Ein Traum der Welt : Die Garage der Taifune
Annette Hug hört Gegengeschichten
Auf Catanduanes steht AI für «Artificial Intelligence», also KI, aber auch für «Artificial Insemination», also künstliche Befruchtung. Es werden keine Zuchteber mehr im offenen Seitenwagen eines Motorrads um die Insel gefahren, aber Motorräder sind weiterhin die wichtigsten Verkehrsmittel. Auch auf Catanduanes ist zurzeit der Ölpreis das Hauptthema. Engpässe werden befürchtet, sie sind hier allerdings auch sonst häufig. Die Insel im Pazifik liegt in der traditionellen Landebahn der Tropenstürme. Die Zeit wird von lokalen Sturmnamen gegliedert: «Sineng» war ein Einschnitt (1970). Die Bewohner:innen des unteren Dorfteils von Puraran bauten ihre Häuser nicht am Meer wieder auf, sondern weiter oben an der Strasse. «Weil das Meer immer stärker wurde», sagt Rosa, die vor grossen Feiertagen die tägliche Novenenandacht leitet. Um weiter oben am Berg eine neue Kapelle zu bauen, hatte sie damals einen Schönheitswettbewerb, eine Art Sponsorenshow auf dem Laufsteg, organisiert. Beauty Queen wurde die beste Fundraiserin.
«Rolly» (2020) kam überraschend, weil die Alten sagten, es sei nicht Zeit für einen Supertaifun. Dann drehte er tagelang über der Insel und schwemmte alles aus. In den vergangenen zwei Jahren wurden die Evakuierung und der Wiederaufbau der Häuser zur Routine («Pepito» 2024, «Uwan» 2025).
Motorräder verbinden auch die Mitglieder der literarischen Community. Der Autor, Journalist und Dozent Allan Popa hat hier einen der interessantesten Kleinverlage der Philippinen aufgebaut, er heisst Aklat Ulagad. Seine Chapbooks sind gepflegt gestaltet, aber günstig produziert, also für junge Volksschullehrer:innen erschwinglich, die den Stürmen kleine Hausbibliotheken abtrotzen. (Rosa hat früher, als sie noch besser sah, die «Pasyon» gelesen. Das heisst: Nächtelang blieb sie auf, um das Evangelium in der lokalen Sprache Bikolano zu singen. Ihr Exemplar dieser «Pasyon» ist «Rolly» zum Opfer gefallen, nur wenige Kapitel konnte sie aus dem Wasser ziehen und trocknen.)
Über die Chapbooks sind Autor:innen aus anderen Landesteilen auf der Insel präsent, und die lokalen Autor:innen erhalten Aufmerksamkeit in den Grossstädten Manila, Cebu und Davao. In der lokalen Arbeit mit Kindern sieht Allan Popa nicht nur Leseförderung, sondern auch Arbeit an den traumatischen Erlebnissen während der Stürme. Im Zeitalter der KI, die auf allen Handys verfügbar ist, sei das Gespräch über Geschichten Gold wert. Popa arbeitet an einem Kinderbuch über Stürme in Bikolano, das auf Erzählungen von Kindern und Eltern beruht. Sie bräuchten Gegengeschichten zu Satellitenbildern und Alarmstufen, sagt er. (Selbst Rosa, die vieles gesehen und überstanden hat, sagt, bei der Ankündigung «Signal Nummer 5» kriege sie Herzrasen.)
Was man hier vor, während und nach einem Supertaifun erlebt und was zu tun ist, soll im Buch im lokalen Vokabular erzählt werden. In Musikworkshops spielen die Kinder Geräusche: Wie tönt der Regen auf dem Dach bei Signal Nummer 3? Wie braust der Wind, wenn man das Gefühl hat, er packe das Evakuationszentrum und trage es fort?
Allan Popa ist überzeugt, dass die Insel eine Zukunft hat. Er ist hier aufgewachsen, war dann lange in Manila tätig. Während der Covid-19-Pandemie kehrte er zurück und ist nicht mehr weggezogen.
Annette Hug ist Übersetzerin und Autorin.