Im Affekt: Rosalía in Paris: «Genug Drama!»
Wer über diesen Charme verfügt, kann das ganze Pathos der Welt darauf abstellen. Rosalía blickt verzückt zurück ins Publikum, als wäre sie gerade zum ersten Mal angehimmelt worden: «Je t’aime? Zu mir?!» Die letzten Lacher verhallen, als sie mit unglaublich präsenter Stimme die ersten Töne der italienisch gesungenen Arie «Mio cristo piange diamanti» anstimmt. Aber halt, jetzt will sie ohne Begleitung der Fans singen: «Der Song hat schon genug Drama!»
Letzte Woche in Paris war das, am Sonntag spielte sie in Zürich. Der Witz steckt nicht nur in diesen Momenten, in denen die makellose Inszenierung kurz bricht. In der Pause nach dem ersten von vier Akten (ein bestechender Spannungsbogen) sind auf dem Bildschirm ein paar Tänzer:innen zu sehen, die den Gesangsstil der Chefin parodieren. Rosalía kann sich als quasi heiliger Überpopstar feiern und das gleichzeitig als Spiel entlarven. Einmal singt sie aus einem goldenen, erhöht platzierten Bilderrahmen, vor ihr auf der Bühne eine etwas verloren wirkende Traube Fans, die sie mit dem Handy filmen. Nach über hundert Minuten Spektakel von Flamenco bis Ballett fühlt man sich schliesslich, als könne man sie jetzt hinter der Halle zu einer gemütlichen Zigarette treffen.
Viel besser kann ein Popkonzert kaum gelingen. In der hypermedialen Gegenwart setzt Rosalía auf die Wirkung von Körpern im Raum. Die Choreografien und die theaterhaften Bühnen verbinden sich zu bestechenden Bildern. Manchmal sind sie surrealistisch, oft auch sehr versext, immer verspielt. Diese Feier des Physischen kann man auch hören. Ein kleines Orchester mit Dirigentin, Fagott und Pauken ist im Zuschauer:innenraum platziert. Live ist das Orchester noch prägender als auf dem aktuellen Album «Lux», auf dem Rosalía erstmals mit diesem spielte. Doch auch die Songs des vorherigen Albums «Motomami» fügen sich hier spielend ein. Die Synthesizer eines Reggaeton-Tracks live von Streichern gespielt? Unbedingt!
Noch ein betörendes Bild: Ein rauchender Lautsprecher schwebt zu harten Beats als Weihrauchfass übers Publikum.