Kartelle in Mexiko : «Im Hörsaal konnten wir die Schüsse über den Rio Bravo hören»
Die Sicherheitsforscherin Guadalupe Correa-Cabrera spricht über die Hintergründe des mexikanischen Drogenkriegs, die Erpressung ihrer Familie und die Bedrohung der Fussball-WM.
WOZ: Guadalupe Correa-Cabrera, der mexikanische Drogenkrieg ist vor einigen Wochen kurz in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt: als Sicherheitskräfte «El Mencho» töteten, den Chef des mächtigen Kartells Jalisco Nueva Generación. Die Regierungen der USA und Mexikos feierten dies als Sieg im Kampf gegen die Kartelle. Was war Ihre Reaktion?
Guadalupe Correa-Cabrera: Guadalupe Correa-Cabrera: Ich recherchiere schon länger zu dieser kriminellen Gruppe und habe El Mencho nie als jene allmächtige Figur wahrgenommen, als die er dargestellt wurde. Die übliche Erzählung lautet, dass es einen einzigen Boss gibt, der alles kontrolliert. Untersucht man die Strukturen dieser Gruppen, hält dieses Bild aber nicht stand. El Mencho war einer von mehreren Anführern und ersetzbar. Diese Gruppen entsprechen dem, was Analyst:innen adaptive Systeme nennen. Wenn ein Knotenpunkt verschwindet, reorganisiert sich das Netzwerk. Neue Allianzen entstehen, neue Führungspersonen treten hervor, Aktivitäten verlagern sich.
WOZ: Das Kartell errichtete nach der Tötung von El Mencho Strassensperren, Fahrzeuge wurden in Brand gesetzt, öffentliche Einrichtungen attackiert. Was war die Botschaft dahinter?
Guadalupe Correa-Cabrera: Es war eine Machtdemonstration: Schaut her, wozu wir in der Lage sind! Wir können dieses Land lahmlegen, wenn wir wollen. Aber die Gewalt war begrenzt. Es ging nicht um Eskalation. Es war eine Warnung.
Die Kartellexpertin
Guadalupe Correa-Cabrera (51) ist Professorin an der Schar School of Policy and Government in Arlington, Virginia. Dort forscht sie zu organisiertem Verbrechen, Grenzpolitik und Sicherheitsfragen in Mexiko. Sie ist Autorin des Buchs «Los Zetas Inc.: Criminal Corporations, Energy, and Civil War in Mexico».
WOZ: Wie agieren kriminelle Gruppen wie das Kartell Jalisco Nueva Generación heute?
Guadalupe Correa-Cabrera: Sie funktionieren wie dezentrale Netzwerke. Verschiedene lokale Ableger operieren in unterschiedlichen Territorien und sind auf unterschiedliche Aktivitäten spezialisiert. Einige konzentrieren sich auf die Drogenproduktion, andere auf die Distribution, wieder andere auf Erpressung und auf andere illegale Märkte. Sie unterhalten Beziehungen zu lokalen politischen Akteuren, Geschäftsleuten und Sicherheitskräften. Und sie sind international vernetzt, etwa mit kriminellen Gruppen in Kolumbien, für die sie Kokain transportieren, sowie mit Gruppen in Ecuador, das als Umschlagplatz wichtig geworden ist.
WOZ: Sie schreiben, dass der Drogenkrieg in Mexiko heute einem inneren bewaffneten Konflikt gleicht. Wann begann die Eskalation?
Guadalupe Correa-Cabrera: Der Wendepunkt war das Jahr 2006, als Präsident Felipe Calderón die «Operation Michoacán» ausrief. Er entsandte Zehntausende von Soldat:innen, um lokale Polizeikräfte zu unterstützen oder zu ersetzen, weil er sie für korrupt hielt. Der Staat militarisierte den Kampf gegen das organisierte Verbrechen. Was folgte, ähnelte einem Bürgerkrieg.
WOZ: Also ein strategisches Desaster?
Guadalupe Correa-Cabrera: Ja. Zwar nahm das mexikanische Militär mithilfe der USA 25 der 37 wichtigsten Drogenbosse fest oder tötete sie. Aber die Enthauptungsstrategie führte zur Entstehung vieler kleinerer, oft noch gewalttätigerer Banden, die nun um Territorien kämpften. Die Situation eskalierte vollends.
WOZ: Mit dramatischen Folgen.
Absolut: Statistiken zufolge wurden seit 2006 mehr als 463 000 Menschen getötet, weitere 130 000 gelten als verschwunden. Das sind horrende Zahlen.
WOZ: Was heisst das für den Alltag der Bevölkerung? Sie haben in ländlichen Gemeinden geforscht, in denen kriminelle Gruppen präsent sind.
Guadalupe Correa-Cabrera: Es bedeutet, inmitten unterschiedlicher Formen von Gewalt zu leben. Auf der einen Seite steht die Gewalt krimineller Gruppen: Unternehmen müssen Schutzgeld zahlen, von Landwirt:innen werden Abgaben erpresst, Familien erleben Vertreibung. Auf der anderen Seite steht die Gewalt militärischer Operationen. Deshalb beschreiben viele Menschen ihre Situation als Leben zwischen zwei Feuern.
WOZ: Ihre Forschung zum organisierten Verbrechen ist auch mit Ihrer persönlichen Geschichte verbunden.
Guadalupe Correa-Cabrera: Meine Familie wurde von der Gruppe Los Zetas, einer extrem gewalttätigen Organisation, bedroht. Mein Vater und mein Bruder betrieben ein Geschäft im Bundesstaat Michoacán im westlichen Zentralmexiko. Dort ist es unmöglich zu arbeiten, ohne Schutzgeld zu zahlen. Mein Vater weigerte sich und wurde bedroht. Schliesslich entschied er, das Geschäft aufzugeben und fortzugehen. Unsere Familie hatte Glück, sie konnte sich zurückziehen. Viele andere haben diese Möglichkeit nicht. Ein enger Freund meines Vaters wurde entführt, und seine Familie zahlte ein hohes Lösegeld. Diese Erfahrung zerstörte ihn und seine Familie.
WOZ: 2017 haben Sie ein Buch über Los Zetas veröffentlicht.
Guadalupe Correa-Cabrera: Ja, es basiert auf mehreren Jahren Feldforschung in Tamaulipas, damals einer der gewalttätigsten Bundesstaaten Mexikos, im Nordosten des Landes. Ich unterrichtete zu der Zeit an der Universität in der US-Grenzstadt Brownsville. Direkt gegenüber liegt Matamoros, der Gründungsort des Golf-Kartells, einer der ältesten Drogengangs Mexikos. Zwischen 2010 und 2015 fand dort die brutalste Phase des Machtkampfs zwischen dem Golf-Kartell und einer relativ neuen Gruppierung statt: Los Zetas. Viele meiner mexikanischen Student:innen lebten in ständiger Angst. Sie berichteten von Entführungen, Schiessereien und Massakern. Im Hörsaal konnten wir die Schüsse über den Rio Bravo hören.
WOZ: Wie hat sich Ihr Blick auf das organisierte Verbrechen durch Ihre Forschung verändert?
Guadalupe Correa-Cabrera: Anfangs dachte ich, der Anstieg der Gewalt habe hauptsächlich mit dem Drogenhandel zu tun. Doch meine Recherchen zeigten ein komplexeres Bild. Es ging nicht nur um Drogen, sondern auch um Menschenschmuggel, Landnutzung sowie die Kontrolle von Ressourcen wie Erdöl, Gas, Wasser oder Lithium. Los Zetas war keine reine Drogengang mehr, sondern ein Unternehmen mit diversifizierten Geschäftszweigen.
WOZ: Warum schliessen sich Menschen diesen kriminellen Gruppen an?
Guadalupe Correa-Cabrera: Für die Jungen bieten diese Netzwerke in vielen Regionen Mexikos eine der wenigen Einkommensquellen. Eine Mitgliedschaft bedeutet aber nicht unbedingt, bewaffneter Kämpfer zu werden. Diese Gruppen benötigen Logistiker, Finanzexpertinnen, Fahrerinnen, IT-Spezialisten. Man kann in vielen Rollen beteiligt sein. Da die Netzwerke mit der formellen Wirtschaft interagieren, sind die Grenzen zwischen legalen und illegalen Aktivitäten oft nicht eindeutig.
WOZ: Es wird immer wieder gefordert, dass man die Geldströme des organisierten Verbrechens unterbinden müsse, um ihm wirklich zu schaden. Was geschieht mit den enormen Profiten dieser Gruppen?
Guadalupe Correa-Cabrera: Sie werden im globalen Finanzsystem gewaschen. Das Geld fliesst in Immobilien, Firmen, Finanzanlagen, Offshorestrukturen und Kryptowährungen. Ich argumentiere daher, dass der Fokus der Strafverfolgung viel stärker auf das internationale Finanzsystem gerichtet sein sollte.
WOZ: US-Präsident Donald Trump hat gerade eine neue Koalition namens «Schild der Amerikas» ins Leben gerufen. Daran sind ihm wohlgesinnte Regierungen beteiligt, etwa von Argentinien, Ecuador und El Salvador. Das Ziel ist, die Drogenkartelle militärisch zu zerschlagen.
Guadalupe Correa-Cabrera: Er hat keine Ahnung, wie die organisierte Kriminalität funktioniert. Wie will man diese transnationalen Netzwerke, die über globale Handelsketten verfügen und ihr Geld ins Finanzsystem integrieren, mit Soldaten und Bomben bekämpfen? Diese Form der Repression erhöht häufig nur den Wert der Drogen und bedeutet mehr Profit für das organisierte Verbrechen. Trump besteht auf einer Strategie, die schon in der Vergangenheit gescheitert ist und den Menschen in Lateinamerika immer nur Leid gebracht hat.
WOZ: Andrés Manuel López Obrador, Präsident Mexikos zwischen 2018 und 2024, wollte die Konfrontationsstrategie mit den Kartellen beenden und stärker aufs Soziale setzen. Seine Strategie lautete: «Abrazos, no balazos» – Umarmungen statt Kugeln. Hat sie etwas bewirkt?
Guadalupe Correa-Cabrera: Eher nicht, denn trotz guter Ideen wie einem Ausbildungsprogramm für Jugendliche wurde die Rolle des Militärs gestärkt. So schuf man die Nationalgarde, deren Ausbildung sich am Militärmodell orientiert. Die Streitkräfte übernahmen die Kontrolle über Häfen, strategische Transportwege und wichtige Infrastruktur wie den Maya-Zug in Yucatán. Es gab eine schleichende Militarisierung. Gleichzeitig verzeichnete Mexiko unter López Obrador weiter extrem hohe Mordraten, und das Kartell Jalisco Nueva Generación sowie das Sinaloa-Kartell expandierten territorial.
WOZ: Liegt das Hauptproblem nicht auch darin, dass immer wieder versucht wird, die Anbieter der Drogen in Lateinamerika mit Gewalt zu bekämpfen, während so gut wie nie die Nachfrage nach Drogen in den USA thematisiert wird?
Guadalupe Correa-Cabrera: Ja, das ist schon so, seit US-Präsident Richard Nixon 1971 den «War on Drugs» ausrief. Die neu gegründete Drug Enforcement Administration (DEA) begann sofort, Sicherheitsprogramme in Lateinamerika aufzubauen. Im Zentrum der US-Strategie stand immer der Kampf gegen die Drogenproduzent:innen. Das Problem des hohen Drogenkonsums in den USA wurde hingegen nie gelöst. Dort sind allein zwischen 2020 und 2024 rund 320 000 Menschen an Opioidüberdosen gestorben. Das Land erlebt eine enorme Gesundheitskrise. Dennoch wird weiter behauptet, das Problem liege vor allem südlich der Grenze.
WOZ: Nach dem Tod El Menchos und der anschliessenden Gewaltwelle wurde befürchtet, die Fussball-WM diesen Sommer könnte gefährdet sein. In Mexiko gibt es drei Austragungsorte.
Guadalupe Correa-Cabrera: Ich sehe das nicht so. Diese Akteure haben kein Interesse daran, die WM zu stören, weil sie von ihr profitieren. Grosse internationale Veranstaltungen bringen zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten – warum sollte man dies behindern? Ich erwarte eher eine Ausweitung der Überwachungs- und Sicherheitsinfrastruktur. Die mexikanische Regierung muss zeigen, dass sie Sicherheit garantieren kann, und wird dies als Begründung für mehr staatliche Überwachung nutzen. Der grosse Gewinner des Drogenkriegs ist letztlich die Verteidigungs- und Sicherheitsindustrie.