Jürgen Habermas (1929–2026): Der Intellektuelle im Handgemenge

Nr. 12 –

Ein Grundvertrauen in den vernunftgesteuerten Diskurs hat das umfangreiche Werk von Jürgen Habermas geprägt. Sein Tod erlaubt einen melancholischen Blick auf die Rolle des öffentlichen Intellektuellen.

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Jürgen Habermas im Jahr 2018
Jürgen Habermas Foto: Janine Schmitz, Imago

Man kann den sogenannten Historikerstreit von 1986 als Ausgangspunkt nehmen. Jürgen Habermas griff damals in einem fulminanten Artikel deutsche Historiker und Kommentatoren an, die den Angriffskrieg der Nazis mehr oder weniger ausdrücklich als Präventivmassnahme gegen eine sowjetische Bedrohung, ja als Reaktion auf «asiatische Untaten» der Bolschewiki rechtfertigen und den Genozid an den europäischen Jüdinnen und Juden verharmlosen wollten. Hier trat der Wissenschaftler als öffentlicher Intellektueller auf, in der Hoffnung auf einen streitbaren, aber rational entscheidbaren Diskurs. Der Artikel löste eine breite Debatte aus, die eine Enttabuisierung sehr rechter Positionen sichtbar machte und zugleich der Selbstverständigung demokratischer Positionen dienen sollte.

Der 1929 geborene Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas hat eine kaum zu fassende Fülle von Werken, von theoretischen Grundlagenstudien bis zu politischen Interventionen, veröffentlicht. Immerhin, vom Historikerstreit aus lassen sich Bezüge zu früheren und späteren Arbeiten herstellen. Schon seine 1962 veröffentlichte Dissertation «Strukturwandel der Öffentlichkeit» rekonstruierte am historischen Beispiel des 18. und 19. Jahrhunderts den öffentlichen Diskurs als gesellschaftlich überlebensnotwendiges Kampffeld. In den sechziger Jahren galt Habermas als führender linker Theoretiker, der am Frankfurter Institut für Sozialforschung die Kritische Theorie radikalisierte. Während er den Stammvätern Theodor W. Adorno und Max Horkheimer bald als zu radikal, hiess damals noch: marxistisch galt, verdarb er es sich 1967 auch mit der Student:innenbewegung; die Einschätzungen von Protestformen prallten böse aufeinander. Dabei blieb seine Studie «Erkenntnis und Interesse» von 1968 einflussreich, da sie die Standpunktabhängigkeit wissenschaftlicher Positionen zeigte. Als er 1973 «Legitimationsprobleme im ­­Spätkapitalismus» veröffentlichte, hielt er noch marxistisch am Zusammenhang von Wirtschaft und Politik fest, meinte aber, Letzterer werde es gelingen, die Wirtschaftsmacht demokratisch und administrativ zu zügeln. Da schlug schon das Vertrauen in die diskursive Vernunft durch, an deren Wirkungsmacht er hartnäckig festhalten sollte.

Menschliche Verständigung

Als theoretisches Hauptwerk von Habermas gilt seine «Theorie des kommunikativen Handelns» von 1981. Hier analysierte er Kommunikation und Sprache als inhärente Merkmale der Menschen als soziale Wesen. Verständigung gilt im doppelten Sinn: als Form des menschlichen Austauschs und als Versuch, sich ins, womöglich prekäre, Einvernehmen zu setzen. Das meint seine berühmte Formel vom «zwanglosen Zwang des besseren Arguments». Dieses Konzept buchstabierte er in der Folge in zahlreichen gesellschaftlichen Gebieten und an zahlreichen Problemen in den Sammelbänden «Kleine politische Schriften» durch, von denen er über Jahrzehnte hinweg zwölf veröffentlicht hat. Kein aktuelles Thema war vor seinem Blick sicher. Über seine Person hinaus bezeichneten seine Interventionen immer wieder theoretische und politische Kristallisationspunkte.

Als er 1985 von der «Neuen Unübersichtlichkeit» sprach, wurde diese Gegenwartsanalyse sogleich sprichwörtlich. Die deutsche «Wiedervereinigung» sah er 1990 kritisch, weil er darin einen «auf wirtschaftliche Imperative zugeschnittenen Verwaltungsvorgang» ohne «eigene demokratische Dynamik» sah; dafür wurde er von der triumphierenden Westpresse arg gescholten, doch bleibt sein Beharren auf einem Ausbau der demokratischen Strukturen virulent. Die «postnationalen Konstellationen» behandelte er unter zweierlei Aspekten. Nach innen forderte er für Deutschland einen «Verfassungspatriotismus» ein; der entlehnte Begriff bekämpfte einerseits eine neue Deutschtümelei, gab andererseits aber Tendenzen nach, Bekenntnisse zu einem übergeordneten Ganzen zu verlangen. Nach aussen sah er die EU als Chance – was er periodisch skeptisch überprüfen musste; Beiträge dazu sind im Sammelband «Ach, Europa» versammelt. Angesichts des «Sogs der Technokratie» etwa durch die Gentechnologie wollte er werteorientierte Bastionen gegen die Zweckrationalität errichten – da war er ganz bei seinen frühen Mentoren Adorno und Horkheimer, ohne deren Kulturpessimismus freilich. In seiner letzten grösseren Arbeit beschäftigte er sich mit der neu entflammten Bedeutung der Religion, die er schon beim Terrorangriff auf die New Yorker Twin Towers erkannt hatte.

Im Lauf der 65-jährigen Wirkungsgeschichte von Habermas haben sich die politischen Parameter verschoben. Nicht nach links, lässt sich banal feststellen. Eins kann man ihm attestieren: einen unerschütterlichen Antifaschismus, auch aus «Scham» über die unermesslichen Verbrechen des deutschen Naziregimes. Darüber hinaus positionierte er sich seit Mitte der siebziger Jahre als klassischer Linksliberaler. Für eine «deliberative», das heisst diskursive und partizipative Demokratie war ihm die Zivilgesellschaft neben dem Politbetrieb wichtig. Soziale Fragen und wirtschaftliche Ungleichheit wurden eher vernachlässigt.

Was aber wäre falsch am Linksliberalismus? In den letzten Jahrzehnten musste man froh sein um Habermas’ Vertrauen, seine Hoffnung auf die Vernunft und das vernünftige Reden. Manchmal mochte das repetitiv erscheinen, dazu kaum in der Realität verankert, idealistisch, gar illusorisch; aber jederzeit sezierte er Probleme und Gemengelagen von einem unverrückbaren Humanismus her. So hielt er hartnäckig an der Moderne als einem «unvollendeten Projekt» fest.

Skeptische Hoffnung

In den Nachrufen wird heftig der Verlust des öffentlichen Intellektuellen mit der grössten Bekanntheit und Wirkung beklagt. Das trifft zweifellos zu; zumindest europaweit. Die postmodernen französischen Theoretiker wie Michel Foucault oder Jacques Derrida, die Habermas ablehnte und die ihn belächelten, hatte er längst überlebt. Jetzt allerdings erzwingt die radikal veränderte und zersplitterte Öffentlichkeit wohl ein neues Verständnis öffentlicher Wirkung.

Habermas hat sich noch im hohen Alter zu den beiden grossen Krisen der letzten Jahre in der westlichen Hemisphäre geäussert. Bezüglich des russischen Überfalls auf die Ukraine unterstützte er anfänglich den zögerlichen Kurs des deutschen Bundeskanzlers Olaf Scholz; er wandte sich nicht grundsätzlich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine, wollte aber doch vorrangig auf Verhandlungsversuche mit dem russischen Aggressor Wladimir Putin setzen. Bezüglich des Gazakriegs kritisierte er nach dem Terrorangriff der Hamas, dass dem israelischen Gegenschlag genozidale Absichten unterstellt würden, und mahnte zugleich Verhältnismässigkeit und Schutz ziviler Opfer durch das Netanjahu-Regime an. Beides kann man ihm als zögerliche Unentschiedenheit, sogar als mehr oder weniger deutliche Parteinahme, vorwerfen. Ja, das Vertrauen auf die diskursive Vernunft mag sich im Handgemenge zuweilen irren. Doch bleibt diese skeptische Hoffnung notwendig.

Am 14. März ist Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren gestorben.