Auf allen Kanälen: Verrat oder Heldentat?
Hinter «Mr Nobody against Putin» steht ein mutiger politischer Akt. Doch der preisgekrönte Film wirft auch ethische Fragen auf.
Der Film «Mr Nobody against Putin» von Pavel Talankin und David Borenstein wurde mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet und hat kürzlich sogar einen Oscar gewonnen. Die Arbeit basiert auf Videomaterial, das Talankin über zwei Jahre als Veranstaltungskoordinator und Videograf an einer Schule in der russischen Kleinstadt Karabasch gedreht hat. Er filmte mit staatlichem Auftrag schulische Veranstaltungen, die zunehmend Züge militärischer Propaganda annahmen – bereitete jedoch in Absprache mit dem US-amerikanischen Regisseur David Borenstein heimlich einen ganz anderen Film vor. Während Talankin in Russland erwartungsgemäss als Verräter gebrandmarkt wurde, empfing man ihn im Westen, wohin er floh, mit Begeisterung. Doch der Film – und insbesondere die Figur seines Protagonisten – wirft Fragen auf.
Kein geschützter Raum
Talankin hat zweifellos einen mutigen politischen Akt vollbracht. Doch wie steht es um die ethische Dimension? Im Film betont er mehrfach, in seinem Arbeitszimmer einen geschützten, vertrauensvollen Raum für die Schüler:innen geschaffen zu haben – man sieht die Jugendlichen immer wieder mit ihm in diesem Zimmer sitzen. Dass er sie, ebenso wie seine Mutter und seine Kolleg:innen, zu Figuren seines Films machte, ohne sie darüber zu informieren, bleibt unerwähnt. Offenbar ist er der Überzeugung, dass die gesellschaftliche Bedeutung seines Handelns gewichtiger ist als das aufgebaute Vertrauensverhältnis.
Auch die Inszenierung wirft Fragen auf. Der Fokus ist fast ausschliesslich auf Talankin gerichtet: Er stellt sich als einzigen eigenständig denkenden und handelnden erwachsenen Menschen dar und setzt sich in wortreichen Monologen in Szene. Karabasch, die Schüler:innen und das Kollegium erscheinen vor allem als exotische Kulisse für den Protagonisten. Das Ergebnis ist eine ebenso wirkungsvolle wie vereinfachte Dramaturgie: ein nonkonformistischer Held unter unkritischen Mitläufer:innen inmitten einer grauen Provinz, über die sich die militärische Maschinerie des Putin-Regimes legt.
Eine solche Perspektive dürfte beim westlichen Publikum auf Resonanz stossen – verbunden mit dem beruhigenden Gefühl: «Zum Glück ist es bei uns nicht so.» Doch die Realität ist komplexer. In Russland gibt es durchaus Lehrkräfte, die im System verbleiben, unter dem Druck militärischer Zensur stehen und dennoch versuchen, ihren Schüler:innen ein kritisches Denken zu vermitteln.
Zusätzliche Dramatisierung
Der russische oppositionelle Journalist und Faktenchecker Ilja Ber hat zudem auf eine Reihe von Ungereimtheiten und Ungenauigkeiten im Film hingewiesen. Talankin bezeichnet Karabasch als «die dreckigste Stadt der Welt» – für diese Behauptung gibt es keine belastbaren Belege. Zwar ist die ökologische Lage dort problematisch, doch warum diese zusätzliche Dramatisierung?
An anderer Stelle bringt Talankin mit Klebstreifen grosse X an den Schulfenstern an und sagt, dieser Buchstabe sei «ein Symbol der Unterstützung für Flüchtlinge aus der Ukraine» – obwohl der keine solche Bedeutung hat. Ein Geschichtslehrer, im Film als Sprachrohr der Kremlpropaganda dargestellt, äussert den Wunsch, den 1953 verstorbenen Geheimdienstchef Lawrenti Beria zu treffen. Zugleich wird dem Publikum erklärt, dieser sei der «Vater des Gulag» gewesen – was historisch nicht zutrifft. Auch die Behauptung, Talankin verstecke Videomaterial auf physischen Datenträgern, wirke, so Ber, im Zeitalter von Cloudspeichern wenig plausibel. Tatsächlich ist der Transport von mehreren Festplatten über die russische Grenze riskanter und unsicherer als die Übermittlung über eine Cloud.
Es wäre falsch, Talankins Vorgehen seine Aussergewöhnlichkeit abzusprechen. Wer daran zweifelte, dass es in Russland Menschen gibt, die den Krieg ablehnen, wird durch diesen Film eines Besseren belehrt. Doch die inszenatorische Eindimensionalität und die festivalgerechte dramaturgische Zuspitzung vereinfachen das Bild. Bei aller Tragik des Gezeigten – die Wirklichkeit in russischen Schulen ist vielschichtiger als die effektvoll inszenierte Düsternis auf der Leinwand.
«Mr Nobody against Putin» ist am 30. und 31. März 2026 am Human Rights Film Festival in Zürich zu sehen, am 30. März 2026 in Anwesenheit des Regisseurs David Borenstein.
Auf Arte und auf SRF ist der Film unter dem Titel «Ein Nobody gegen Putin» zu finden.