Von oben herab : Finis Helvetiae

Nr. 13 –

Stefan Gärtner über das Ende des Schweizer Perfektionsmythos

Die schönste Zeit des Jahres ist nicht Weihnachten oder Urlaub, sondern die, in der ich meine Steuererklärung mache, und beim Addieren meiner deutschen Umsätze kommt viermal (!) eine je andere Summe heraus, bis ich meine Frau um Hilfe bitte und sie das Eintippen übernimmt: Die fünfte Summe stimmt mit der vierten immerhin vor dem Komma überein, der sechste Anlauf kann dann endlich als Erfolg gelten, uff! Überraschend (oder nicht überraschend) nun, dass es bei der gesonderten Addition der (umsatzsteuerfreien) Schweizer Umsätze sofort hinhaut: zwei Durchgänge, aus. Das ist die Schweiz: Es klappt einfach.

Oder? «In vielerlei Hinsicht funktioniert die Schweiz wie immer, die Züge fahren pünktlich, die Supermarktregale sind gefüllt, Ende Monat kommt der Lohn», raunte jetzt die «NZZ am Sonntag». «Und doch hat sich jüngst – so scheint es – eine leichte Nervosität, eine neue Ängstlichkeit in die gesellschaftlichen Abläufe geschlichen», nach nämlich Crans-Montana, dem Postautobrand im Kanton Freiburg und der abgestürzten Gondel von Engelberg: «Die Unglücke haben nichts miteinander zu tun. Zeit, Ort und Gründe sind völlig unterschiedlich. Und doch scheinen die Videos der Gondel, die den Berg hinunterdonnert, plötzlich für etwas Grösseres zu stehen.» Nämlich, so weit war man im deutschen Vermischten auch schon, für das Ende des Schweizer Perfektionsmythos.

Nun tut Journalismus alles für eine gute Geschichte, und wenn die Unglücke nichts miteinander zu tun haben, dann muss eben insinuiert werden, sie hätten es: Es scheint, als hätte sich eine leichte Nervosität eingeschlichen, und diese vagste aller Unterstellungen reicht allemal dafür aus, dass ein «Professor für computergestützte Sozialwissenschaften an der ETH Zürich» vom allgemeinen Eindruck berichtet, «dass die Welt aus den Fugen gerät, auch hier bei uns». Und wo entstehen heutzutage die Eindrücke? Die Zürcher Kollegin weiss es: «Auf den sozialen Netzwerken. Auf Facebook schreibt ein Nutzer über das Seilbahnunglück: ‹Wahnsinn, jeden Monat eine Tragödie.› Ein anderer kommentiert: ‹Für mich ist der Glaube an das Hochtechnologieland Schweiz arg beschädigt›», falls nicht grad andersherum ein Schuh daraus wird und die Unfälle im Hochtechnologieland beweisen, dass es ein Hochtechnologieland ist, denn Hochtechnologie ohne Unfall, das gibt es nicht, und wer ganz sicher nicht mit der Seilbahn abstürzen will, muss in eine Gegend ziehen, wo es keine Seilbahnen gibt.

Aber man soll die Sozialpsychologie auch nicht madig machen, und richtig ist, dass die Unglücksorte «ikonischen Charakter» («NZZ am Sonntag») haben: Skifahren, Postauto, Gondel. Mit dem deutschen Fussballer Jürgen Wegmann zu seufzen: Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu, etwa dass nicht einfach irgendwo ein Aldi eingestürzt ist, denn dann hätte man nur die Toten zu beklagen und nicht auch noch den Riss im nationalen Selbstbild.

Die «NZZ am Sonntag» hat noch mehr Fachleute im Angebot, die gern das sagen, was sie sagen müssen, damit aus dem Eindruck, vielleicht seien die Leute neuerdings ein bisschen nervöser, eine Sonntagslektüre wird: Zwar werden viel mehr Feuerlöscher nachgefragt, aber bis das Sicherheitsgefühl tatsächlich erodiere, brauche es schon eine Finanzkrise oder einen grossen Terroranschlag. Mein Sicherheitsgefühl leidet eher, wenn ich mich bei der Steuererklärung frage, ob es noch bis zur Rente reicht, und erst letzte Woche sass ich eine Stunde in der reglos im Bahnhof stehenden S-Bahn, bis die Mitteilung kam, die Signalstörung lasse sich heute wohl doch nicht mehr beheben. In vielerlei Hinsicht funktioniert Deutschland sowieso nicht mehr, und deshalb wählen die Leute AfD. Dass sie in der Schweiz schon SVP gewählt haben, bevor die Fugen zu ächzen begannen, macht mir den eigenen Laden dann beinah schon sympathisch.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). Er hat soeben den Roman «Hotel Drei Jahreszeiten» (Literaturverlag Droschl) veröffentlicht. An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.