Kost und Logis : Kampf ums Baguette

Nr. 14 –

Daria Wild vermisst das französische Brot

In Sachen Wetter wusste ich ja, was mich erwartet, bin ich doch schon einmal ein paar Tage im Hochsommer bei Regen und schneidendem Wind durch normannische Ortschaften gefahren, um dann irgendwann aufzugeben und nach Paris zurückzukehren. Nun also dieselbe Region im Spätwinter, ein 500-Seelen-Kaff an der Küste, und das drei Wochen lang.

Nicht das Wetter, aber vieles war dann ganz fantastisch, Klippen, Gezeiten, Weltkriegsbunker, vor allem aber: die Bäckereien. In praktisch jedem der über die Küste und das Hinterland verstreuten Dörfer, die ich in diesen Wochen passierte, fand sich eine kleine, unabhängige Backstube. Selbst in der stinknormalsten Dorfbäckerei holten sie Baguettes und Spezialbrote direkt aus dem Ofen im Hinterraum, und in den Vitrinen glänzten Pyramiden aus hausgemachten Macarons. In den Klein- und Grösserstädten war es ganz genauso. Und während sich auf den Nachrichtensendern die Kandidat:innen der Kommunalwahlen gerade an die Gurgel gingen, liefen im Unterhaltungsprogramm Wettbewerbe zur Kürung der besten regionalen Bäckerei. Wahrscheinlich müssig zu erwähnen, dass tatsächlich erstaunlich oft Leute mit Baguettes unter dem Arm unterwegs waren. C’est ça, la France!

Doch das Feld ist politisch umkämpft. Mitunter staatlich alimentiert, stemmen sich die handwerklichen Bäckereien zwar gegen die industrielle Massenproduktion – ihr Marktanteil beträgt noch immer sechzig Prozent. Sie sind auch durch Auflagen geschützt, es gilt beispielsweise die Regel, dass vor Ort backen muss, wer sich Bäckerei nennen will. Ihre Anzahl hat sich insbesondere auf dem Land dennoch drastisch reduziert. Offenbar essen die Französ:innen immer weniger Brot. Es ist aber natürlich auch die Politik, die über das Schicksal der Bäckereien befindet.

So wird gerade über Öffnungszeiten gestritten: Am 10. April wird in der Nationalversammlung ein Gesetzesentwurf diskutiert, der es Bäckereien erlauben soll, sieben Tage die Woche geöffnet zu sein – was derzeit durch Präfekturbeschlüsse in etwa fünfzig Departements verboten ist. Für den Renaissance-Abgeordneten Jean-Marie Fiévet, der das Gesetz voranbringen will, ein «Hindernis aus einer anderen Zeit». Er spricht von Unternehmensfreiheit, von einem «Frankreich der zwei Geschwindigkeiten», in dem sich von einer Gemeinde zur anderen die Regeln ändern würden. Im Rücken hat er den Verband der Bäckereiketten. Die Gewerkschaften und der französische Bäcker- und Konditorenverband sind gegen das Gesetz. Alle, die Brot verkaufen, sollten einen Ruhetag einlegen, auch die Supermärkte, fordert der Verbandsvorsitzende Dominique Anract. Im Gegensatz zu diesen könne ein handwerklicher Bäckereibetrieb schliesslich gar nicht durchgehend personell besetzt werden.

Es war offenbar das langsame Frankreich, in dem ich meine Ferien verbrachte. Das Brot war ausnahmslos fantastisch.

Daria Wild ist WOZ-Redaktorin. Eher irritierend fand sie bei ihrem Normandiebesuch die D-Day-Escape-Rooms.