht nur ärmer gemacht, sie hat auch das öffentliche Leben verkümmern lassen. Neben Hunderten Bibliotheken, Schwimmbädern und Freizeitanlagen sind mehr als 1200 Jugendclubs der Sparwut zum Opfer gefallen. «Jetzt sehen wir, was die Konsequenzen sind», sagt Tatten. «Junge Menschen sind isoliert, sie ziehen sich in die Echokammern der sozialen Medien zurück, in denen ihnen Algorithmen Inhalte liefern. Was vielen fehlt, ist die Möglichkeit, einfach mit anderen Menschen zusammen zu sein.»

In den sozialen Medien stossen sie auf Leute, die sie auffordern, die Kontrolle zurückzuholen und gegen die Unzulänglichkeiten ihres Lebens aufzubegehren. «Rechte Extremisten sagen ihnen, dass sie ihr Land gegen Eindringlinge verteidigen müssen oder dass sie nicht vor Frauen kuschen sollen», sagt Harry Foster. «In der verwundbaren Situation, in der sich viele Jungs befinden, ist das die perfekte Botschaft.»

Um junge Männer aus dem Griff dieser Propagandisten zu befreien, müsse man mit Fingerspitzengefühl vorgehen, sagt Tatten. Erneut gilt: Kluge Belehrungen sind kontraproduktiv. Zu erklären, dass sie ausgenutzt würden oder dass sie einem Demagogen auf den Leim gegangen seien, höhle bloss ihr Selbstbewusstsein aus. Stattdessen versucht der «Warren», die Jungs auf eine Weise von rechtsextremen Haltungen abzubringen, die ihr Selbstwertgefühl stärkt.

Die Welle brechen

Das Gespräch kehrt erst dann zum Thema Extremismus zurück, wenn die Jugendarbeiter:innen eine gute Beziehung zu den Jungs aufgebaut haben. «Wir beginnen, indem wir Fragen stellen», sagt Foster. «Wenn jemand beispielsweise sagt, dass uns die Migranten die Wohnungen wegnehmen, dann frage ich: ‹Wo hast du das gehört? Was ist die Quelle für diese Behauptung?› Wir regen die Leute zum Denken an.»

Radikalisierung geschehe genau andersherum: Der rechte Propagandist gibt die Antwort, die es nicht anzuzweifeln gilt. «In unseren Gruppengesprächen rattern die Jungs oft ein Skript runter. Man merkt, dass sie das nicht selbst denken, sondern dass sie es irgendwo gehört haben», sagt Foster.

«Wir tun das Gegenteil: Anstatt dass wir ihnen eine alternative Antwort geben, fordern wir sie heraus und ermuntern sie, ihre Haltung zu hinterfragen.» So entstehe schnell ein Dialog, die Jungs machten sich selbst Gedanken. Sie beginnen, zu zweifeln und nach Informationen zu suchen – und schrittweise graben sie sich selbst aus dem Sumpf des rechten Dogmas heraus. «Es geht darum, junge Menschen zu ermächtigen», sagt Foster, das heisst: Sie sollen selbst die Kontrolle über den Prozess der Deradikalisierung haben.

JJ Tatten hat keine Zweifel, dass die rechte Welle gebrochen werden kann. Es wäre schliesslich nicht das erste Mal. «Wir haben immer wieder schwierige Zeiten erlebt», sagt er. «Zuletzt etwa vor fünfzehn Jahren, als die rechtsextreme British National Party (BNP) an Einfluss gewann. Sie versuchte, die Entscheidungen im Thing zu kontrollieren, indem sie junge Männer aus ihrem Milieu in den ‹Warren› schickte.»

Für die Mitarbeiter:innen sei es schwierig gewesen, weil sie sich nicht in die Vorgänge der Versammlung einmischen dürften. «Aber wir hätten uns keine Sorgen machen müssen: Innerhalb einer Woche hatten die jungen Menschen eine Gegenmobilisierung gestartet. Bald waren die Jungs der BNP in der Unterzahl und wurden rausgeschmissen.»