Patriarchale Gewalt: Wenn Worte fehlen

Nr. 6 –

Als in ihrer Nachbarschaft ein Femizid begangen wird, erinnert sich Autorin Maria-Lusie Tzikas an die Gewalt, die sie selbst erlebt hat. Und fragt sich: Wie lässt sich darüber sprechen?

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Illustration von Maria Sulymenko: eine Frau steht vor einer schwarzen Wand, im Vordergrund ein bedrohlicher Schatten

Ich liege im Bett und gebe die Schlagwörter «Frau», «Schweiz» und «tot» in die Suchmaschine ein, wie ich das fast jeden Morgen tue – eine Gewohnheit, die einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. Heute folgt darauf ein Gefühl, das ich schon lange nicht mehr hatte: Schock. Denn die «verstorbene Frau», von der die Zeitung berichtet, war meine Nachbarin. Ich springe auf und renne zum Fenster, öffne es, stosse die Storen hoch und starre es an, das Haus gegenüber, und versuche durch blosses Betrachten ihr Fenster ausfindig zu machen. Es ist wieder passiert. Und ich konnte wieder nichts dagegen tun – nicht einmal, wenn es vor meiner Haustür passiert. Ich schliesse das Fenster, zerknautsche die 101 Dalmatiner auf meiner Bettwäsche und starre die Decke an. Ich trauere.

«Jemand wollte, dass sie leidet, bevor sie stirbt», flüstert E. über ihre heisse Schokolade hinweg und schnipst aus Versehen die Asche ihrer Zigarette hinein. Ich versuche, sie mit dem Löffel aus der Schokolade zu fischen, bevor sie sich auflöst. Wir sitzen draussen auf der Terrasse unserer Lieblingsbar, und E.s Worte gehen fast unter im Geplätscher des Brunnens neben uns. «Ich sag es euch: Es ist eine Hexenjagd. Keine von uns ist mehr sicher», meint Y., packt eine Packung Biokekse aus und stellt sie auf den Tisch. Beide kannten die ermordete Frau gut. Sie war Teil der queeren Community, trans, Sexarbeiterin, eine Frau, die ihre Identität nicht versteckte. Ich hake nach: «Darf ich ein Bild von ihr sehen?» Durch den Artikel im Internet hatte ich nur erfahren, dass sie im Hausblock gegenüber gewohnt hat. Wie sie aussah, wusste ich nicht.

Ich bereue die Frage, sobald mir E. ihr Handy entgegenstreckt, denn ich habe sie oft gesehen. Abends, wenn ich vom Bahnhof nach Hause ging, kam sie mir entgegen. E. lacht: «Das war ihr Ding. Sie hatte nie genug Zigaretten und holte sich oft spätabends nach einem Kunden eine neue Packung am Bahnhof. Sie hatte keine Angst. Deshalb arbeitete sie auch von zu Hause aus. Aus Sicherheitsgründen machen das viele in ihrem Sektor nicht. Sie war eine Frau, die sich nichts gefallen liess», sagt E. – und Y. fährt etwas leiser fort: «Unter ihren Kunden waren Familienväter, Geschäftsführer und sogar Polizisten: wichtige Männer in wichtigen Positionen.» Sie krümmt Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand bei dem Wort «wichtig». Betreten lauschen wir noch für eine Weile dem Brunnen, bis klar wird, dass es nichts mehr zu sagen gibt.


Meine Grossmutter fragte mich vor einigen Monaten, wieso ich nicht über schöne Dinge schreibe, wieso ich mich so an diesen «Frauenthemen» festbeisse. Lange wusste ich keine Antwort. «Weil ich selbst betroffen bin», reichte nicht. Erst als ich es andere Frauen sagen hörte, fand ich die richtigen Worte dafür. Denn Gewalt trägt viele Formen: Eine davon ist Ohnmacht, Sprachlosigkeit. Wie soll ich von Gewalt erzählen, wie kann ich sie als solche wahrnehmen, wenn ich nie gelernt habe, darüber zu reden? Ich finde mich als erwachsene Frau dabei wieder, meine Muttersprache neu zu erlernen. Weil sie lückenhaft ist. Weil da, wo Worte sein müssten, Scham sitzt. Weil ich jetzt erst begreife, dass ich nie gelernt habe, meinen Schmerz zu benennen, zu adressieren.

Als mir eine Freundin von ihrer Vergewaltigung erzählte, liess sie – nach meinem Konsens – keine Details aus. Sie erzählte mir von ihren zahlreichen Neins, wie sie auf allen vieren zu fliehen versuchte, von ihrer Dissoziation. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich Ähnliches erlebt hatte. Ich hatte es nur nie so genannt. Wenn ich von meiner Erfahrung erzählte, sprach ich von Paralyse und von dem Gefühl, mich nur von aussen zu sehen, doch das Wort Vergewaltigung kam mir nicht in den Sinn. Es ist dieses Sprechen darüber, das uns Betroffenen einen Weg aus der Sprachlosigkeit öffnet, eine Stimme gibt. Eine Stimme, die mir fehlte, als mich mein damaliger Freund zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit geohrfeigt hatte. Die Ohnmacht nahm überhand: Ich verwelkte innerlich und liess weitere Gewalttaten zu. Mit meinem heutigen Wissen frage ich mich: Was hätte noch alles passieren können? Wie weit wäre er gegangen?

Auch nach der Trennung war ich noch in Gefahr. Mein Expartner stalkte mich jahrelang. Als in Telegram-Chats Nachrichten von ihm kursierten, in denen er nach meiner Adresse fragte und kurz danach ein «Geburtstagsgeschenk» in meinem Briefkasten lag, ging ich zur Polizei. Der Beamte sagte zunächst, er könne nichts machen, es handle sich schliesslich um keine Drohung. Er verstand nicht, dass mein Expartner mir damit zu verstehen gab, dass er nun wusste, wo ich wohnte, und dass er jederzeit wiederkommen konnte. Vier Jahre waren vergangen, und ich konnte zwar immer noch nicht alles benennen, was mir angetan worden war, aber ich war immerhin imstande, meine Angst auszusprechen und den Beamten inständig um eine Reaktion zu bitten. Daraufhin versprach er, meinen Expartner anzurufen. Das hätte auch schiefgehen können, doch tatsächlich meldete er sich nie wieder bei mir.


Es gibt Lichtblicke: Ich sehe im Tram ein Poster hängen, das auf das Angebot der «Forensic Nurses» aufmerksam macht: speziell geschultes Fachpersonal, das Betroffene berät, gerichtsverwertbare Spuren sichert und Verletzungen dokumentiert – ohne sofortige Anzeige. Wie hätte der Beamte damals reagiert, wenn ich ihm eine Dokumentation meiner Verletzungen mitgebracht hätte? Hätte er das «Geschenk» auch dann nicht als Drohung verstanden? Immerhin gilt Stalking seit diesem Jahr offiziell als eigener Straftatbestand; davor war es deutlich schwieriger gewesen, Anzeige zu erstatten, wenn keine expliziten Drohungen oder Nötigungen nachgewiesen werden konnten – wie in meinem Fall.

Queerfeministische Kollektive fordern eine Berichterstattung, die Femizide als solche benennt; sie verhandeln, welche Worte und Kontexte unbedingt erwähnt werden müssen und wie Menschen dazu aufgefordert werden können, ihre Stimme zu benutzen, um sich selbst und anderen zu helfen. Denn Schweigen und Wegschauen sind zentrale Probleme in der Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt.

Ich sitze im Zug. Meine Finger führen eine vertraute Bewegung aus, das Internet lädt, eine Schlagzeile erscheint: «Frau und Kind tot aufgefunden – Mann festgenommen». Tippen, Tränen, Trauern. Eine Endlosschleife. Doch es ist kein starrer Zustand, ich erinnere mich daran, dass ich diesen Kampf nicht allein führe. Ich denke an die Gedenkstätte meiner toten Nachbarin und an das «Wir», das dort auf den Transparenten zu lesen war. Wir sind viele.

Sich an die Gewalt zu erinnern, fällt leichter, wenn wir miteinander sprechen – darüber, was geschehen ist. Mit jedem Femizid wird uns die Sprache genommen; wir müssen sie uns Wort für Wort zurückholen: mit leisen Gesprächen bei heisser Schokolade und Keksen, mit Transparenten oder mit lautem Aufschrei.

Maria-Lusie Tzikas (26) verfasst Prosa, Lyrik und Dramatik.