Krieg gegen den Iran: Was noch auf uns zukommt

Nr. 14 –

Die Blockade der Strasse von Hormus wird eine globale ökonomische Katastrophe zur Folge haben.

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philippinische Fischer auf Booten kaufen Benzin ein
Arbeiten, solange der Treibstoff noch bezahlbar ist: Vor einem erwarteten Preissprung wegen der Angriffe auf den Iran kaufen ­philippinische Fischer am 9. März Benzin ein. Foto: Ezra Acayan, Getty

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als die Welt schon vom Covid-19-Ausbruch in Wuhan wusste, aber von einem «Lockdown» noch keine Rede war? Eine Art Übergangsphase war das, in der zwar klar war, dass uns eine Katastrophe bevorsteht, nicht aber, was sie bedeuten würde.

Nach dem völkerrechtswidrigen Angriff der USA und Israels auf den Iran befinden wir uns in einem ähnlichen Moment. Der Schock ist da. Die Schockwellen sind noch unterwegs.

Ein Fünftel, ein Drittel, ein Drittel, zwei Fünftel, fast die Hälfte – das sind die jeweiligen Anteile von Flüssigerdgas, Rohöl, Düngemitteln, Helium und Schwefel, die normalerweise durch die Strasse von Hormus transportiert werden, am weltweiten Handel. Alles Schlüsselrohstoffe, von denen die Wirtschaft abhängt. Fossile Brennstoffe sind bei weitem die systemisch wichtigsten Inputs im (bislang) überwiegend fossil befeuerten Kapitalismus. Die Nahrungsmittelproduktion hängt von Düngemitteln ab. Helium und Schwefel sind für die Herstellung von Mikrochips notwendig, die wiederum für eine Unzahl Produkte benötigt werden, von Rasenmähern bis hin zu Rechenzentren, die den KI-Boom aufrechterhalten. Der Transport dieser Rohstoffe durch die Meerenge ist seit Kriegsbeginn praktisch zum Erliegen gekommen.

Eine der Lehren aus der Covid-Versorgungskrise war, dass bereits eine vorübergehende Blockade der Handelsströme enorme ökonomische Konsequenzen hat. Es geht dabei nicht nur um Staus vor den Häfen, sondern auch um die Produktionsstätten selbst: Weil die Lager für Öl und Gas in den Häfen nördlich der Strasse von Hormus voll sind, mussten bereits mehrere Produktionsstandorte die Förderung einstellen. Und Ölfelder oder Raffinerien kann man nicht über Nacht wieder in Betrieb nehmen, das kann Wochen oder Monate dauern. Zudem wurde die Produktions- und Transportinfrastruktur beschädigt. Und da Schwefel und Helium für Düngemittel als Nebenprodukte der Öl- und Gasförderung gewonnen werden, werden auch diese mancherorts nicht mehr produziert.

Wenn arbeiten zu teuer wird

Derzeit ist noch unklar, wann die Strasse von Hormus wieder vollständig für den Schiffsverkehr freigegeben wird, doch eines ist sicher: Die Weltwirtschaft wird über die Lieferketten einen schweren Schlag erleiden, ganz gleich, wie schnell der Krieg endet.

Die Verbraucher:innen in Europa und den USA bleiben von den Auswirkungen noch relativ abgeschirmt, auch wenn sie bereits mit erhöhten Benzinpreisen konfrontiert sind, einer erheblichen Belastung für autoabhängige Haushalte. Das volle Ausmass der bevorstehenden Auswirkungen bleibt aber noch in der Komplexität des globalen Versorgungsnetzes verborgen.

Bislang sind nur die Preise für Rohstoffe – Öl, Gas, Düngemittel und so weiter – in die Höhe geschossen. Unternehmen, die diese Vorleistungen kaufen und selber keinen Einfluss auf den Preis ihrer eigenen Produkte haben, müssen die Kosten absorbieren können oder die Produktion einstellen, wie es viele kleine Produzent:innen bereits getan haben, beispielsweise Fischer:innen auf den Philippinen, die sich den doppelt so teuren Treibstoff nicht mehr leisten können.

Umverteilung nach oben

Der Grossteil der heutigen Weltwirtschaft wird jedoch von riesigen Konzernen beherrscht, die ihre Preise selbst festlegen. Unsere Forschung zeigt, dass Kostenschocks ihnen dabei helfen, Preiserhöhungen untereinander abzustimmen. Die Erhöhungen infolge der Pandemie und der russischen Vollinvasion in der Ukraine haben sie nicht selbst getragen, sondern an die Verbraucher:innen weitergegeben. Dadurch schützten sie ihre Margen und steigerten gleichzeitig dank höherer Umsätze ihren Gewinn. Das ist eine von den Anbietern verursachte Inflation, die «seller’s inflation» oder Verkäuferinflation. Unternehmen geben Preissprünge bei sogenannten Vorleistungen, etwa den Rohmaterialien, durch ihre eigene Preisgestaltung an die gesamte Wirtschaft weiter und verursachen so letztlich Inflation.

Solche Preiserhöhungen werden noch einfacher, wenn Vorleistungen nicht nur teurer, sondern auch knapp werden. Das verschafft den Unternehmen ein vorübergehendes Monopol. Während der Computerchip-Knappheit in der Covid-Ära konnte jeder Automobilhersteller nur so viele Autos produzieren, wie er Chips zur Verfügung hatte, sodass Kund:innen den hohen Preisen und den langen Wartezeiten nicht durch einen Wechsel zu einem anderen Hersteller entkommen konnten. Die Automobilhersteller erzielten auf diese Weise ausserordentlich hohe Gewinne. Und die Verbraucherpreise bleiben tendenziell auch dann noch hoch, wenn die Preise der Vorleistungen wieder sinken, was für weitere Übergewinne sorgt.

Die von den Verkäufern verursachte Inflation führt zu einer Umverteilung von der Arbeit hin zum Kapital – und letztlich zu den Reichsten der Reichen. Selbst wenn es den Arbeitnehmer:innen schliesslich gelingt, höhere Löhne zu verhandeln, um die Inflation auszugleichen, müssen sie bis dahin Einbussen hinnehmen. Die deutschen Reallöhne etwa haben das Niveau von vor der Pandemie immer noch nicht ganz erreicht, nachdem sie wegen Covid den grössten Einbruch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erfahren hatten. Selbst in den USA, wo sich die Löhne schneller erholten, ist der Anteil der Profite am Bruttoinlandprodukt auf einem Rekordhoch, derjenige der Löhne auf einem historischen Tiefstand. Die Gewinnmargen in mehreren Sektoren sind im Rahmen der letzten Verkäuferinflation in die Höhe geschnellt, sie nähern sich bereits einem historischen Höchststand an und drohen nun als Reaktion auf die Blockade der Strasse von Hormus noch weiter zu steigen.

Die Börsenbewertungen von Produzenten fossiler Brennstoffe und Düngemittel steigen rasant, und deren Aktien werden von Börsenkommentator:innen als wunderbare Investitionschance gefeiert. Die aktuellen Preisspitzen bei Öl, Gas, Düngemitteln und anderen Vorleistungen werden den Aktionär:innen von Unternehmen, die nicht direkt von der Blockade betroffen sind, hohe Übergewinne bescheren – ihre Produktionskosten sind nicht gestiegen, aber die Preise für das, was sie produzieren, schiessen durch die Decke.

Unsere Forschung hat gezeigt, dass die Mehrgewinne der Öl- und Gasunternehmen 2022 die Inflationsrate für das reichste Prozent der US-Amerikaner:innen teilweise kompensierten. Die weniger wohlhabende Hälfte der Amerikaner:innen und der Grossteil der übrigen Weltbevölkerung hatten dagegen kaum Anteil an diesen Gewinnen, während sie eine viel höhere Inflationslast zu tragen hatten.

Bedrohte Ernte

Es besteht die reale Gefahr, dass viele Verbraucher:innen aufgrund steigender Preise gänzlich vom Warenmarkt verdrängt werden. Wenn wohlhabende Volkswirtschaften die verbleibenden Rohstoffvorräte aufkaufen, verlieren die Menschen im Globalen Süden irgendwann den Zugang zu diesen Gütern. Die durchschnittliche Kaufkraft pro Kopf in der Europäischen Union ist fünfzehn Mal höher als in Südasien. Während Benzin in Europa teurer wird, was an sich schon schlimm genug ist, fehlt in vielen Teilen Asiens schlicht der Treibstoff, um Menschen und Güter tatsächlich zu transportieren. Sri Lanka hat kürzlich eine Viertagewoche verhängt, um Kraftstoff zu sparen.

Am besorgniserregendsten sind Nahrungsmittelengpässe. Die durch Covid und den Krieg gegen die Ukraine verursachten Störungen, durch die Klimaerhitzung noch verschärft, haben mehr als ein Jahrzehnt des Fortschritts im Kampf gegen den weltweiten Hunger zunichtegemacht. Dabei handelte es sich damals um eine Nahrungsmittelpreiskrise – physische Engpässe auf globaler Ebene gab es kaum. Jetzt, da etwa vierzig Prozent der Exporte von Düngemitteln gefährdet sind, während in wichtigen Märkten von den USA bis Indien die Pflanzsaison läuft, ist ein Rückgang des Ertrags bei der nächsten Ernte ein reales Risiko.

Inwieweit das alles tatsächlich eintreffen wird, hängt natürlich davon ab, wie lange die Strasse von Hormus geschlossen und die Produktion unterbunden ist. Doch Massnahmen wie diejenige in Sri Lanka sollten weltweit die Alarmglocken läuten lassen.

Es gibt viel zu tun

Die Verkäuferinflation kommt den Anbietern allerdings nur zugute, solange der Produktionsausfall nicht zu gross wird. Wenn die Meerenge zu lange gesperrt bleibt, werden irgendwann auch die Profite der Firmen darunter leiden. Das hätte wohl eine Zunahme der Arbeitslosigkeit zur Folge, was wiederum die Verhandlungen der Arbeiter:innen über eine Inflationsbereinigung ihrer Löhne erschweren würde.

Das Worst-Case-Szenario aus makroökonomischer Sicht ist Stagflation. In diesem Szenario boomen die Aktien einiger Kriegsgewinnler, während der Aktienmarkt insgesamt stark an Wert verliert; die Kreditausfallrate steigt, die Finanzstabilität gerät in Gefahr.

Erhebliche politische Folgen sind zu erwarten. Der letzten Krise nach zu urteilen, dürfte die extreme Rechte erneut als Gewinner hervorgehen. Doch Defätismus ist nicht angezeigt; eher ist es jetzt an der Zeit, zu handeln. Die offensichtlichste Massnahme wäre, diesen illegalen Krieg zu beenden.

Andererseits verlangen seine ökonomischen Konsequenzen nach schnellen Gegenmassnahmen. Statt die Schockwellen durch unsere Volkswirtschaften fegen und unsere Gesellschaften zerreissen zu lassen, sollten die Regierungen mit allen verfügbaren Mitteln eingreifen, um sie einzudämmen.

Mögliche Gegenmassnahmen gibt es viele, von der Freigabe strategischer Ölreserven bis hin zu Preisobergrenzen auf Rohstoffmärkten und Margenobergrenzen entlang der Lieferkette. Die Preise für lebenswichtige Konsumgüter können begrenzt und der Ressourcenverbrauch rationiert werden.

Falls sich all diese Massnahmen als nicht nötig erweisen sollten, können wir alle aufatmen. Und andernfalls? Werden wir froh darum sein, uns vorbereitet zu haben.

Isabella Weber ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der University of Massachusetts Amherst. Gregor Semieniuk ist Associate Professor an der School of Public Policy und dem Department of Economics der University of Massachusetts Amherst.

Dieser Artikel ist in deutscher Fassung bereits im Onlinemagazin «Surplus» erschienen, das Isabella Weber mit herausgibt. Im Original wurde er bei der britischen Wochenzeitung «New Statesman» publiziert.