Leser:innenbriefe

Nr. 14 –

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Der Elefant im Raum

«Bau- und Zonenordnung: Die Stadt verändern», WOZ Nr. 13/26

Die Litanei der Gesundbeter verhallt ungehört. Sie wird übertönt von einem einzigen Schrei: Bauland! Das ist der Schlüssel, der entscheidende Punkt. Stand der Index der Bodenpreise 2017 bei 90, so ist er heute bei 126 angekommen. Wer hat das viele Geld kassiert? Die Mittelstandsfamilie Meier, die ein Haus kaufen will, sicher nicht. Die, die schon eins erbten, allerdings schon. Wir nähern uns den zwei Schweizen: der der Haves und der der Have-nots. Dieser Entwicklung schauen wir zähneknirschend zu und verurteilen sie aus tiefstem Herzen. Die Verdrängung bedauern wir aufrichtig. Trotzdem sind wir ratlos. Warum? Weil wir zu feige sind, dem Elefanten im Raum ins Auge zu schauen. Er heisst Bodenrecht. Bei allen Diskussionen um die Wohnkosten vermeiden wir die Grundfrage beharrlich: Wem gehört der Boden? Diese Frage ist hierzulande abgrundtief unanständig. Worüber man nicht reden darf, darüber muss man schweigen.

Selbst stramme Sozialdemokraten nehmen ein so schmutziges Wort nie in den Mund. Sie schreiben in ihre Wahlprogramme, wie sie den sozialen Wohnungsbau fördern wollen, doch das Wort «Bodenrecht» findet sich in ihrem Wortschatz nie. Die trotzigen Ausnahmen bestätigen die duckmäuserische Regel, und wo das Reizwort fällt, wird es sofort verdrängt. Grundsatzdiskussionen schätzt man hierzulande nicht. Lieber verdrängen wir sie, nässen die Probleme, bis sie stagnieren und faulen. Da geschieht es uns recht, wenn der Index in neun Jahren um 36 Punkte klettert.

Benedikt Loderer, Biel

Ruhrpott und die Schweiz

«Ruhrgebiet: ‹Woanders is auch scheisse›», WOZ Nr. 13/26

Der Abschnitt zur Dortmunder Nordstadt ist reines Klischee. Er ist den aufgebauschten Meldungen der deutschen Presse der letzten fünfzehn Jahre nachgebetet. Seit zehn Jahren bin ich jährlich mehrmals dort, und es finden sich dort die diversesten Szenen, von anarchistischem Laden, Clubs bis zu äthiopischen Restaurants, es gibt Ateliers und Quartierkultur. Man/frau kann sich da gut bewegen, ohne Angst, etwa wie an der Langstrasse. Klaro sieht es in der Nordstadt nicht wie im Zürcher Seefeld aus, aber wahrscheinlich ist der Drogenkonsum in dem putzigen kleinen Seefeld höher als in der gesamten Nordstadt.

Schön, dass auch in Zürich öfter mal Sperrmüll mit regenlabbrigem Zettel «gratis» an der Strasse steht: Krempel, der die innen und aussen gereinigten Zürcher:innen ankichert – ein bisschen Lebensspuren in einer ziemlich toten Stadt. Aber schön, dass wir die SIP haben, sonst hätten wir Obdachlosenzelte im Platzspitz, ui, ui, ui!

Paul Dorn, Zürich

Erfreulich, was die WOZ über den Ruhrpott berichtet: Eine syrische Lyrikerin in Wanne-Eickel, ein umtriebiger Buchhändler in Gelsenkirchen. Nebst allem Elend in den verarmten Vorstädten und Bahnhofsvierteln regt sich zwischen den abgewrackten Industrieruinen Widerstand.

Nordrhein-Westfalen hat wohl die höchste Dichte an Filialen der Buchhandelsfirma Thalia, zu der in der Schweiz auch Orell Füssli gehört. Wenn man sie betritt, überall das gleiche Bild: die immer gleichen gestapelten Bestseller, dazu Krimskrams aus Plastik und Plüsch. Für mich als ehemaligen Buchhändler und Verlagsvertreter wunderbar, dass es noch Buchhandlungen wie die von Lukas Hermann gibt. Hier werden das «gute Buch» und der Widerstand gegen Kommerzkultur gepflegt. Auch in Zürich, St. Gallen, Bern, Luzern, Baden und Basel gibt es noch solche Buchhandlungen. Sie verdienen Unterstützung von kritischen Zeitgenoss:innen.

Beat Eberle, per E-Mail

Bedrohte Narwale

«Im Rhythmus des Augenblicks (3): Eine Frage der Geduld», WOZ Nr. 12/26

Es sieht idyllisch aus, wie die grönländischen Narwalfänger aufs Meer hinausblicken. Das Bild verdrängt aber, dass der Narwal als «potenziell bedroht» gilt und dennoch nicht nur für den Eigengebrauch, sondern auch für den illegalen Verkauf und Export gefangen wird. Unter anderem, weil seine Stosszähne begehrt sind. Dabei verdienen alle Narwale wie alle empfindsamen Tiere, dass man sie nicht zu Nahrungsmitteln oder Kleidern macht oder für Forschung missbraucht. Alle Tiere sollten ein Leben ohne Angst, Schmerz, Zwang und Tötung führen dürfen!

Renato Werndli, Eichberg