Ruhrgebiet : «Woanders is auch scheisse»
Der «Pott» ist mehr als nur Armut, Arbeitslosigkeit und Zerfall. Zu Besuch bei Menschen, die nicht nur verzweifeln, sondern auch dichten, sich organisieren und in der Region Neues schaffen.
Die Verzauberte
Dass sie sich neu verlieben würde, damit hatte Lina Atfah nicht gerechnet. Als die Syrerin im November 2014 in Beirut in ein Flugzeug stieg, trug sie ein weisses Kleid mit einem langen Schleier. Ihr Freund würde sie am Flughafen Düsseldorf abholen, sie würden bald heiraten, und in ihrer Vorfreude wollte sie ihn mit dem Kleid überraschen. An ihrem Ziel angekommen, in Wanne-Eickel, entdeckte sie ein Schild unweit des Bahnhofs. «Das Mondschild. Es war vor mir da – und es blieb. Es ist inspirierend und berührt etwas Kindliches im Herzen. Wer wollte nicht einmal den Mond berühren? Wanne-Eickel hat uns den Mond heruntergeholt», sagt sie. Dann stimmt sie das Lied «Der Mond von Wanne-Eickel» an. Der 1962 veröffentlichte Song ist der Heimatschlager der ehemals eigenständigen Stadt.
Wanne-Eickel, gerne belächelt als prolliger Bezirk von Herne. 1975 wurden die beiden Städte zusammengelegt. Eine Zwangsehe, würden manche sagen; die Diplomatischeren sprechen von einer Vernunftbeziehung. Für die Lyrikerin Atfah ist Wanne-Eickel hingegen «Kadir», Schicksal. «So romantisch hässlich und grau – es erinnert mich an meine Herkunftsstadt Salamiah», sagt sie. Sie meint es ernst. Dann lacht sie wieder. Wegzugehen käme für sie einer zweiten Flucht gleich.
Die in Deutschland mehrfach preisgekrönte Lyrikerin hat dem Wanner Mond sogar ein Gedicht gewidmet – wie auch dem Navigationsgerät, das sie hierhergeführt hat. «Das Navi hat ein Gedicht verdient. Wallah, bei Gott!», sagt sie erneut lachend. «Dank ihm hörte ich das erste Mal die deutsche Sprache. So habe ich Wanne gefunden, und Wanne hat mich gefunden.»
Während die 37-Jährige an einem Februarabend bei einem Glas Wein in der «Zille» in Herne-Mitte von Wanne schwärmt, passt ihr Mann Osman Yousufi auf die Zwillinge auf. Der Physiklehrer konnte als Erster aus dem damaligen Bürgerkriegsland Syrien ausreisen, Lina Atfah kam zwei Jahre später nach. Zuvor hatte sie in Damaskus arabische Literatur studiert, wurde wegen ihrer Arbeit der Gotteslästerung beschuldigt. Das Regime verlangte von ihr ein Lobgedicht auf den Diktator Baschar al-Assad. «Ich habe mich geweigert», sagt sie, und ihre Stimme kippt ins Leise. «In Syrien war das Schreiben ein Weg, zu überleben. In Wanne habe ich den Raum gefunden, mich lyrisch zu entfalten. Für mich ist es die beste Stadt in Deutschland.» Ihr weisser Schleier liegt heute im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven, das die Migration aus und nach Deutschland dokumentiert. «Wanne ist nicht mehr Exil, sondern meine Heimat.» Sie schreibt an ihrem dritten Buch, einem Roman für einen grossen Verlag.
Wanne-Eickel ist die geografische Mitte des Ruhrgebiets. Dieses war schon immer ein Ort des Ankommens. Als der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) 1989 verkündete: «Wir sind kein Einwanderungsland», lebten bereits Menschen aus 150 Ländern hier. Bergbau und Schwerindustrie prägten die Region jahrzehntelang. Heute kommt keine Geschichte über das Ruhrgebiet ohne die Worte «Strukturwandel» und «Depression» aus. Das ist aber auch nur ein Teil der Realität. Oder um es mit den Worten des Bochumer Kabarettisten Frank Goosen zusammenzufassen: «Woanders is auch scheisse.»
Das Ruhrgebiet wird liebevoll «Pott» genannt. Mancherorts sind die Ampelmännchen hier Kumpel mit einer Leuchte in der Hand. Die Region umfasst 53 Städte; 5,1 Millionen Menschen leben hier auf 4400 Quadratkilometern. Es ist einer der am dichtesten besiedelten Ballungsräume Europas. Die nördlichste Stadt ist Wesel, Hagen die südlichste, Hamm liegt im Osten und Moers im Westen. Die grösste Stadt ist Dortmund mit rund 600 000 Einwohner:innen. Wer sich auf die Aussichtsplattform des Gasometers in Oberhausen stellt, sieht ringsherum beeindruckend viel Grün. Dies gilt für die gesamte Region: Nachdem Industrieanlagen stillgelegt wurden, breitete sich die Natur wieder aus. Die Ruhr-Universität Bochum ist für ihre Forschung international bekannt. Und mit einer Dichte von 0,055 Museen pro Quadratkilometer steht die Region im bundesweiten Vergleich an der Spitze.
Allerdings: Von den zehn deutschen Städten mit der höchsten Verschuldung pro Person sind vier im Ruhrgebiet. Sogenannte Brennpunkte gibt es hier einige. Nur ein Beispiel: die Dortmunder Nordstadt. Müll und Möbel liegen auf den Strassen. Bekannt ist das Viertel für seine Strassenkriminalität – und auch für Polizeigewalt. Der Senegalese Mouhamed Dramé starb im August 2022 durch fünf Kugeln aus einer Maschinenpistole. Der Sechzehnjährige soll sich mit einem Messer auf die Beamt:innen zubewegt haben. Alle angeklagten Polizist:innen wurden freigesprochen.
Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) von Problemen im «Stadtbild» spricht, dann meint er auch die Siedlungen im Ruhrgebiet. Die Fussgänger:innenzonen haben sich stark gewandelt. Barbershops, Ein-Euro-Läden, Spielhöllen und Dönerrestaurants prägen die Strassen. Wer in Dortmund am Hauptbahnhof aussteigt, erschrickt über die vielen Obdachlosen, die dort ihre Matten ausgelegt haben. In Städten wie Herne, Hagen, Gelsenkirchen, Dortmund, Hattingen und Duisburg stehen baufällige Immobilien mitten im Zentrum. In der Herner Innenstadt etwa sind die Eingangstüren mancher Häuser kaputt, sodass jede:r hineinkommt. Aus dem Keller, wo die Mülltonnen stehen, riecht es bis nach oben. Die Sicherheitsmängel, etwa zugestellte Fluchtwege, sind offensichtlich. Warum lässt die Politik zu, dass Menschen in solchen Gebäuden hausen müssen?
Die Verdrängten
Das wüssten Amalia, Madalina, Janina, Marianna, Andy und Andrea auch gern. Die sechs Frauen gründeten im November den Verein «Romani-Forum Duisburg» in Duisburg-Hochfeld. Das Quartier ist für Duisburg das, was die Nordstadt für Dortmund ist. Jeden Montagabend treffen sich die Frauen in den Räumen des Vereins «Die Solidarische Gesellschaft der Vielen». Wenige alte Möbel stehen herum. An der Wand hängt ein Rojava-Plakat. Die Frauen sitzen an einem grossen Tisch, trinken Energydrinks und essen Kuchen, manche haben ihre Kinder mitgebracht, die am Spielen sind. Hier sind sie unter sich: Niemand schaut sie wegen ihrer Herkunft schräg an. Bei ihren Treffen geht es meist um Diskriminierung, Rollenbilder, Arbeit und Kindererziehung. Gedacht ist der Verein als Selbsthilfegruppe und als Ort, um sich nach aussen positionieren zu können. «Wir möchten der Gesellschaft etwas geben. Wir können auch etwas Gutes tun, Menschen helfen, etwa bei Behördengängen oder beim Ausfüllen von Formularen», sagt Amalia. Sie lebt seit siebzehn Jahren in Deutschland, hat keinen Job, ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, eines davon noch ein Baby.
Wenn es eine Hierarchie in der Diskriminierung gibt, dann stehen Rom:nja und Sinti:zze weit oben. Die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) stellt in ihrem Jahresbericht für 2024 fest, dass die Diskriminierung gegenüber Sinti:zze und Rom:nja in Deutschland zunehme. Insgesamt wurden 1678 Vorfälle erfasst. 2023 waren es noch 1233 gewesen. Ausgrenzung und Anfeindung gehörten laut der MIA zum Alltag dieser Menschen. Rom:nja und Sinti:zze kommen meist aus dem armen Südosteuropa. Als EU-Bürger:innen geniessen sie seit 2014 die volle Arbeitnehmer:innenfreizügigkeit. Die CSU warnte damals vor einem Zuzug von «Armutsflüchtlingen» in das Sozialsystem.
Seither reissen die Diskussionen nicht ab. Duisburgs Bürgermeister Sören Link (SPD) mischt dabei mit. «Ich hätte gerne das Doppelte an Syrern, wenn ich dafür ein paar Osteuropäer abgeben könnte», sagte er 2015. Genau wegen solcher Diskriminierungen möchten die Gründerinnen des Romani-Forums Duisburg ihre Nachnamen nicht nennen. Nachdem die Lokalpresse über sie berichtet hatte, mussten sie bei einem auf Facebook veröffentlichten Artikel die Kommentarspalte schliessen: zu viele hasserfüllte Beiträge.
Rund 25 000 Personen aus Rumänien und Bulgarien leben in Duisburg. Die Stadt zählt eine halbe Million Einwohner:innen. «Manchmal verstehe ich die Deutschen auch», sagt Amalia. Das Land habe wirtschaftliche Probleme, und es gebe wirklich viele Zugezogene. Früher sei es einfacher gewesen, Unterstützung vom Staat zu bekommen. Heute, so der Tenor der Frauen, gebe es immer weniger Hilfe und immer mehr Ablehnung. Die Wohnungs- und Jobsuche sei eine Katastrophe. Schon am Telefon würden sie gefragt, woher sie kämen. «Wenn ich ‹Rumänien› sage», erzählt Andrea, «heisst es meist: ‹Die Wohnung ist schon vermietet›» – obwohl sie online noch als unvermietet angezeigt werde. Sie alle befinden sich in prekären Lebensverhältnissen, haben keine oder eine geringe Ausbildung. Wenn es mal Jobs gibt, dann etwa in Blumenlagern an der niederländischen Grenze mit miserablen Bedingungen und einem schlechten Gehalt. Die Männer malochen in Schlachtereien oder Lagerhäusern. «Es gibt Arbeitgeber, die denken, dass sie mit uns machen können, was sie wollen», sagt Andrea.
Zu einem politischen Instrument der Armenbekämpfung ist die 2014 gegründete «Taskforce Problemimmobilien» geworden. Ein Team aus Mitarbeiter:innen der Polizei, des Ordnungsamts, der Feuerwehr und des Jobcenters rückt jeweils aus und klingelt in baufälligen Immobilien an den Türen. In den Häusern leben oft Personen aus Südosteuropa, weil sie auch auf dem Wohnungsmarkt ausgegrenzt werden. Die Mietobjekte sind nicht unbedingt günstiger als saubere und sichere Wohnungen, aber die Menschen haben keine andere Wahl. Und wer verzweifelt ist, lässt sich am besten ausbeuten. Die Taskforce sucht nach Sicherheitsmängeln und schaut nach, ob tatsächlich die gemeldeten Personen dort wohnhaft sind. Wird ein Haus geräumt, müssen die Bewohner:innen innerhalb weniger Stunden raus. Dann stehen sie auf der Strasse. Mit dem Wohnungsverlust haben sie auch keine Meldeadresse mehr und verlieren ihre Ansprüche gegenüber den Behörden.
Im Romani-Forum haben sie alle schon Begegnungen mit der Taskforce gehabt. Allein das Wort reicht aus, um die Frauen aufgeregt lauter werden zu lassen. Marianne etwa musste mit ihren sieben Kindern die Wohnung nach einer unangekündigten Räumung durch die Behörden verlassen. «Niemand fragt, wohin man geht, auch wenn man zehn Kinder hat», kritisiert Madalina. Die Menschen könnten ja in Asyl- oder Obdachlosenunterkünfte gehen, argumentieren die Behörden. Doch dort will niemand hin. Es wäre ein weiterer Abstieg. So bleibt nur die Flucht zu Freund:innen, bis eine neue Unterkunft in einer Schrottimmobilie gefunden wird.
Für Lena Wiese ist dieser Teufelskreis kein Zufall. Die Duisburger Migrations- und Sozialforscherin ist Mitgründerin der «Solidarischen Gesellschaft der Vielen». Seit Jahren begleitet sie Rom:nja und Sinti:zze, die Schwierigkeiten mit Behörden und Arbeitgeber:innen haben. «Prekäre Beschäftigung, eingeschränkter Zugang zum Wohnungsmarkt, sozialrechtliche Ausschlüsse und gesellschaftliche Stigmatisierung greifen ineinander und stabilisieren eine Form sozialer Positionierung, in der Gruppen wie Rom:nja dauerhaft am Rand der formalen Rechte gehalten werden.» Solange Teile des Arbeitsmarkts systematisch auf extrem billige und rechtlich schlecht abgesicherte Arbeitskräfte ausgerichtet seien und gleichzeitig Vermieter:innen von der sozialen Notlage profitierten, werde sich diese Situation nicht ändern.
Haben die Frauen des Romani-Forums Angst? «Nein, wir sind starke Frauen», sagt Andrea, die Hand zu einer Faust geballt. Für einen Moment wird es still am Tisch. Dann ergänzt Amalia: «Wir haben Angst vor der Taskforce und davor, kein Geld mehr vom Amt zu bekommen.» Als alleinerziehende Mutter könne sie halt nicht immer arbeiten. Sie atmet hörbar ein. «Nicht weil wir nicht wollen, sondern weil auch wir Probleme haben. Wir sind auch Menschen.» Es gebe Momente, in denen sie darüber nachdächten, Deutschland zu verlassen, sagen die Frauen am Tisch. «Aber wohin sollen wir?», fragt Andy. Ihre Kinder kennen Rumänien nicht. Ihr Zuhause sei Duisburg-Hochfeld.
Die Profiteur:innen
Die populistischen Debatten schlagen sich in den Wahlergebnissen nieder. Wurden Systemfragen einst auf den Strassen verhandelt, findet heute der Protest an den Wahlurnen statt. Einst war das Ruhrgebiet das Stammland der SPD. Bei den Kommunalwahlen im September 2025 schafften es die Sozialdemokrat:innen immerhin noch, mit 22,1 Prozent der Stimmen zweitstärkste Partei zu werden. Die CDU holte 33,3, die AfD 14,5 Prozent. «Die SPD war im Ruhrgebiet und darüber hinaus zu lange in verantwortlichen Positionen, um die derzeit bestehende Unzufriedenheit glaubwürdig selbst auffangen oder organisieren zu können», sagt Stefan Marschall, Politikwissenschaftler von der Universität Düsseldorf. «Vielmehr wird die Partei als Ursache für die vielfach als sozial schwierig wahrgenommene Lage in vielen Städten des Reviers gesehen.»
So kam es in Gelsenkirchen, Hagen und Duisburg zu Stichwahlen zwischen Kandidat:innen der SPD und der AfD. Gelsenkirchen, einst Hochburg der Sozialdemokratie, hat im November einen AfD-Politiker zum stellvertretenden Bürgermeister gewählt – bis vor wenigen Jahren noch unvorstellbar. «Studien zeigen, dass viele Arbeiter:innen zwar weiterhin die umverteilungspolitischen Positionen linker Parteien unterstützen, deren progressive Agenda in soziokulturellen Fragen aber deutlich skeptischer sehen», sagt der Politologe Conrad Ziller von der Universität Duisburg-Essen, der zur AfD im Ruhrgebiet geforscht hat. «Parteien wie die AfD profitieren von dieser Spannung: Sie sprechen gezielt Wählergruppen an, die sich von den soziokulturellen Positionen der linken Parteien entfremdet fühlen.» Vor diesem Hintergrund erscheine der Erfolg der AfD in ehemals sozialdemokratischen Städten weniger überraschend. «Er spiegelt vielmehr einen strukturellen Wandel politischer Konfliktlinien wider, der in vielen westlichen Demokratien zu beobachten ist.»
Ein weiteres scheinbares Paradox: In zahlreichen Städten, in denen die AfD bei den Integrationsratswahlen antrat, landete sie auf dem zweiten Platz, in Hagen gar auf dem ersten. Integrationsräte repräsentieren Migrant:innen und können von diesen gewählt werden – wie passt dieses Ergebnis zusammen? Menschen mit Migrationsgeschichte wählten die AfD oft aus ähnlichen Motiven wie andere Wähler:innen – etwa aus sozialer Unsicherheit oder dem Gefühl, politisch nicht vertreten zu sein, so Ziller. Manch migrantischer Wähler sehe darin eine Möglichkeit, sich von neuer Zuwanderung abzugrenzen oder gegen etablierte Parteien zu protestieren. «Das ist schon verführerisch.»
Der Enthusiast
Wenn Lukas Hermann von seinem Job erzählt, erntet er nicht selten Stirnrunzeln. Immer wieder hört der grosse, blonde Mann Sätze wie «Das ist aber mutig» oder «Kann man denn davon leben?». Solche Reaktionen ärgern ihn. Hermann ist nicht Stuntman in Hollywood oder Velokurier in Delhi. Er ist Buchhändler in Gelsenkirchen-Ückendorf. 2024 hat er seine Buchhandlung «readymade» eröffnet. «Diese Fragen verfehlen den Kern dessen, was wir hier leisten», sagt er ruhig. «Es geht darum, grassrootsmässig Leben zu aktivieren und kleine Impulse zu setzen, die für die Menschen wirken können.» Auf dem Briefkasten seines Ladens klebt ein Sticker mit der Aufschrift «Ein Herz für Lyrik».
Gelsenkirchen ist mittlerweile zu einem bundesweiten Synonym für den Absturz geworden. Einst gross geworden durch Kohle, Stahl und den Fussballklub Schalke 04, ist Gelsenkirchen neben Herne inzwischen die ärmste Stadt der Republik. Die Kinderarmutsquote liegt bei 37 Prozent – ein Spitzenwert in Deutschland. Die Arbeitslosenquote liegt bei 15,7 Prozent und damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 6,5 Prozent. Zuletzt machte Gelsenkirchen Schlagzeilen, weil sich dort der grösste Bankraub Nachkriegsdeutschlands ereignete. Ende Dezember bohrten Einbrecher:innen ein Loch in einen Tresorraum der Sparkasse und erbeuteten schätzungsweise hundert Millionen Euro. Medien spekulierten, das müsse Schwarzgeld gewesen sein – so viel Geld ausgerechnet in einem «absolute shithole». So bezeichnete ein englischer Fussballfan Gelsenkirchen auf X, als er 2024 zur Europameisterschaft hier ankam. Der Tweet verbreitete sich viral.
Auf das schlechte Image der Stadt und die AfD angesprochen, reagiert Hermann angespannt. Immer wieder Armut, immer wieder AfD, das nervt ihn offensichtlich. Von Kulturschaffenden in Gelsenkirchen werde häufig erwartet, dass sie ein Bollwerk gegen die Rechten seien. Er wolle nicht, dass seine Heimat nur auf das Hässliche reduziert werde. «Es braucht in dieser vielseitigen Kulturlandschaft auch Platz für andere Themen.» Ja, die Strukturen seien schwierig, das seien sie aber auch in Sachsen oder in Offenbach bei Frankfurt, der Grossstadt mit dem höchsten Migrant:innenanteil Deutschlands. «Ich bin nicht hier, um die Stadt zu verteidigen», sagt er und steht auf, um einen Bildband über Miles Davis in die Hand zu nehmen. Bücher, die wie dieses über fünfzig Euro kosten, würden sich kaum verkaufen, aber er nehme sie dennoch ins Programm. Hermann will Themen setzen. In seinen Regalen finden sich neben Namen lokaler Autor:innen auch Victor Heringer, Tove Ditlevsen oder Claire Keegan – und Kinderbücher. «Ich will den Menschen vor Ort ein interessanteres Leben ermöglichen, und es gibt viele Vorteile an diesem Standort: niedrige Mieten und viele Menschen, die solche Angebote gerne annehmen, weil es eben nicht so viele davon gibt.» So sei er nicht nur Buchhändler. «Manchmal bin ich auch ein ungelernter Sozialarbeiter oder Gesellschaftskritiker.»
Der 31-Jährige ist in Ückendorf aufgewachsen. Nach dem Studium der Literaturwissenschaften, nach Promotion und Lehre im Rheinland entschied er sich zurückzukehren. Ückendorf ist mittlerweile das Kreativquartier der Stadt. In den Hinterhöfen entstehen ständig neue Bars, Queer Spaces, Ateliers und Lädchen. Die lokale Subkultur trifft sich hier, «Kein Bock auf AfD»-Aufkleber vielerorts. Es erinnert an das Prenzlauer-Berg-Feeling in den nuller Jahren. «Der Laden trägt sich», sagt Hermann. Das ermöglicht es ihm, weitere Projekte zu realisieren. Mit zwei Mitstreiterinnen gründete er die Literaturzeitung «Brache». Demnächst will er einen eigenen Buchverlag namens «sirren» ins Leben rufen – mit dem Ziel, einen anderen Blick auf Gelsenkirchen zu ermöglichen. «Es geht mir nicht um Beschönigung», sagt er. «Sondern darum, Räume zu schaffen, in denen etwas wachsen kann.»
Çiğdem Akyol wurde 1978 in Herne-Mitte geboren.