Jagdtourismus in Tadschikistan : Der bekehrte Wilderer
Die Geschichte eines Landes, das kein Geld für den Tierschutz ausgibt, aber dennoch sehr erfolgreich darin zu sein scheint.
Im Esszimmer hängt ein riesiges Foto: Neben Emomalij Rahmon, dem Präsidenten, der Tadschikistan seit 1994 regiert, steht Dawlatchon Mullojorow und präsentiert einen riesigen ausgestopften Markhor (Capra falconeri), eine Schraubenziege.
Mullojorow hat eine klare Regel: Er isst nie mit seinen Gästen. Stattdessen verbringt er Zeit in seinem Büro. Er schläft dort, isst und liest. Am liebsten «grosse Gedanken grosser Männer». Er zitiert George Byron: «In seinem Herzen solch ein schwerer Bruch, nicht tötend, heilend nicht – ein bitterer Fluch!» Vor kurzem hatte er eine Kataraktoperation. Für jemanden, der den ganzen Tag durch ein Fernglas schaut, sind Adleraugen unerlässlich.
Eine Grossfamilie sei ein Schlüssel zum Erfolg, sagt Mullorojow. Er hat sieben Söhne und drei Töchter. Die meisten arbeiten in seiner Firma M-Sayod, die wohlhabenden Tourist:innen die Jagd auf begehrte Tiere ermöglicht. Direktor der Firma ist Sohn Ayub, der die Geschäfte von Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe aus leitet. In Mullojorows Heimatdorf leben etwa 720 Menschen, fast alle sind miteinander verwandt. Das sei auch in der Firma unvermeidlich, sagt er, betont aber, dass Blutsverwandtschaft für ihn kein Einstellungskriterium sei. In erster Linie müsse man fit sein. Er selbst ist 78, bewegt sich aber in den Bergen wie eine Ziege. Im Gespräch wiederholt er sich gerne – auch der Spruch «Geschwätzigkeit ist eine Krankheit der Alten» fällt mehrmals.
«Früher galt der Markhor als heiliges Tier», erzählt Mullojorow. Ein Jäger, der eine Schraubenziege erlegt hatte, musste eine Suppe für das ganze Dorf kochen. Diesen Brauch gibt es heute nicht mehr. Die Dorfbevölkerung ist gewachsen. Ausserdem jagt in der Gegend niemand mehr Markhore.
Das Dorf heisst Sigar und liegt im Bezirk Darwas am Fluss Pandsch in der Autonomen Provinz Berg-Badachschan im Osten Tadschikistans, mitten im Pamirgebirge. Die Provinz mit ihren über 7000 Meter hohen Gipfeln wird oft als das zweite Dach der Welt bezeichnet – neben dem tibetischen Plateau, das zu China gehört. Die weiten Landstriche Berg-Badachschans, die rund vierzig Prozent Tadschikistans ausmachen, sind reich an natürlichen Ressourcen und wild genug, um als Transitroute für Drogen aus Afghanistan zu dienen, die über die Gebirgspässe nach Kirgistan und weiter nach Russland gelangen.
Der Fluss Pandsch bildet die Grenze zu Afghanistan. Ein unbefestigter Weg schlängelt sich das afghanische Ufer entlang. Motorräder, Schafherden und Lastwagen sind zu sehen. Alles wirkt greifbar nah. An seiner schmalsten Stelle ist der Fluss nur siebzig Meter breit.
«Das da drüben sind eigentlich ethnische Tadschiken, unsere Verwandten», sagt Mullojorow. Doch der Fluss Pandsch war die Aussengrenze der Sowjetunion; sie war dicht, die Menschen verloren den Kontakt zueinander. Heute finden in einigen Städten am Flussufer samstags Märkte statt. Afghan:innen dürfen zum Markt kommen, aber keinen Schritt weiter. Mullojorow lobt die afghanischen Taschenlampen und die Limonade. Er erzählt das auf einer Baustelle. Mit den Einnahmen aus der Trophäenjagd hat er Bauarbeiter angestellt und errichtet gerade ein Hotel mit fast vierzig Zimmern zwischen Strasse und Flussufer. Es wird – selbstverständlich – «Markhor» heissen. Ringsum ragen kahle Felsen empor.
Als alle wilderten
Bis vor wenigen Jahren lag das Dorf Sigar in einer Verkehrslücke. Ein schmaler Pfad führte durch die Berge; man kam nur mit einem Esel voran. Auch die Strasse auf der tadschikischen Seite wurde erst vor fünf Jahren vollständig asphaltiert. Jetzt errichtet Tadschikistan einen Zaun entlang der Strasse. Der grösste Teil der Grenze zu Afghanistan ist nicht gesichert.
Diese ehemalige Verkehrslücke ist einer der letzten Lebensräume des Buchara-Markhors. Diese seltene Wildziegenart kommt nur in einigen wenigen Ländern Asiens vor, darunter Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan. Bekannt sind die Böcke für die schraubenförmigen Hörner, die über eineinhalb Meter lang werden können. Diese Hörner – eine begehrte Trophäe unter Jägern – brachten den Schraubenziegen kein Glück: Das Tier steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten der Internationalen Naturschutzunion IUCN. Schon zu Sowjetzeiten wurde es illegal gejagt. Das Schlimmste kam aber danach.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion erlangte Tadschikistan 1991 seine Unabhängigkeit. Doch die Freude war kurzlebig. Ein Jahr später stürzte das Land in einen fünfjährigen Bürgerkrieg. Schätzungen zufolge forderte er bis zu 150 000 Menschenleben, und bis zu einer Million Menschen flohen aus dem Land. Tadschikistan ist bis heute der ärmste der fünf ehemals sowjetischen zentralasiatischen Staaten; die Bevölkerung sucht Arbeit im Ausland, meistens in Russland. Laut der Welthandelsorganisation machten im Jahr 2024 Überweisungen aus dem Ausland 47,9 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus.
Während des Bürgerkriegs wilderten alle: Bauern, Grenzbeamte, manchmal auch Afghanen, die sich über den Fluss wagten. Auch Mullojorow, von Beruf Lehrer für russische Literatur. Russisch hatte er während seines Militärdiensts in der russischen Exklave Kaliningrad an der Ostsee gelernt, über 5000 Kilometer von seinem Heimatdorf entfernt. Mit der Wilderei verdiente er sich etwas dazu. Eine Begegnung mit einem Jäger aus Österreich liess ihn erkennen, dass die Schraubenziege ein seltenes Tier ist und es sich lohnt, sie zu schützen. 2004 gründete Mullojorow seine Firma und heuerte die Wilderer an, die fortan für ihn in den Bergen patrouillierten. Sein Gewehr brachte er zur Polizei. Heute besitzt er zwar wieder eine Waffe, aber eine legale. Er seufzt: «Ich habe unzählige Markhore auf dem Gewissen.»
Wenn er gerade nicht in der Hauptstadt Duschanbe ist, wohnt er in einem zweistöckigen Gebäude am Dorfrand: dort, wo das riesige Bild mit dem Präsidenten hängt. Im Ausland wird Rahmon, der das Land mit harter Hand regiert, oft als Diktator bezeichnet. Mullojorow hingegen spricht fast liebevoll von ihm.
Mullojorows zweite Frau lebt in Duschanbe. Die erste ist verstorben. Die Wunde sei nie verheilt – er zitiert Lord Byron.
Vergnügen für Wohlhabende
Eine Jagd auf den Markhor ist kein Schnäppchen. Allein die Lizenz kostet 40 000 US-Dollar. Das Umweltministerium Tadschikistans vergibt jährlich etwa ein Dutzend davon. Letztes Jahr erhielt Mullojorows Firma nur drei. Dazu kommen Transport- und Personalkosten: Fahrer, Übersetzer, Köche, Ärzte, Jagdassistenten. Dazu die Gebühren für Genehmigungen: Waffenimport, Export der Trophäen und so weiter. Insgesamt mindestens 140 000 Dollar. Der ausländische Jagdveranstalter, der die Kund:innen vermittelt, erhält eine Provision. Mullojorow hat aber auch Günstigeres im Angebot: Eine Steinbocklizenz kostet nur 5000 Dollar, ein Wildschwein so gut wie nichts. Während die Jagd auf die Schraubenziege nur von September bis März erlaubt ist und die Lizenzen streng reguliert sind, kann das Wildschwein ganzjährig gejagt werden.
In den zwanzig Jahren, seit es Mullojorows Firma gibt, hat sich laut staatlichen Angaben der Bestand an Markhoren verzehnfacht. Jedes Jahr werden die Tiere von Mitarbeiter:innen des Ministeriums gezählt. Das Ministerium vergibt die Lizenzen, Mullojorow entscheidet, welches Tier erlegt wird. Es sind stets die ältesten Exemplare mit den grössten Hörnern, zwölf oder dreizehn Jahre alt. Den nächsten Winter würden sie ohnehin nicht überleben, erklärt er. «In den Bergen begegnen sich eben ein alter Ziegenbock und ein alter Mann», sagt er und lacht. Das Durchschnittsalter seiner Kunden – Kundinnen sind sehr selten – liege bei etwa sechzig Jahren. Manche sind über achtzig, übergewichtig, manchmal mit einer Sehschwäche. «Meine Jungs müssen alles daransetzen, dass der Kunde das Tier trifft, sonst gibt es eine schlechte Bewertung.» Sigar liegt auf nur 1120 Metern über Meer. Weiter oben im Pamir macht die Höhe vielen zu schaffen. Selbst die Flugbahn der Kugel ist anders, die Visierwerte verschieben sich. US-amerikanische Waffen verfehlen dort oft ihr Ziel.
Die Markhore sind eine Lieblingstrophäe der Amerikaner:innen. Kund:innen aus Europa kommen meist, um Steinböcke oder Wildschweine zu schiessen. «Wir sind Muslime, essen kein Wildschwein. Deswegen werden sie bei uns so gross», erklärt Mullojorow. Ein Amerikaner und ein Russe, die wir vor Ort treffen, haben schon in vielen Ländern gejagt, auch in Afrika. Der Russe, ein pensionierter Financier, ist wegen eines Steinbocks in den Pamir gekommen. Er fährt bereits zurück – Atemprobleme. Ein örtlicher Arzt hat ihm einen blutdrucksenkenden Kräutertee verordnet. Geholfen hat es wenig. Der Russe erzählt, dass er in Duschanbe bei einem Juwelier eine Kopie vom Gustav Klimts «Kuss» ganz aus Lapislazuli bestellt habe. Seine Familie lebt in London, nach Russland kommt sie nur zu Besuch.
Der Amerikaner, der einen Markhor, einen Argali – ein Riesenwildschaf – und dazu noch einen Wolf erlegt hat, ist etwas jünger und raucht entspannt eine Zigarre vor Mullojorows Haus. Er erzählt, seine Frau habe ihm verboten, Geweihe und Hörner in ihrer Villa aufzuhängen. So habe er auf seinem Landgut ein Museum für seine Jagdtrophäen gebaut.
Fleisch oder Dollars?
«Das ist ein heikles Thema», warnt mich der deutsche Biologe Stefan Michel. Ich versuche herauszufinden, ob der Tierschutz tatsächlich von den Jagdfirmen profitiert, wie mir das dortige Umweltministerium versichert. 22,6 Prozent der Landesfläche Tadschikistans sind Schutzgebiete verschiedener Art – der Anteil ist rund doppelt so hoch wie in der Schweiz. Ein Mitarbeiter des Umweltministeriums in Duschanbe versichert mir, im Land lebten fast 500 streng geschützte Schneeleoparden, ein Rekordbestand von 7000 Schraubenziegen und fast 29 000 Argali. Gleichzeitig räumt das Ministerium ein, kaum Mittel für Tierschutz auszugeben. Dieser werde aus den Einnahmen der Trophäenjagd finanziert.
«Das alles hat als reines Geschäft begonnen, und zwar in Berg-Badachschan, einer für die UdSSR strategisch wichtigen Region des Landes», erzählt Michel. In der Sowjetzeit genossen sowjetische Funktionäre die Jagd im Pamir. Einige in Tadschikistan erzählen mir, die örtlichen Jagdfirmen würden bis heute vom Geheimdienst kontrolliert.
Michel, der viele Jahre für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet hatte, begann 2008 etwas Neues. Die Inspiration kam von einem GIZ-Projekt: der Wiederaufforstung im Schachdaratal, ebenfalls in Tadschikistan. Die Einheimischen erhielten Waldparzellen und schützten sie erfolgreich vor illegalem Holzschlag. Einer von ihnen schlug vor, das Prinzip auch mit Steinböcken zu versuchen. Michel regte die Gründung einer kleinen NGO aus lokalen Jägern im Bartangtal, einem Hochgebirgstal im Westpamir, an. Sie erhielt vom Staat ein Stück Land, um es vor Wilderern zu schützen. Nach einer gewissen Zeit, wenn die Tierbestände angewachsen wären, sollte die NGO eine Lizenz zum Abschuss einiger Steinböcke erhalten, die sie auf dem internationalen Markt verkaufen könnte. Die Gewinne sollten die Arbeit der NGO finanzieren und für die Entwicklung der Gemeinde genutzt werden.
Das Projekt funktionierte nur halbwegs. Die Tierbestände wuchsen tatsächlich, aber die lokalen Jagdfirmen waren wenig begeistert. Michel: «Als eine nichtkommerzielle und fast demokratisch geführte Einrichtung stellte die NGO eine konzeptionelle Herausforderung für die grossen Jagdfirmen dar, auch wenn sie keine ökonomische Macht hatte.» Der Verband der lokalen Jagdfirmen betrieb Lobbyarbeit gegen die kleine NGO. Sie erhielt kaum eine Lizenz. Nach einer Reihe von Provokationen und Drohungen musste sie 2021 aufgeben. Ihre Angestellten müssen nun für kommerzielle Firmen arbeiten. Einige von ihnen sagen, sie würden nicht viel mehr als ein Trinkgeld verdienen. Sie möchten nicht mit Namen zitiert werden.
Die NGO hätte ohnehin nicht überlebt. 2022 und 2023 schloss Rahmons Regierung 700 nichtstaatliche Organisationen, viele davon in Berg-Badachschan. Die Region hatte seit Sowjetzeiten ein hohes Mass an Autonomie genossen und war nun von einem besonders harten Vorgehen gegen die Zivilgesellschaft betroffen. Doch die Idee des gemeinschaftsbasierten Umweltmanagements, betont Michel, lebe weiter: in Firmen wie M-Sayod.
Paradoxerweise lehnte auch das Dorf Sigar Mullojorows Geschäftsidee zuerst ab. «Niemand verstand, wie das System funktionieren sollte. Doch als wir anfingen, Leute anzustellen, änderte sich alles», erzählt Mullojorow. Er baute einen Kindergarten, unterstützte eine Arztpraxis im Dorf und spendierte Geld für den Wiederaufbau mehrerer durch Hochwasser zerstörter Häuser. Vor allem aber ist er der wichtigste Arbeitgeber. Er beschäftigt dreissig Menschen fest und viele weitere in Teilzeit: Fahrer, Köche und Bäckerinnen. Die Frauen arbeiten jeden zweiten Tag und verdienen 150 Dollar pro Monat – das sei gutes Geld, sagt er.
Hoch in den Bergen arbeiten seine Jäger. Ihre Aufgabe ist es, das Areal unter steter Beobachtung zu halten, ein Auge auf den Gesundheitszustand der Tiere zu haben. Sie kehren im Winter ins Dorf zurück, wann auch die Markhore in die Täler herabkommen.
So funktioniert es auch in einer anderen Jagdfirma, Saidi Tagnob, im abgelegenen Dorf Andschirob inmitten trockener Berge am Fluss Pandsch. Von der afghanischen Seite hört man den ständigen Lärm chinesischer Bauunternehmen, die am Flussufer Gold abbauen. Das Dorf lebt vom Verkauf von Granatäpfeln und von Überweisungen aus dem Ausland. Odina Abdulhajew, 69-jährig, der einst in einem sowjetischen Forstwirtschaftsbetrieb gearbeitet hatte und danach Wilderer war, gründete 2014 die Firma Saidi Tagnob und stellte seine Söhne ein. Er hat neue Wasserleitungen für das Dorf gebaut und die Strasse renoviert, auch als Gemeinschaftsprojekt.
Ein tadschikischer Ökologe, der anonym bleiben möchte, erklärt, dass die höher in den Bergen ansässigen Jagdfirmen anders funktionierten als M-Sayod und Saidi Tagnob. Sie sind rein kommerziell ausgerichtet und gehören Geschäftsleuten von ausserhalb der Region, die Verbindungen zur Politik haben. Die Firmen weiter unten sind meist Familienunternehmen, die fest in den Gemeinden verwurzelt sind. Auf die Frage, ob dieses System funktioniert, sagt er: «Einwandfrei. Früher sahen die Menschen, wenn sie durch ein Fernglas auf einen Markhor blickten, neunzig Kilogramm Fleisch; heute sehen sie 40 000 Dollar.»
Das System bringe aber einige soziale Herausforderungen mit sich, betont er. «Plötzlich wird in einem Dorf, in dem alle gleich arm waren, eine Familie zu einer wirtschaftlichen Macht. Sie beschäftigt Leute und investiert in die Gemeinschaft. Aber sie kauft sich auch Häuser in der Stadt, ein Teil der Familie zieht dorthin. Die nächste Generation wird ihre Verbindung zum Land verlieren und nicht mehr so hart arbeiten wollen wie ihre Eltern.» So nehmen die wirtschaftlichen Unterschiede weiter zu.
Sein Fazit: «Der Kapitalismus tut diesen Gemeinden nicht gut.»
Ein Fischer erkennt einen Fischer
«Woran erkennt man einen Wilderer?», fragt mich Mullojorow in seinem Haus bei Sigar und antwortet gleich selbst: «Daran, dass er zu Hause weder Felle noch Hörner hat.» Er ist der Meinung, dass ehemalige Wilderer die besten Naturwächter seien. Er zitiert ein russisches Sprichwort: «Ein Fischer erkennt einen Fischer aus der Ferne.»
«Wilderer sind die besten Ranger, weil sie jedes Tier und jeden Pfad in den Bergen kennen», sagt auch ein hochrangiger Mitarbeiter einer US-amerikanischen Firma, die Jagdreisen nach Tadschikistan organisiert. Auch er möchte seinen Namen nicht nennen. Er ist sich bewusst, dass die Trophäenjagd ein kontroverses Thema ist. Zu Unrecht, meint er, denn die Jagd schaffe einen Anreiz für den Artenschutz. Ausserdem gebe es kaum eine Alternative: «In Ländern des Globalen Südens hat die Regierung meist viele akutere Probleme zu bewältigen als die Bekämpfung der Wilderei. Und internationale Hilfsprogramme verstehen Wilderei nicht.»
Diese Meinung teilt auch Stefan Michel, der Biologe. «Internationale Entwicklungsprogramme gehen davon aus, dass die Wilderei beendet wird, wenn den Menschen andere Einkommensquellen zur Verfügung stehen. Aber Wilderer jagen selten aus Armut; viele tun es, weil es ihr Lifestyle ist, ihre Identität.» Das Wichtigste für ihn sei die Handlungsfähigkeit der lokalen Bevölkerung.
Michel glaubt, dass das System funktioniert, auch wenn es nicht perfekt ist. Die Tierpopulation wächst, die offiziellen Zahlen hält er allerdings für teilweise übertrieben. Je mehr Tiere es gibt, desto mehr Jagdlizenzen stellt das Ministerium aus. «Aus biologischer Sicht dürfte die Jagdquote höher sein», so Michel. «Dies würde sich jedoch schnell auf den Markt auswirken; die Jagd würde günstiger werden, und die Einnahmen pro erlegtes Tier würden sinken.»
Er selbst verwendet den Begriff «Jagdtourismus». «Trophäenjagd» vermeidet er wegen der negativen Konnotation. Die Jagd habe gute Seiten – auch im Vergleich zur in Europa üblichen. «Der Jäger nimmt nur die Hörner oder die Hauer mit; der Rest des Tieres bleibt vor Ort.» Die meisten Tiere würden von den Einheimischen genutzt, Wildschweinkadaver dienten als Nahrung für Aasfresser, sagt Michel. «Das ist viel besser für die Ökosysteme.»
Alle Gewährsleute sind sich einig: In Tadschikistan gebe es heute kaum Wilderei.
Während unserer gesamten Reise versuchen wir, einen Jäger zu begleiten, mit ihm in die Berge zu steigen, ihn während der Jagd zu fotografieren. Es gelingt uns nicht. Der Mitarbeiter der Jagdfirma aus den Vereinigten Staaten erklärt, dass es die Regel gebe, diesen letzten Moment nicht zu fotografieren. «Es gibt keine ‹kill shots›. In diesem Moment gibt es nur den Jäger und das Tier, das ist eine Angelegenheit zwischen den beiden.»