Sexualisierte Gewalt: Konform unter Männern

Nr. 13 –

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Wie viele solcher «Einzelfälle» braucht es noch? Zum Beispiel die Titelgeschichte im aktuellen «Spiegel» über Collien Fernandes. Die deutsche Moderatorin und Schauspielerin hat Klage eingereicht wegen digitalen Missbrauchs mit Fake-Pornografie. Über Jahre hinweg waren von fingierten Profilen unter ihrem Namen pornografische Bilder und Videos an Männer, die sie teils persönlich kannte, verschickt worden.

Schon 2024 hatte Fernandes an einer ZDF-Doku über Deepfake-Pornos mitgewirkt und sich dabei auf die schwierige Suche nach den Tätern gemacht. Erst nachdem sie Anzeige gegen unbekannt erstattet hatte, gab sich nach Darstellung des «Spiegels» der Mann bei ihr zu erkennen, der für den Missbrauch über falsche Profile verantwortlich sein soll. Mit dem mutmasslichen Täter war sie damals seit dreizehn Jahren verheiratet: Es ist der ehemalige «Tatort»-Kommissar Christian Ulmen.

Ist das nun ein «deutscher digitaler Pelicot-Fall», wie etwa die österreichische Politologin Natascha Strobl im Netz kommentierte? Der Vergleich mit dem französischen Vergewaltigungsfall liegt nahe, er ist nicht falsch – und trotzdem schief. Der Fall Pelicot sagt: Das sind Männer wie du und ich. Promis dagegen, als Projektionsflächen im Guten wie im Schlechten, taugen immer auch als Abwehrzauber: So wie die bin ich nicht. Dazu kommt, dass die Vergewaltigung in der Ehe hier «virtuell» war, wie Fernandes es nennt, der Mann sich also «nur» digital der Frau bemächtigt hat.

Noch verrückter ist, dass der Beschuldigte das, was ihm angelastet wird, in gewisser Weise in seiner eigenen Arbeit vorweggenommen hat. «Who wants to fuck my girlfriend?» (2013), so hiess tatsächlich eine satirisch gemeinte Realityshow, die Christian Ulmen moderierte (in seiner Rolle als Uwe Wöllner). Angesichts der Vorwürfe seiner Exfrau sieht es nun so aus, als habe er den Titel der Sendung auch im Privaten allzu wörtlich genommen – ohne satirische Absicht.

Und doch: Strobl hat nicht unrecht mit ihrem Vergleich. Denn eine entscheidende strukturelle Ähnlichkeit zum Pelicot-Fall ist eklatant – und zwar in der Figur des Ehemanns, der sich ohne Wissen seiner Frau als deren Zuhälter betätigt. In dieser Hinsicht ist auch Pelicot keine Ausnahme, sondern der schockierende Extremfall, der die patriarchale Normalität kenntlich macht – eine Normalität, die sonst offenbar zu wenig zu schockieren vermag.

Es genügt dazu ein Blick nach Italien. Sechs Jahre lang war dort eine Facebook-Gruppe namens «Mia Moglie» aktiv, in der Männer intime Fotos ihrer Partnerinnen teilten, grösstenteils ohne deren Wissen und mit Kommentaren wie: «Das ist meine Frau. Was würdest du mit ihr machen?» Erst nach einem öffentlichen Aufschrei im August 2025 schloss Facebook die Gruppe mit der Begründung, sie verstosse gegen die Richtlinien. Zuletzt zählte die Gruppe rund 32 000 Mitglieder. 32 000 Einzelfälle.

Das zeigt, weshalb es zu kurz greift, diese Männerkultur des heimlichen Zuhälterwesens, ob real oder virtuell, als abartigen «Fetisch» zu kategorisieren und sie damit als abweichendes Sexualverhalten gewissermassen noch zu adeln. Nein, das ist nicht «krank», sondern leider konform, in einem sehr fundamentalen Sinn. Diese Männer erfüllen ein Grundprinzip patriarchaler Normalität.

Alle diese Fälle, so unterschiedlich sie auch sein mögen, fügen sich nämlich zu einem Muster, das in verblüffender Klarheit eine alte These der Psychoanalytikerin Luce Irigaray bestätigt. Was man Patriarchat nennt, erschöpft sich eben nicht in der Unterwerfung der Frau. Es geht immer auch um die Beziehungen, die Männer untereinander etablieren – und gemäss Irigaray tun sie das eben über den Tauschwert «ihrer» Frauen.

Das ist es, was diese aktuellen Beispiele geradezu mustergültig vor Augen führen. Oder wie es die Philosophin Eva von Redecker im Rückgriff auf Irigaray formuliert hat, in ihrer Reaktion auf die «Spiegel»-Recherche: «Der Zement des Patriarchats ist die Beziehung unter Männern, die sich gegenseitig in ihrer Verfügungsgewalt messen und bestätigen.»

Diesen Zement auflösen können nur die Männer selbst. Es liegt in ihrer Verantwortung.