Literatur : Grosses Unglück, glückliche Umstände
Weil seine Familie sich weigert, Schutzgelder zu zahlen, entführen die afghanischen Taliban den 1997 geborenen Eni. Er ist neun Jahre alt und kommt zusammen mit einem älteren Bruder in ein Kinderarbeitslager. In einem Steinbruch muss er schwer schuften. Als er nach Jahren nicht mehr kann, prügeln ihn die Wächter fast zu Tode. Er wird nach Pakistan an einen Privatmann verkauft, vermutlich für Organhandel. Während eines Festes gelingt ihm mit gestohlenem Geld die Flucht über die Dächer. Nach vier gescheiterten Versuchen schafft er es via Türkei übers Meer nach Lesbos und Athen, weiter über die Balkanroute bis in die Schweiz.
Im Oktober 2015 wird Eni Yousuf in Basel als Flüchtling registriert und in Asylzentren untergebracht. Mit enormem Fleiss trotzt er den Widrigkeiten des Systems: Er lernt allein im Internet sehr gut Deutsch, kann während zweier Jahre Kurse am Berner Bildungszentrum besuchen und findet Arbeit als Hilfskoch in einem Café. Beim Sport lernt er 2018 seine zukünftige Partnerin kennen. Nach einer erfolgreich absolvierten Lehre als Restaurantangestellter eröffnet er mit ihr 2023 am Berner Stadtrand ein eigenes Restaurant. Wenig später werden sie Eltern eines Mädchens: Yousuf – überglücklich – ist angekommen.
In «Nach oben und von dort über die Dächer» erzählt Yousuf seine Geschichte – eine Geschichte von radikaler Resilienz, von grossem Unglück, aber auch von vielen glücklichen Umständen, hilfsbereiten Menschen. Yousuf erzählt sie in einer Mischung aus Nüchternheit und Pathos, realistisch, nie wehleidig; Verzweiflung und Stolz wechseln sich ab. Höhepunkte sind die Schilderungen vom Wiedersehen mit seiner Mutter 2019 im Iran und von der tiefen Trauer über ihren Tod zwei Jahre danach.
Das als dramatischer Bericht in prägnanten Szenen und manchmal auch mit etwas Selbstüberhöhung gestaltete Buch liest sich flüssig und gibt Privilegierten und Verschonten genaue und bewegende Einblicke in eines der Leben der Tausenden Geflüchteten in der Schweiz. Zugleich will der Autor Menschen in ähnlicher Lage Mut machen.