Anti-Atom-Protest : 2994 Mahnwachen später droht alles von vorne zu beginnen
Seit der Katastrophe von Fukushima protestieren AKW-Gegner:innen gegen das Atomkraftwerk Beznau. Sie sehen das auch als Beitrag gegen die Gleichgültigkeit.
Als in den Tagen nach dem 11. März 2011 fast stündlich neue Schreckensmeldungen über die Kernschmelzen im AKW Fukushima hereinkamen, rief Heini Glauser Freund:innen zusammen, die er von lokalen Ökoaktionen her kannte. Alle waren alarmiert. Immerhin hatten sie mit Beznau ein AKW in ihrer Nachbarschaft, dessen Sicherheit immer wieder angezweifelt wurde. Ausserdem war Brugg der Sitz des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi). Glauser und seine Freund:innen beschlossen, dort mit einer Mahnwache an die Gefahren von AKWs zu erinnern.
Zur ersten Mahnwache, am Dienstag, 29. März, um 5 Uhr nachmittags, kamen zehn Leute. Das werde jetzt, Werktag für Werktag, etwa zwei Jahre so weitergehen, dachten alle. Bis dann werde sich der Betrieb des alten AKW erledigt haben. Heute stehen sie immer noch vor dem Ensi, mittlerweile an vier Wochentagen, immer um die Feierabendstunde herum. Die Bedingungen, die sie mit der Stadt ausgehandelt haben, sind eng gefasst. Nicht mehr als sechs Personen. Nicht mehr als drei Fahnen. Keine Flugblätter. Keine Informationsbroschüren.
Ohne Grandezza
Die zwei Reaktoren des AKW Beznau wurden 1969 respektive 1972 auf einer Insel in der Aare in Betrieb genommen. Die Gebäude sind ältlich, hässlich und wirken vergrämt. Ihnen fehlt die zweifelhafte Grandezza eines AKW Gösgen, das mit seinem Kühlturm und der perfekt gerundeten Reaktorhülle wie ein Mahnmal bei Olten steht.
Doch da ist etwas, was Beznau auszeichnet. Es ist das weltweit älteste aktive AKW dieser Grösse. Glauser verkneift sich einen Witz über diesen Schweizer Weltrekord und zieht es vor, die Sicherheitsrisiken aufzuzählen, die Beznau zum Teil schon seit der Eröffnung begleiten. Die Lage nur einen Meter über dem Wasserspiegel der gestauten Aare. Die Tatsache, dass die dünnen Wände der Reaktorgebäude einem Flugzeugabsturz nicht standhalten könnten. Die Zweifel an der Festigkeit des Reaktordruckbehälters (siehe WOZ Nr. 42/15). «Ein AKW wie Beznau würde heute nicht bewilligt», fasst Glauser zusammen. «Das sagen nicht nur wir, das sagen alle, die sich ernsthaft mit Atomenergie beschäftigen. Die Betreiber schauen weg und lassen es laufen.»
Heini Glauser ist ein guter Staatsbürger. Er zahlt Steuern. Er wählt. Er sieht, dass in seinem Land vieles gut läuft. Doch in Bezug auf das Ensi hat er sein Vertrauen weitgehend verloren. «Es wiegelt ab, wenn Missstände publik werden», sagt er. «Es behauptet, dass bei uns alles besser sei. Es fordert von den Betreibern nur die Anpassungen ein, die sich partout nicht vermeiden lassen.» So sei das Ensi zu einem Teil der Atomlobby geworden, sagt Glauser.
Fünfzehn Jahre und 2994 Mahnwachen nach Fukushima steht Glauser vor dem Sitz des Ensi gleich hinter dem Bahnhof Brugg. Mit ihm da sind Suat, Iris, Mehmet, Andi und Walo, man duzt sich. Sie bauen Fahnenstangen zusammen, entrollen die gelben Flaggen der Antiatombewegung. Man kennt sich, kennt die Stärken und Schwächen der anderen. «Hast du gelesen, der Rösti hat schon wieder …» Es ist fast wie an einem Stammtisch, ruhiger allerdings, denn da ist kein Tisch, auf den man hauen könnte.
Pensionierte bleiben unter sich
Suat ist nach acht Jahren Gefängnis in der Türkei in die Schweiz geflohen und arbeitete hier 36 Jahre lang in der psychiatrischen Pflege. Vor einigen Wochen hat er den Kurden Mehmet, auch er ein Verfolgter des türkischen Regimes, zum ersten Mal an die Mahnwache mitgenommen. Iris ist Drechslerin. Walo ist heute Abend der Senior, und der stille Andi wurde vor drei Jahren pensioniert. Junge sind selten in diesem Kreis. Fukushima ist für sie weit weg, und seit das Bauverbot für AKWs in der Verfassung steht, ist die Atomenergie für sie kein Thema mehr.
So bleiben die Pensionierten allein. Manchmal stehen sie eine Stunde da, ohne dass jemand Kontakt aufnimmt. Manchmal kommen Reaktionen von Passagier:innen, die gegenüber auf ihren Bus warten. Manchmal meldet sich ein:e KV-Schüler:in. Die Angestellten des Ensi haben gelernt, die Mahnwache zu ignorieren. Lässt sich mit der Mahnwache etwas verändern? Suat sagt kategorisch: «Es ist Unrecht, dass Beznau immer noch in Betrieb ist. Und gegen Unrecht muss man sich wehren.» Er hat schon an 1200 Mahnwachen teilgenommen und sieht das als Beitrag gegen die Gleichgültigkeit. Iris sagt: «Es ist richtig und wichtig, dass ich hier bin.» Für sie ist es vor allem eine Herzensfrage.
«Es ist besser, mit Freund:innen etwas zu tun, als daheim die Faust im Sack zu machen», sagt Glauser. «Wir sind wie ein Wassertropfen und gleichzeitig Teil einer atomkritischen Zivilgesellschaft.» Weil Energieminister Albert Rösti und eine Mehrheit des Parlaments die Atomenergie wieder ins Spiel bringen, sei diese kritische Zivilgesellschaft nötiger denn je. «Vielleicht wird unsere kleine Aktion zu einem von vielen Kernen, um die sich neuer Widerstand aufbaut.»
Und Beznau? 2032/33 soll das AKW abgeschaltet werden, hat die Betreiberin Axpo angekündigt. Glauser ist skeptisch. Er glaubt erst daran, wenn Beznau wirklich vom Netz ist.
Am Mittwoch, 1. April, um 16 Uhr wird die 3000. Mahnwache mit einer Kundgebung vor dem Sitz des Ensi gefeiert. Es sprechen Lisa Mazzone, Ruedi Rechsteiner und zwei Klimaaktivist:innen. Das Basler Sicherheitsorchester und die Alphornspielerin Priska Walls sorgen für die Musik.