Literatur : Wut, wie sie heute fehlt
Miniaturen aus dem queeren New York der siebziger Jahre, die sich heute dringlicher lesen als je zuvor: Die «Waterfront Journals» des US-Künstlers David Wojnarowicz sind erstmals auf Deutsch erschienen.
In Laura Poitras’ Dokumentarfilm «All the Beauty and the Bloodshed» (2022) gibt es eine Szene, die das politische Klima der achtziger Jahre in New York präzise einfängt. Die Fotografin Nan Goldin kuratierte damals «Witnesses: Against Our Vanishing» – eine Ausstellung, die Aids offensiv ins Zentrum rückte: ein Akt der Sichtbarmachung in einer Zeit, in der das Infiziertsein mit HIV, das Erkranktsein an und das Sterben mit Aids verschwiegen und stigmatisiert wurden. Den Katalogtext schrieb damals David Wojnarowicz.
Der junge Schriftsteller und Künstler beschimpfte darin den New Yorker Erzbischof als «fat fucking cannibal» und zeichnete den für seine Zensurkampagnen bekannten Senator Jesse Helms, wie er in Flammen aufgeht. Wenig später entzog der damalige Leiter des National-Endowment-Kunstfonds der Ausstellung wegen Wojnarowicz’ Katalogtext die Förderung. In Poitras’ Film wird der Autor zitiert: Nach zig Beerdigungen enger Freunde habe er irgendwann nicht mehr nur Trauer empfunden, sondern auch Wut. Wut wegen der Erkenntnis, «dass die Beerdigungen ausserhalb des Raumes, wo sie stattfanden, gar keinen Widerhall fanden».
Splitter von Solidarität
Wut durchzieht auch die «Waterfront Journals», eines seiner frühen Werke, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt. In den monologischen Miniaturen aus Wojnarowicz’ Tagebüchern begegnen wir Sexarbeitern, Ausreisserinnen und Junkies aus dem New York der späten siebziger Jahre. Die Texte lesen sich wie Spitzen gegen das Glattziehen einer Wirklichkeit, die in den Augen der Mächtigen nicht mehr ist als ein Störgeräusch. Gegen die Vorstellung, dass ein Leben an den Rändern – an der Waterfront – kein Echo verdient.
Die Waterfront meint die New Yorker Uferzonen an Hudson und East River – einst ein Zufluchtsort für Künstlerinnen und Rumtreiber, oft in besetzten Lofts. Die Ironie: Die marginalisierte Kunstbohème mit Existenzängsten und Polizeiknüppel im Nacken wurde später zur ästhetisierten Folklore eines wohlhabenden Kreativmilieus. Wo Künstler:innen wie Wojnarowicz einst in unbeheizten Räumen mehr überlebten als lebten, gibt es heute teure Fussbodenheizung und Designerküchen.
Die Geschichten der «Waterfront Journals» dagegen sind kantig und weird. Man hört die Stimme einer jungen Frau, die der Enge des Patriarchats mit düsteren Gewaltfantasien begegnet: «Manchmal wünsche ich mir, ich könnte ihre Schwänze vertrocknen und abfallen lassen.» Man folgt einem Stricher am Times Square, der von einem Mann, der sich als Polizist ausgibt, vergewaltigt und fast ermordet wird. Zwischen Acidtrips, Razzien und alkoholdurchtränkten Sexfantasien sind die «Waterfront Journals» wie rauschhafte Splitter eines Stadtraums zwischen Begehren und Brutalität, zwischen Exzess, Freiheit und Repression. Aber auch: Splitter von Solidarität in der schwulen und queeren Community.
Stilistisch sind diese Texte an Hunter S. Thompson geschult oder an der verdichteten Sprache von Wojnarowicz’ grossem Vorbild, Jean Genet. Sie erinnern an grell überblitzte Polaroids oder an Nan Goldins Fotos – nur dass der Glamour in den Hintergrund tritt. Wo Goldin die Unbeschwertheit und die Anmut der Dragqueens und -kings durchscheinen lässt, protokolliert Wojnarowicz den Absturz eines Traums. Er selbst kam aus einer zerrütteten Familie in New Jersey und schlug sich über mehrere Jahre als verarmter Sexarbeiter durch.
Mit dem Tod seines engsten Freundes, des Fotografen Peter Hujar, radikalisierte sich Wojnarowicz’ Blick. Aus dem Chronisten queerer Gegenwart wurde ein erklärter Gegner von Reagans Amerika und dessen kleingeistigen Gefolgsleuten. Die rund fünfzig Kapitel der «Waterfront Journals» lesen sich auch wie Warnungen vor den Abgründen einer Gesellschaft, die Menschen erst ausgrenzt und sie dann für ihren Absturz verantwortlich macht – oder schlicht so tut, als habe es sie nie gegeben. Streckenweise sind sie drastisch, pornografisch, psychedelisch, absurd.
Irritierend gegenwärtig
Die Suhrkamp-Ausgabe trifft Wojnarowicz’ Ton nicht immer passgenau. Der Versuch, den New Yorker Slang der Siebziger ins Deutsche zu übertragen, wirkt stellenweise etwas altbacken. Dennoch liest sich seine Prosa auch auf Deutsch irritierend gegenwärtig – wohl nicht zuletzt deshalb, weil queere oder queer gelesene Körper und Lebensweisen heute noch attackiert werden. Die Parallelen zwischen den USA, die in die Reagan-Jahre mündeten, und den faschistischen Reflexen der Trump-Ära sind allzu offensichtlich.
Wojnarowicz, der 1992 an den Folgen von Aids starb, schrieb kurz zuvor in seinen Memoiren «Close to the Knives»: «Mir ist zum Kotzen, weil wir hier leise und höflich unser Häuschen bauen sollen in dieser Tötungsmaschine namens Amerika und Steuern zahlen, um unseren eigenen langsamen Mord zu finanzieren – und ich staune, dass wir nicht längst Amok laufend durch die Strassen ziehen; dass wir nach einem Leben voll von all dem noch immer zu Gesten der Liebe fähig sind.»
Die «Waterfront Journals» enthalten das Rohmaterial, aus dem sich dieser Ton speist. Hier formierte sich erstmals seine künstlerische Wut. Man hätte sich gewünscht, die deutsche Ausgabe würde diesen Zusammenhang noch deutlicher machen. An Gründen für Wut mangelt es auch heute nicht. Was fehlt, sind Stimmen wie jene von Wojnarowicz, die sie so kompromisslos in Sprache überführen.