Geopolitik: Drohender Kontrollverlust

Nr. 10 –

Mit ihrem Angriff auf den Iran haben Benjamin Netanjahu und Donald Trump eine Eigendynamik losgetreten, deren Folgen nicht absehbar sind.

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Ruinen des zerstörten Polizeihauptquartiers in Teheran
Ruinen des zerstörten Polizeihauptquartiers in Teheran. Foto: Morteza Nikoubazl, Getty

Am Anfang standen ein Geheimdiensthinweis und ein bemerkenswerter Mangel an Vorsicht aufseiten der iranischen Führung. Der US-Nachrichtendienst CIA hatte die Bewegungen von Ajatollah Ali Chamenei seit Monaten verfolgt. Als die Behörde von einem Treffen des obersten Anführers der Islamischen Republik mit hochrangigen Vertretern des Regimes mitten in Teheran am vergangenen Samstag erfuhr, sahen Israel und die USA laut einem Bericht der «New York Times» eine Gelegenheit für einen Eröffnungsschlag.

Gegen 9.40 Uhr am Samstagmorgen schlugen auf einem Regierungsgelände in Teheran von israelischen Kampfjets abgefeuerte Raketen ein und töteten in den ersten Stunden des Krieges den Mann, der die Islamische Republik seit fast vier Jahrzehnten geführt und massgeblich zu dem islamistisch-militaristischen Regime gemacht hatte, das sie heute ist. Am Sonntag bestätigte die staatliche Nachrichtenagentur IRNA den Tod Chameneis und weiterer führender Regimevertreter. Militärisch ein Erfolg.

Weitere Eskalation droht

Seitdem aber hat sich der von US-Präsident Donald Trump und Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu ohne Not und klar völkerrechtswidrig begonnene Krieg binnen weniger Tage auf die gesamte Region ausgeweitet. Bisher ist schwer abzusehen, wie weit die Kämpfe eskalieren werden. Die USA meldeten bis Mittwoch Angriffe auf rund 2000 Ziele. Laut dem iranischen Roten Halbmond wurden im Land bisher rund 800 Menschen getötet. Der Iran greift seinerseits Israel und US-Stellungen in der gesamten Region mit Drohnen und Raketen an. Der Grossteil wird abgefangen, jedoch nicht alle. Bei mehreren verheerenden Einschlägen in Israel starben bis Mittwoch mindestens elf Menschen. Die US-Armee meldete sechs getötete US-Soldaten.

Aus mindestens neun Ländern wurden Angriffe des Iran gemeldet; sie galten Zielen von US-Botschaften über Öltanker im Golf von Oman bis zu einer britischen Luftwaffenbasis auf Zypern. Die iranischen Revolutionsgarden erklärten die Strasse von Hormus für gesperrt, durch die ein Fünftel der weltweiten Öltransporte läuft. Seeverkehrsdaten zeigen, dass Hunderte Schiffe in der Region die Fahrt gestoppt haben. An den Börsen stieg der Ölpreis stark an.

In der Nacht auf Montag trat mit der Hisbollah im Libanon die wichtigste iranische Stellvertretermiliz mit einem Raketenangriff auf Israels Norden in den Krieg ein. Die von Israel schon 2024 empfindlich geschwächte Gruppe dürfte sich damit aber vor allem selbst gefährden. Das israelische Militär fing den Angriff ab, bombardiert seither, was von der Schiitenmiliz noch übrig ist, und hat seine Bodentruppen im Südlibanon verstärkt.

Die jahrzehntelang vom Iran aufgebaute «Achse des Widerstands» ist schwer beschädigt. Die Hamas in Gaza ist geschwächt, das syrische Regime gefallen. Möglich wäre ein Kriegseintritt der Huthi im Jemen. Deren Raketen haben in Israel in der Vergangenheit wenig Schaden anrichten können, die Huthi sind aber in der Lage, den internationalen Schiffsverkehr durchs Rote Meer zu treffen. Im Irak ist noch eine Gruppe proiranischer Schiitenmilizen aktiv. Ein Kriegseintritt dieser offiziell zum irakischen Militär zählenden Einheiten wäre eine weitere Eskalation.

Aus den USA kommen derweil widersprüchliche Signale. Während US-Präsident Trump am Wochenende betonte, einen Regimewechsel im Iran anzustreben, bezeichnete Vizepräsident J. D. Vance einen solchen zuletzt als «nebensächlich». Aussenminister Marco Rubio sagte, die Initiative sei von Israel ausgegangen, und die USA hätten sich anschliessen müssen. Trump bestritt das kurz darauf: «Wenn überhaupt, habe ich die Israelis dazu gedrängt.»

Netanjahus Kalkül

Es stellt sich aber die Frage, welchen Einfluss Netanjahu auf Trump hatte: Keinen Regierungschef hatte der US-Präsident zuletzt häufiger gesprochen, zunehmend glich Trumps Rhetorik derjenigen Netanjahus. Dieser befürwortet seit Jahrzehnten ein militärisches Vorgehen gegen den Iran. Nun ist er nicht nur am Ziel, er profitiert vom Krieg auch politisch. Vor den Parlamentswahlen im Herbst steht seine Koalition laut Umfragen ohne Mehrheit da, er hat die israelische Gesellschaft gespalten wie nie zuvor. Seit Samstag aber stehen die Israelis hinter ihm. Alle jüdisch-israelischen Oppositionsführer haben den Angriff begrüsst, die Mehrheit der Bevölkerung ist für den Krieg.

Anders sieht es für Trump aus. Die Kriegslust des selbsternannten Friedenspräsidenten, der den Rückzug der USA aus internationalen Konflikten gefordert hat, sorgt für Streit in der Maga-Wähler:innenbasis. Steigende Ölpreise und mehr tote US-Soldaten dürften für weiteren Unmut sorgen. Trump behauptete zuletzt, zahlreiche Auswege aus dem Krieg gegen den Iran zu haben, doch bisher hat er keinen Plan vorgelegt, und was er losgetreten hat, entfaltet längst eine Eigendynamik.