Literatur : Das Vergehen: Die blosse Existenz
Der ungarische Dramaturg und Autor András Visky erinnert in seinem literarisch grandiosen Roman «Die Aussiedlung» an eine Kindheit in den Lagern des stalinistischen Rumänien der fünfziger und sechziger Jahre.
Dieses Buch ist eine Wucht und zugleich von filigraner Raffinesse. «Die Aussiedlung» führt uns in die fünfziger und sechziger Jahre im stalinistischen Rumänien. Nun gibt es ja einzigartige Bücher in ungarischer Sprache, die aus den Vernichtungslagern der Nazis erzählen: Neben «Roman eines Schicksallosen» (1975) des Nobelpreisträgers Imre Kertész erschien zuletzt auf Deutsch etwa Jószef Debreczenis erschütternder «Bericht aus dem Land namens Auschwitz. Kaltes Krematorium», der vor über siebzig Jahren auf Ungarisch herausgekommen ist. Nun vergegenwärtigt der ungarisch-rumänische Dramatiker und Regisseur András Visky verstörend, welches Leid und Elend die so brutale wie willkürliche Bekämpfung angeblicher «Feinde des Sozialismus» in Rumänien über die eigene Bevölkerung gebracht hat.
Auf über 400 Seiten, in 822 nummerierten Abschnitten, gegliedert ohne Punkt, nur mit Kommata, gestaltet der 1957 geborene Autor sprachgewaltig, was ihm und seiner Familie in seinen ersten Lebensjahren im rumänischen Gulag widerfahren ist – erinnernd, dokumentierend, imaginierend auch.
22 Jahre Haft
Der Ich-Erzähler ist das jüngste von sieben Kindern eines mutigen reformierten Pfarrers in Siebenbürgen und seiner in Budapest aufgewachsenen österreichisch-ungarischen Frau Julia, verbunden in unverbrüchlicher, auch sinnlicher Liebe. Kurz nach der Geburt seines Jüngsten wird der Vater wegen einer angeblich politischen Predigt von der Securitate verhaftet, verhört und gefoltert; schliesslich zu 22 Jahren Haft verurteilt und an einen unbekannten Ort verschleppt.
Mutter Julia hört beim Verhör ihres Mannes mit. Als sie seine qualvollen Schreie vernimmt, versiegt schlagartig ihre Muttermilch für András: «Unsere Mutter hörte den fremden Ton nicht mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper, das Ausgeliefertsein und die entsetzliche Einsamkeit unseres Vaters durchdrang sie bis in die innersten Fasern, als wäre ihr zum ersten Mal der Gedanke gekommen, dass es Gott nicht gibt, oder dass er, falls es ihn gibt, nicht immer existiert».
Der Besitz der Familie wird beschlagnahmt, für die Mutter und die Kinder, zwischen ein- und zehnjährig, verfügt der Staat Zwangswohnsitz, «domiciliu obligatoriu», und Zwangsarbeit; «D.O. bedeutet […], dass man ‹mit Zwangswohnsitz› ausgesiedelt wurde […] ein Urteil wird gefällt, aber einen Prozess gibt es nicht, man kann sich nicht verteidigen, denn es ist völlig sinnlos, dein Vergehen ist deine blosse Existenz». Zusammen mit anderen «D.O.s» wird die Familie in ein Lager in der unwirtlichen Steppe des Bărăgan im Osten Rumäniens transportiert. Freiwillig mit ihnen geht Marika. Sie wird von den Kindern nur «nenyu» – Oma – genannt, eine «ungelernte, kluge und mutige» Frau, die als erwachsene Kriegswaise im Pfarrhaus gelandet war und – ein «Engel» – durch dick und dünn bei der Familie bleiben wird.
Nach tagelanger Reise kommt die Familie im Lager an, doch es gibt keine Baracke für sie. Sie beziehen eine Erdgrube, die kaum vor beissendem Wind, Regen und kaltem Schnee schützt. Die Lebensbedingungen – Hunger, Kälte, Willkür, übergriffige Bewacher – sind schier unvorstellbar. Schliesslich bekommt die Familie eine Baracke und auch Gemeinschaft mit anderen politischen Häftlingen. Es mutet übermenschlich an, wie die Mutter trotz harter Zwangsarbeit in der Schweinefarm und dauernder Belästigungen durch Securitate-Männer präsent bleibt für ihre «lieben Sperlinge», wie sie die Kinder nennt.
Viskys Erzählung folgt nur lose der Chronologie, manches wird in Rückblenden geschildert, vieles vorausweisend erwähnt und später erklärt. Das Ganze wirkt wie ein Zusammenfügen von Hunderten Mosaiksteinen des Erlebten, Erinnerten und vom kleinen András Erfundenen und eigenwillig Gedeuteten.
Entscheidend für die Wirkung des Romans ist seine Sprache; durchgehender Referenzpunkt sind dabei Bibeltexte, gemäss Autor habe die Bibel auch die Struktur seines Buches inspiriert. Die Bibel ist auch das einzige Buch, das die Mutter ins Lager schmuggeln konnte: «Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nichts, da er sein Haupt hinlege», liest die Mutter in der kalten Steppengrube. Gleichsam in Zwiesprache mit Zitaten aus der Heiligen Schrift fasst sie das grausame Schicksal der Familie in faszinierende, plastische Geschichten, denen man oft atemlos folgt. Die wie beiläufig erzählten Grausamkeiten, eine gewisse Nüchternheit gegenüber all den Schrecken erinnern auch an die Texte des ungarischen Nobelpreisträgers Kertész und den von ihm geprägten Begriff der «Schicksallosigkeit»: «Wir standen vor der Lagerkommandantur und warteten, was das Schicksal für uns bereithielt, wir wussten nicht, dass es unser Schicksal war, keines zu haben, wodurch uns eine unendliche, bis zu unserem Tod, ja sogar darüber hinaus währende Freiheit zuteilwurde», schreibt Visky.
Der Autor berichtet vom erbarmungslosen Kampf um Essen, Wärme, Gesundheit, von der schweren Zwangsarbeit bei den Schweinen – und von der Brutalität der Securitate-Schergen und -Spitzel, die auch die Mutter als «regimefeindlich» verdächtigen und sie verhören – «doch unsere Mutter schwieg, die Securitate-Männer würden sie früher oder später auf den langen Tisch werfen, ihr die Beine auseinanderdrücken und sich auf sie stürzen, wie die zentnerschweren Eber in den Deckstationen sich auf die Säue stürzten […]».
Mutters Aufforderung, keine Angst zu haben, schreibt der Autor, «war nichts als ein leeres und unglaubhaftes Klappern, hab keine Angst bedeutete nicht, dass Gottes Engel rechtzeitig eingreifen […] und befreien würden, […] sondern dass wir vollkommen machtlos waren und es daher auch sinnlos war, sich zu fürchten». Und wenn der älteste Bruder fragt: «hat der Satan den Winter erfunden», antwortet die Mutter: «nein, nein, die Unmenschlichkeit ist das Werk des Menschen».
Tod und Auferstehung
Nach mehreren Jahren im Lager ist auch die Mutter am Ende: Sie gibt ihre Kinder testamentarisch an Nenyu Marika zur Adoption frei. Zwar scheint sie selbst zum Sterben zu schwach, doch man verfrachtet sie in die Leichenhalle der nächsten Stadt. Angeführt von der kraftvollen Lagergefährtin Nadia – einstige Kampfpilotin der Luftwaffe Rumäniens –, gelingt es den Kindern, Mutter Julia aus dem Totenraum zu entführen und zurück ins Lager zu lotsen, wo sie langsam ins Leben zurückkehrt. So gibt es in «Die Aussiedlung» neben der Brutalität und Perfidie der Wachleute und Spitzel immer wieder auch viel zwischenmenschliche Solidarität.
Eine Generalamnestie Mitte der sechziger Jahre beendet schliesslich die Zwangsaussiedlung und den «D.O.-Status». Das Lager wird aufgelöst, doch wie viele andere ehemalige Lagerbewohner:innen hat auch Viskys Familie kein Zuhause mehr und kommt irgendwo provisorisch unter. Bald stösst auch der von Haft und Folter schwer gezeichnete Vater zu ihnen – für den Erzähler ist er ein wildfremder Mann. Gegen Ende zerfasert der Roman ein bisschen, manches wird nur angedeutet – es bleibt Hoffnung auf eine Fortsetzung.