Licht im Tunnel : Frühlingsblüten

Nr. 13 –

Michelle Steinbeck über sich schliessende Kreise

Im Frühling 2025 stehen wir in Mailand in einer dilettantisch wirkenden Ausstellung zum 100. Todestag von Anna Kuliscioff. Als unfreiwillig komische Pappfigur lehnt die junge Anna an der Heizung, in den Händen zerreisst sie ihr Zeugnis der Zürcher ETH – als Akt des Widerstands gegen den Zaren. Als Jüdin durfte sie in Russland nicht studieren, also kam sie nach Zürich, wo sie sich als eine der ersten Frauen an der ETH einschrieb. Hier politisierte sie sich in Anarchist:innenkreisen, später wurde sie Ärztin und Aktivistin und eine der wichtigsten Sozialistinnen Italiens. Ich stelle mich neben die Papp-Anna: Auf dem Foto trage ich eine schwarze FFP2-Maske gegen den Smog, für das Baby im Bauch. Auf einem schräg geschnittenen Papier in der Vitrine lesen wir, wie die tuberkulöse Kuliscioff unter der schon damals katastrophalen Mailänder Luft litt.

Im Frühling 1882 zieht sie mit ihrer kleinen Tochter nach Bern: «Die Luft wird sehr gut sein», schreibt sie an den Sozialisten Andrea Costa, ihren Freund und Vater des Kindes. Sie studiert Medizin und findet Berndeutsch «wüst» – nicht so ihre Tochter, die auf Deutsch mit dem Bild des abwesenden Vaters spricht: «lieb, lieb». Die Berner Luft hat nicht geholfen: Kuliscioff spuckt Blut, hat Todesangst. Im Frühling 1884 flieht sie nach Neapel, in der Hoffnung, das wärmere Klima werde ihr guttun. Sie ist verzweifelt und pleite. Im nächsten Frühjahr wird sie sich mit Arbeit betäuben, als «Ärztin der Armen» im cholerageplagten Neapel, dazu ihre Doktorarbeit schreiben über die Ursprünge des Kindbettfiebers. Ihren Freund Costa hat sie satt: «Dass du mir übers Haar streichen willst, wärmt mir nicht den Kopf.»

Im Frühling 2018 lebe ich in Rom. Hier lese ich zum ersten Mal die Briefe von Anna Kuliscioff an ihre Männer, mit denen sie, wie ich zu der Zeit, Fernbeziehungen führt. Ich fühle mich verbunden; sie will ein Kind. Im Frühling 1899 ist auch Kuliscioff in Rom und schreibt ihrem Freund, dem sozialistischen Abgeordneten Filippo Turati: «Du musst wissen, trotz meiner Beschwerden, die immer schlimmer werden, finden alle, ich sehe blendend aus – vor lauter Komplimenten könnte ich eitel werden.» Ich lege das Buch beiseite, das Licht auf der römischen Terrasse ist gerade sehr vorteilhaft. Ich mache ein Selfie, schicke es meinem Freund, lese weiter.

Im Frühling 1906 telefoniert Kuliscioff zum ersten Mal. Turati schreibt ihr danach: «Das Telefon ist wirklich eine tolle Erfindung, doch es wird erst richtig nützlich sein, wenn man auch die Physiognomie sieht und die Lügen von den Augen ablesen kann.» Im Videocall zeigt mein Freund die neuen Schränke, die er in seiner fernen Wohnung aufbaut, ich zeige das Mäandern der Starenschwärme.

Im römischen Frühling beschwert sich Kuliscioff über ihre Berühmtheit: «Nicht einmal in Rom habe ich noch Luft zum Atmen.» Ich hingegen bin dem römischen Verlag zu wenig berühmt: Statt meinen Roman zu übersetzen, geben mir die netten Herren ein Büchlein mit Briefen einer Revolutionärin …

Im Frühling 2023 sitzen die Übersetzerin und Historikerin Marina Galli und ich am Basler Rheinufer. Wir beschliessen, diese Briefe gemeinsam zu übersetzen. Ich erzähle, dass ich schwanger bin, und sage: «Aber wir haben ja gut Zeit, das Jubiläum ist erst Ende 2025.»

Im Frühling 2026 erscheinen Kuliscioffs Briefe zum ersten Mal auf Deutsch – in einem Zürcher Verlag mit anarchistischen Wurzeln.

Michelle Steinbeck ist Autorin. «Ich will dich sehen, mit deinem Verbrechergesicht. Liebesbriefe einer Revolutionärin» (Paranoia City Verlag) blüht jetzt im Buchhandel.