Kost und Logis : Schnitzeljagd
Jürg Fischer sucht ein Buch
Das Büchlein lag neben unserem Tisch beim Abendessen im «Erbenhof». S. und ich hatten uns mehr oder weniger durch Deutschland treiben lassen und waren in Weimar gelandet, nichts war geplant und nichts gebucht. Das Essen im historischen Haus mitten in der Altstadt schmeckte prima. Doch statt uns einfach zu unterhalten, blätterten wir abwechselnd in dem Werk mit dem Titel «Stadt Sichten Weimar» aus dem Jahr 2012. Es dokumentiert in Wort und Bild die architektonische Transformation der Stadt seit 1990 unter den Aspekten «Bausubstanz bewahren» und «weiterbauen».
Am nächsten Morgen fiel uns ein, das Buch zu besorgen und einer Freundin, die sich intensiv mit dem Thema befasst, mitzubringen. Einmal quer über den Platz, und wir waren in der Buchhandlung Die Eule. Es lief anspruchsvoller Jazz im Hintergrund, während sich der Buchhändler unser annahm. Er suchte im System, konnte aber keinerlei Hinweis auf das Werk finden, unsere Angaben waren mangelhaft. Nur ungefähr erinnerten wir uns an den Titel und den Namen eines Autors: Zimmermann, kein Vorname. Dem Buchhändler liess das keine Ruhe, er suchte und suchte, bis ein anderer Kunde kam. Er verwies uns ans Studienzentrum am Platz der Demokratie.
Das Studienzentrum ist ein mächtiger Betonkubus voller Bücher, Licht und Stille. Die für die kniffligen Anfragen zuständige Mitarbeiterin vertiefte sich in den Katalog, suchte, wo sie konnte, und fand: nichts. Es handle sich wohl um eine von der Stadt herausgegebene Festschrift; sie ärgerte sich, dass der Anspruch der Bibliothek, alles, was jemals in Weimar geschrieben worden war, zu sammeln, ignoriert worden war. Sie schickte uns ins Rathaus.
Es war Hochsommer und Mittagszeit, die Verwaltung aufs Nötigste heruntergefahren, eine einsame Dame hielt die Stellung. Leider sei gerade niemand da, doch sie habe eine Idee. Sie sei Polizistin und gehe gerne ins Stadtmuseum, wann immer sie auf Streife in der Nähe sei. Dort werde man uns helfen.
Auch das Stadtmuseum schien verwaist bis auf zwei weisshaarige Herren am Schalter. Als wir unseren Text vortrugen und «Zimmermann» sagten, sprang der eine auf. Es handle sich um den emeritierten Architekturprofessor Gerd Zimmermann, bei ihm habe er seinerzeit das Fach Entwurf studiert. Frau Zimmermann führe hundert Meter weiter ein Geschäft, wir sollten sie schön grüssen. Sie war an dem Tag nicht da, und somit war es klar, dass wir eine weitere Nacht in Weimar bleiben würden. Am nächsten Morgen war sie da, freute sich und versprach, ihren Mann zu benachrichtigen, er sei sowieso am Ordnen seiner Sachen, er würde uns ein Exemplar schicken.
Wir reisten weiter; in Weimar waren wir keine 48 Stunden gewesen, von der ganzen Klassik hatten wir kaum mehr als Goethes Ginkgobaum gesehen, doch wir hatten die kennengelernt, deren Stadt das ist. Nun ist sie auch unsere.
Jürg Fischer ist es gelungen, auf dem Theaterplatz ein Selfie mit den bronzenen Schiller und Goethe zu machen.