Israel / Palästina: Ist die Oase nur eine Blase?
Trotz der politischen Verhärtung gibt es in Israel immer noch ein Dorf, in dem Juden, Jüdinnen und Palästinenser:innen friedlich zusammenleben. Und die Bewegung Standing Together hat seit dem 7. Oktober 2023 starken Zulauf.
Auf halber Strecke zwischen Jerusalem und Tel Aviv scheint Frieden zwischen Palästinenser:innen, Jüdinnen und Juden eine Möglichkeit. Im Dorf Newe Schalom / Wahat al-Salam schallen Rufe auf Hebräisch und Arabisch durcheinander, während Kinder auf dem Pausenplatz der Grundschule Basketball spielen. Zwischen grünen Bäumen mit Blick auf das Ajalon-Tal schmiegen sich rund hundert Häuser an eine Hügelflanke. Es ist Ende Januar.
Seit den siebziger Jahren gibt es das Dorf, das übersetzt «Oase des Friedens» heisst. Bis heute ist es der einzige Ort in Israel, wo Juden, Jüdinnen und Palästinenser:innen freiwillig zusammenleben. Es ist ein guter Ort, um die Suche nach Hoffnung zu beginnen in einem Land, in dem seit dem 7. Oktober 2023 viele den Glauben an eine friedliche Lösung aufgegeben haben.
Waffen – aber nicht für alle
Doch die Harmonie trügt. Dass vor zweieinhalb Jahren mehrere Tausend Anhänger der radikalislamischen Hamas und anderer Gruppen mordend über Südisrael herfielen und die israelische Armee seither Tod und Zerstörung über zwei Millionen Menschen in Gaza gebracht hat, hat im Friedensdorf Spuren hinterlassen. «Damals wurde deutlich, dass es auch hier zwei Gruppen gibt», sagt Nur Nadschar, während sie ihren sechsmonatigen Sohn auf ihrer von Blumen gesäumten Terrasse in den Schlaf wiegt. Die 36-jährige Palästinenserin wurde hier geboren. Ihre Eltern waren unter den ersten fünf Familien, die das Dorf, in dem heute 300 Menschen leben, aufbauten.
Gegensätze habe es schon vorher gegeben, sagt Nadschar. «Hier ist nicht ‹La La Land›.» Manche der jüdischen Bewohner:innen seien zum Wehrdienst gegangen, manche würden sich noch heute als Zionist:innen bezeichnen und trotzdem Frieden wollen. «Für mich bedeutet Zionismus, sich Land zu nehmen, das einem nicht gehört.» In Newe Schalom zu leben, heisst, Komplexität auszuhalten.
Kurz nach dem Überfall wünschten sich manche jüdische Bewohner:innen, die palästinensischen Nachbar:innen würden die Hamas verurteilen. «Wir dagegen machten uns Sorgen um die Menschen in Gaza», sagt Nadschar. Einige Monate nach Kriegsbeginn wurde bei einem Luftangriff ein Haus in Gaza getroffen. Dabei starben der Onkel und die Tante von Nadschars Mann Murad Abu Ansa zusammen mit Dutzenden Angehörigen. Viele jüdische Dorfbewohner:innen hätten ihnen ihr Beileid ausgesprochen. Manche aber seien nach dem 7. Oktober selbst zum Reservedienst bei der Armee geeilt, wenngleich niemand die Uniform im Dorf getragen habe.
Als der rechtsextreme Sicherheitsminister Itamar Ben Gvir im ganzen Land Waffen verteilte, bekam auch Wahat al-Salam sechs Sturmgewehre. Weil aber unter den palästinensischen Bewohner:innen niemand Wehrdienst absolviert hatte, erhielten nur jüdische Bewohner:innen die Waffen. Es dauerte Monate, bis sich das Dorf darauf einigen konnte, sie zurückzuschicken.
Ein älterer jüdischer Bewohner fuhr lange an die Grenze zu Gaza, um Soldat:innen zu bekochen. «Er sagt seit ein paar Monaten, dass er das bereue, aber es gibt noch immer Leute, die nicht mit ihm sprechen», sagt Nadschar. «Wir arbeiten daran, diese Brüche wieder zu kitten.»
Kurse für den Frieden
Als am Nachmittag die Kinder aus der Schule kommen, ist von den Spannungen wenig zu spüren. Fast kitschig mutet eine bunte Friedenstaube über dem Eingang zum Spielplatz an. Konflikte würden in Whatsapp-Gruppen oder bei Treffen ausgetragen, sagt Nir Lormann, der Koleiter der Bildungseinrichtungen. «Hier im Dorf sprechen wir dauernd über Politik und Identität, manchmal zu viel. Aber als es darauf ankam, waren wir für solche Gespräche aufgestellt.»
Die Grundregel im Dorf sei simpel, sagt Lormann: Fünfzig Prozent der Bewohner:innen sind Palästinenser:innen, fünfzig Prozent jüdische Israelis. «Der Bürgermeister ist Jude, der Schulleiter der Grundschule Palästinenser.» Die Bildungseinrichtungen leite er gemeinsam mit einer palästinensischen Kollegin. «Niemand soll sich als Minderheit fühlen.» Alle Dorfangelegenheiten werden demokratisch entschieden – in einer Generalversammlung und in Ausschüssen. Das stärkt den Zusammenhalt, kostet unter Druck aber auch Zeit.
Die meisten Bewohner:innen arbeiten nicht im Dorf selbst, sondern pendeln als Sozialarbeiterinnen, Anwälte oder Architektinnen nach Tel Aviv oder Jerusalem. Im Dorf sind die Bildungseinrichtungen mit siebzig Angestellten die wichtigsten Arbeitgeber. Dazu gibt es ein Hotel, das unter dem Ausbleiben internationaler Besucher:innen ebenso leidet wie der gesamte Tourismussektor in Israel und Palästina. Finanziert wird das Projekt aus Mitgliedsbeiträgen, staatlicher Förderung für die Schule sowie Spenden internationaler Unterstützer:innen.
Lormann führt an der Friedensschule, einem niedrigen Seminarhaus zwischen Zypressen und Palmen, vorbei. Menschen von ausserhalb lernen hier, palästinensische und jüdisch-israelische Perspektiven einzunehmen, ungleiche Machtverteilung und die Folgen des Konflikts in ihrer Arbeit zu sehen. Manchmal beginnt das schon bei der Bezeichnung: Während jüdische Israelis fast ausschliesslich von «arabischen Israelis» sprechen, bevorzugt die Mehrheit der damit Gemeinten laut Umfragen den Begriff «Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft». 80 000 Menschen haben die Kurse seit der Gründung absolviert.
Eine Steintreppe führt zwischen Pinien und Kiefern den Berg hinunter zum pluralistisch-spirituellen Zentrum. «Der Gründer Bruno Hussar wollte einen Ort schaffen, an dem Juden, Christen und Muslime friedlich zusammenleben könnten», sagt Lormann. Statt Kirche, Moschee oder Synagoge steht dort ein Steinbau mit drei Kuppeln. Hussar (1911–1996) stammte aus einer jüdischen Familie, konvertierte jedoch und wurde katholischer Priester.
«Es wurde aber schnell klar, dass es hier mehr um zwei Völker und Land geht als um Religion», sagt Lormann und zeigt auf die andere Seite des Tals. Dort liegt auf einem Hügel das Kloster Latrun, auf dessen Land das Dorf liegt. Hätten die Mönche damals nicht das Land zur Verfügung gestellt, wäre das Projekt nie entstanden. «Der israelische Staat gibt arabischen Bürgern keine Genehmigung, neue Ortschaften zu gründen.» Wenn aber die Besitzer nur jüdisch sein könnten, liefe das der Grundidee des Friedensdorfs zuwider.
Nach dem Spaziergang sinkt Lormann in seinen Schreibtischstuhl im Verwaltungsgebäude des Dorfs. Gibt es ihm Hoffnung, dass das Dorf noch existiert? Dass die Warteliste für einen Platz dort voll ist? Dass 150 der 200 Schul- und Kindergartenkinder von ausserhalb kommen, um in einem jüdisch-palästinensischen System aufzuwachsen? Das Dorf könne ein Beispiel dafür sein, was möglich sei, sagt er. Eine Lösung biete es deshalb noch lange nicht. Das Ziel sei nicht, einen neuen palästinensisch-jüdischen Israeli zu schaffen oder aus Israel ein grosses Newe Schalom zu machen.
«Die Wahrheit ist: Zusammenleben hat seinen Preis», sagt Lormann und deutet auf die Wanddekoration seiner Kodirektorin im Büro: palästinensische Stickereien und eine Karte von Palästina mit arabischen Namen. «Keiner von uns will seine Identität aufgeben, aber natürlich frage ich mich bei dieser Karte: Wo ist dort mein Platz als jüdischer Israeli?» In Wahat al-Salam leben heisse, ein Stück Identität zu verlieren. «An Schabbat wird mein Nachbar vielleicht arbeiten. Mein Unabhängigkeitstag ist für ihn der Tag der Nakba, der Vertreibung der Palästinenser 1948.»
Nach dem Gespräch holt Lormann mit seiner Frau Diane die zweijährige Tochter vom Kindergarten ab. «Ihr Arabisch ist jetzt schon fast besser als meins», sagt er. Am Weg zur Haustür hat er vergangenes Jahr Bäume gepflanzt: Mango, Zitrone, Zimt und Olive.
Das idyllische Bild will nicht passen zu dem, was Lormann zum Abschied sagt: «Ich glaube nicht, dass es Hoffnung für diese Region gibt.» Gewinnen würden im Moment die Religion, die Siedler:innen und die Ideologie der jüdischen Vorherrschaft. «Schon demografisch haben wir keine Chance.» Nationalreligiöse und ultraorthodoxe Familien bekommen in Israel seit vielen Jahren mit Abstand die meisten Kinder.
Hätte ihm vor fünfzehn Jahren jemand gesagt, dass der einst für seine Nähe zu einer jüdischen Terrorgruppe verurteilte Rassist Itamar Ben Gvir einmal Polizeiminister werde, hätte Lormann geantwortet: «Dann bin ich weg.» Doch er ist noch immer da, das Paar hat erst vor wenigen Monaten seine zweite Tochter bekommen. Im Garten wachsen Randen und Rüben, während die Regierung unter Benjamin Netanjahu demokratische Institutionen wie die Gerichte aushöhlt und die Führung der Sicherheitsbehörden mit nationalreligiösen Ideologen wie dem neuen Chef des Inlandsgeheimdiensts, David Zini, besetzt.
Aktuell sei seine rote Linie die Parlamentswahl im Herbst, sagt Lormann. Aber auch die Opposition stehe gegenüber den Palästinenser:innen politisch nicht grundsätzlich anders als Netanjahu. «Newe Schalom ist eine Blase, in der wir zusammenleben können. Am Ende könnten diese Blasen bald …» Lormann beendet den Satz nicht.
Empathisch bleiben
Ein Sonntagmorgen im Januar gegen 8 Uhr. Am Rand der Ajalon-Schnellstrasse in Tel Aviv versammeln sich rund zwei Dutzend Aktivist:innen der Bewegung Standing Together (Zusammenstehen) in lila T-Shirts. Mit Transparenten und Megafonen schieben sie sich mitten im Berufsverkehr langsam auf die Fahrbahn. Autofahrer:innen hupen, nur ein paar Motorroller kommen noch durch. «Seit Jahresbeginn sind 21 arabische Israelis getötet worden», ruft eine Aktivistin. Es ist der 25. Januar. Die Gruppe wirft der Polizei unter Ben Gvir vor, organisierte Kriminalität in palästinensischen Ortschaften bewusst gewähren zu lassen. Seit er im Amt ist, sind die Morde dort von rund 100 pro Jahr auf 250 gestiegen.
Ganz in der Nähe befindet sich das Hauptquartier von Standing Together, das «Purple House». Hinter einer unscheinbaren Tür liegt eine weitläufige Halle mit Arbeitsplätzen und einer Bühne. Die Wände sind mit Transparenten und Parolen auf Hebräisch und Arabisch bedeckt. Zwischen Couches und einer Kaffeeküche bespricht eine Gruppe die Aktion auf der Autobahn.
Während andere nach dem 7. Oktober 2023 die Hoffnung verloren, ist Standing Together heute grösser denn je. 3000 Mitglieder hatte die Bewegung vorher, aktuell sind es 7000. Vierzehn Regionalgruppen gibt es im ganzen Land. Eines der neuen Mitglieder ist Amal Ghawi. «Ich bin am 9. Oktober dazugekommen», sagt die 29-jährige Aktivistin und Dokumentarfilmerin. Sie arbeitet für den Onlineauftritt der Bewegung und erreicht mit mehr als 160 000 Follower:innen auf ihrem privaten Instagram-Auftritt selbst ein beachtliches Publikum.
«Ich habe damals beim israelischen Fernsehen gearbeitet, und ich wusste aus früheren Kriegen, was passieren würde», sagt Ghawi über den Morgen des Hamas-Angriffs. Kolleg:innen hätten absichtlich in ihrer Gegenwart alle Palästinenser:innen als «Monster» bezeichnet oder gefordert, alle in Gaza zu töten, erzählt sie. «Als ob ich nicht auch Palästinenserin wäre.» Sie habe sich mit dem Beitritt zu Standing Together bewusst entschieden, empathisch zu bleiben und «den Schmerz aller» zu spüren. Mit Menschen zu arbeiten, die sich für die Rechte und das Leben beider Seiten aussprächen, gebe ihr Hoffnung. «Es hilft mir, nicht verrückt zu werden.»
Ihre Eltern aus Kafr Kara nördlich von Tel Aviv seien besorgt gewesen, als sie begonnen habe, öffentlich von ethnischen Säuberungen und Völkermord in Gaza zu sprechen. Bis 1966 galt auch innerhalb Israels für Palästinenser:innen Militärrecht. «Sie haben aus Angst vor Konsequenzen nie über Politik gesprochen, nicht einmal zu Hause.» Auch heute noch müssen palästinensische Israelis mit drastischeren Konsequenzen für politische Äusserungen rechnen als ihre jüdischen Mitbürger:innen. Nach dem 7. Oktober wurden Hunderte für ihre Solidarität mit Gaza entlassen, festgenommen oder von gewalttätigen Mobs angegriffen.
Trotzdem sorgte Standing Together während des Krieges immer wieder für Aufsehen. Aktivist:innen stellten sich schützend vor Hilfskonvois für den Gazastreifen, stürmten die quotenstarke Livesendung «Big Brother», um einen Waffenstillstand zu fordern, oder kippten rote Farbe vor dem Haus des Generalstabschefs Eyal Zamir aus.
Ghawi erinnert sich an eine Kampagne im August 2024, als Standing-Together-Aktivist:innen selbst Hilfsgüter für Gaza sammelten. Tausende Menschen brachten Spenden zu Sammelstellen in ganz Israel. Es habe palästinensische Israelis dazu gebracht, ihr Schweigen zu brechen, erinnert sich Ghawi. Die Hilfsgüter wurden am Ende von Israels Armee nicht in den Gazastreifen gelassen, doch in den hebräischen Medien, die das Thema zuvor schlicht ignoriert hatten, wurde plötzlich über Hunger in Gaza diskutiert.
«Von einem Sieg zu sprechen, wäre absurd», sagt Itamar Avneri, der Standing Together vor gut zehn Jahren mitgründete. Doch zu spüren, dass man Einfluss nehmen könne, gebe ihm Hoffnung. Der vierzigjährige Doktorand und Abgeordnete im Stadtrat von Tel Aviv / Jaffa wollte als Kind der alten israelischen Friedensbewegung deren Fehler nicht wiederholen. Diese habe palästinensische Israelis und jüdische Israelis aus arabischen Ländern weitgehend ignoriert. Letztere, die Misrachim, bilden bis heute die Wähler:innenbasis von Netanjahus Likud-Partei.
Avneri rechnet vor: Zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer leben rund sieben Millionen Palästinenser:innen und ebenso viele Jüdinnen und Juden. Jede:r fünfte Israeli ist Araber:in. «Du kannst nichts verändern, wenn du zwanzig bis fünfzig Prozent der Betroffenen nicht einbeziehst.»
Fragt man Israelis, wann die Hoffnung auf Frieden erloschen sei, nennen viele den 4. November 1995. Damals ermordete der rechtsextreme jüdische Terrorist Igal Amir den damaligen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin inmitten einer Massenkundgebung für den Oslo-Friedensprozess, der schon davor durch palästinensische Terroranschläge und rechte Stimmungsmache ins Schlingern geraten war. Avneri war damals elf und verstand Oslo nicht wirklich, wohl aber, dass die Welt danach nicht mehr dieselbe war. Ein halbes Jahr später wurde mit Benjamin Netanjahu erstmals ein überzeugter Gegner eines palästinensischen Staates Regierungschef. «Unseren Donald-Trump-Moment» nennt Avneri es heute.
Noch schädlicher für die Friedensbewegung aber sei ein Satz von Netanjahus Nachfolger Ehud Barak gewesen, der 1999 als Hoffnungsträger der Linken angetreten war. Es gebe keinen Partner für den Frieden, sagte er ein Jahr später. Zuvor war er trotz eines weitreichenden israelischen Angebots ergebnislos von den Camp-David-Verhandlungen zurückgekehrt. Seine Worte sind bis heute ins Gedächtnis der Israelis eingebrannt, «auch wenn sie schon damals eine Lüge waren», sagt Avneri.
«Ben Gvir raus!»
Dass Standing Together ausgerechnet in den Tagen nach dem Terrorüberfall der Hamas gross wurde, sieht Avneri als Zeichen, auf dem richtigen Weg zu sein. Er wolle nicht naiv klingen: Nach dem 7. Oktober und der Tötung von mindestens 70 000 Palästinenser:innen bei israelischen Angriffen in Gaza gebe es zu viel Hass und Misstrauen, um unmittelbar in einem gemeinsamen Staat zu leben. Naiv sei es aber auch, zu glauben, es könne Sicherheit geben, während man im Westjordanland und im Gazastreifen dauerhaft fünf Millionen Menschen militärisch kontrolliere. Standing Together sei für ihn der beste Beweis, dass ein Miteinander keine ferne Zukunft, sondern eine konkrete Möglichkeit sei. «Die Hoffnung ist für mich zugleich Antrieb und Ergebnis meiner Arbeit.»
Für solche Positionen wird Standing Together immer wieder heftig kritisiert, auch aus dem Ausland. «Ich stehe mit meinem Gesicht für die Bewegung, und ich erhalte Hassnachrichten von beiden Seiten», sagt Amal Ghawi. Israelis würden sie bei der Polizei melden, Palästinenser:innen aus der Diaspora sie kritisieren, weil sie «über Frieden mit dem Besatzer» spreche. Manche Kritik verstehe sie, sagt Ghawi. «Aber ich frage auch: Was ist eure Lösung?» Sie werde sich ihren Weg «von niemandem erklären lassen, der nicht in meinen Schuhen steckt».
Eine Woche später stehen Ghawi und Avneri auf dem Museumsvorplatz in Tel Aviv. In den vergangenen zwei Jahren wurde hier mit gelben Flaggen an das Leid der von der Hamas entführten Israelis erinnert. Heute wehen Hunderte schwarze Fahnen über dem ehemaligen «Geiselplatz». Der Unmut über die Mordwelle unter palästinensischen Israelis hat sich weiter aufgebaut. Heute sind 40 000 von ihnen aus dem ganzen Land nach Tel Aviv gekommen, Schüler, Familien, Grosseltern. «Ich bin stolz, dass so viele gekommen sind», sagt Ghawi.
Es ist der erste arabische Massenprotest im Herzen der jüdischen Metropole, seit die Regierung 2018 mit dem Nationalsstaatsgesetz Arabisch als offizielle Amtssprache strich. Nur eine halbe Stunde vor Beginn erreichte die Nachricht über einen weiteren Toten in Lod (arabisch: al-Lidd) die Demonstrant:innen. «Ben Gvir raus!», rufen sie.
«Die Frage ist, ob die palästinensischen Politiker diese Chance nutzen und eine politische Vision anbieten», sagt Ghawi. Eben hat sie Ayman Odeh von der sozialistischen Partei Chadasch begrüsst. Gut eine Woche zuvor hatten die Spitzen der wichtigsten arabischen Parteien die Absicht erklärt, sich trotz ihrer extremen politischen Differenzen auf eine gemeinsame Wahlliste verständigen zu wollen. Damit könnten sie laut Umfragen rund fünfzehn Sitze im Parlament bekommen. Eine Mehrheit der palästinensischen Israelis wünschen sich das, viele lehnen aber die Teilnahme an israelischen Wahlen grundsätzlich ab.
Wie in Newe Schalom richtet sich auch für Standing Together der Blick zunehmend auf die Wahlen im Oktober. Seit Monaten kommen weder Netanjahus rechtsreligiöse Koalition noch die jüdischen Oppositionsparteien in Umfragen auf eine Regierungsmehrheit. «Ich mache mir keine Illusionen: Gut möglich, dass auch eine Regierung ohne Netanjahu die Besetzung von Gaza und die Annexion des Westjordanlands vorantreiben wird», sagt Avneri. An einer arabischen Koalition als zweit- oder drittstärkste Kraft komme im Parlament aber auch kaum jemand ohne Kompromisse vorbei.
«Es könnte die Mitte-Links-Parteien zwingen, sich mit der Frage der Palästinenser zu beschäftigen, vor der sie aktuell davonlaufen», sagt Avneri. Und es könnte den schlimmsten Vorhaben der rechtsreligiösen Koalition im Parlament etwas entgegensetzen. Dafür aber müssten Palästinenser und Jüdinnen in Israel motiviert werden, jüdisch-palästinensischer Zusammenarbeit in der Politik eine Stimme zu geben. Standing Together habe viel Arbeit vor sich.