Sachbuch : Gegen alle Kleinlichkeit
In «Wir, nicht wir» erzählt die Historikerin Caroline Arni von den frühsozialistischen Feministinnen des Saint-Simonismus und ihren Schriften. Vieles davon ist bis heute ungebrochen radikal.
Aufregend gegenwärtig klingt vieles von dem, was die Saint-Simonistinnen in den 1830er Jahren in ihren Texten forderten: den Kindern den Namen der Mutter statt jenen des Vaters zu geben, die Ehe zu überwinden und das Erbrecht abzuschaffen, frei lieben zu dürfen und die Arbeit der Mütter anzuerkennen. Die Ausbeutung, die Abwertung und die Unfreiheit der Frauen sollten endlich aufhören, die Frauen dabei selbst bestimmen, was diese Freiheit für sie bedeuten könnte. Die gleichen Frauen aber schrieben auch: Gott hat die Körper der Frauen so gemacht, dass sie Mütter werden. Die Mutterschaft sei somit umgekehrt eine Pflicht gegenüber der Natur und letztlich Gott. Und sosehr sie die Väter und Ehemänner kritisierten, blieben die meisten von ihnen doch loyal zur väterlichen Autorität der frühsozialistischen Bewegung.
«Eine Zumutung» nennt die Historikerin Caroline Arni die Analysen der Saint-Simonistinnen, die bei der heutigen Leserin mal verheissungsvoll utopisch anklingen, dann wieder enttäuschend konservativ anmuten. Für ihr neues Buch «Wir, nicht wir. Frühsozialistischer Feminismus» liest Arni ihre Schriften gegen den Strich: Statt diesen widerspenstigen Stoff glätten zu wollen und etwa die «feministische Todsünde des Essentialismus» einfach auszulassen, nimmt sie ihre Protagonistinnen auf ganzer Linie ernst. Heisst, sie interessiert sich gerade für die Widersprüche und dafür, was bei der aufgeschlossenen Feministin von heute womöglich Unbehagen auslöst. Das erweist sich nicht nur als ausgesprochen aufschlussreich, sondern auch als sehr unterhaltsam.
Eine Tribüne
Aber erst einmal: Saint-Simonismus? Die frühsozialistische Denkschule geht zurück auf Henri de Saint-Simon (1760–1825), der die ideale Gesellschaft als arbeitsteilig organisiert und dadurch harmonisch beschrieben hatte: Jeder tut nach seinen Fähigkeiten, jeder wird nach seiner Leistung entschädigt – Geld oder Eigentum einfach zu erben, wäre damit ausgeschlossen. Schon in den Anfängen religiös aufgeladen, entwickelte sich die Bewegung um 1830 zunehmend zur politischen Kultusgemeinde. Die Frage der Freiheit der Frauen wurde dabei so konfliktreich diskutiert, dass es unter den – männlichen – Wortführern 1831 zum Bruch kam.
Und die Frauen selbst? Von ihnen habe es in der Bewegung die ganze Zeit nur so gewimmelt: Sie diskutierten, bildeten Komitees, und sie schrieben. 1832 gründeten die Näherinnen Marie-Reine Guindorf und Désirée Véret, beide erst um die zwanzig, in Paris die Zeitschrift «La Femme libre», bald stiess die Stickerin Suzanne Voilquin zu ihnen. Bereits 1834 wurde das Blatt unter dem Druck staatlicher Repression wieder eingestellt. Da hatte die «Femme libre» schon etliche Namensänderungen hinter sich – die wichtigste jene, die die Zeitschrift im Untertitel nicht mehr als «Apostolat», sondern als «Tribüne» auswies: Keine Doktrin und keine Ideologie würde die Schreiberinnen anleiten, vielmehr sollten alle ihre Meinung kundtun, wie es ihnen eben passte. Schon in der ersten Ausgabe hatten die Gründerinnen programmatisch verkündet, sie seien Saint-Simonistinnen, «und gerade deshalb kennen wir kein kleinliches Denken, das uns all jene zurückweisen liesse, die nicht genauso denken wie wir».
Zuerst die Befreiung der Frau
Arni erzählt entlang der historischen Ereignisse und verwebt sie mit der feministischen Analyse und Kritik in der «Femme libre». Die Themen, die diese Autorinnen beschäftigten, bündelt sie pointiert in Kapitel: Freiheit, Mutterschaft, Bezug zur Natur, freie Liebe, Gleichheit (beziehungsweise Geschwisterlichkeit) und einige mehr. Dabei wird deutlich, wie bedeutend es war, dass diese Frauen eben nicht bürgerlicher, sondern proletarischer Herkunft waren – Arbeiterinnen, keine Intellektuellen.
Sie schrieben nachts und selten nach gängigen Konventionen, dafür umso leidenschaftlicher nicht nur gegen die Differenz zwischen Mann und Frau an, sondern ebenso gegen jene zwischen Arm und Reich. Die Arbeiter- und die Frauenfrage dachten sie nicht nur zusammen, sondern verbanden sie kausal: Erst kommt die Befreiung der Frau, dann jene des Arbeiters. Haupt- und Nebenwiderspruch, aber umgekehrt, bevor diese Gedankenfigur überhaupt erfunden war.
Wer sich eine vergessene Meisterdenkerin erhofft hatte, wird enttäuscht werden: Es handelt sich hier um eine im besten Sinn kollektive Arbeit, nämlich eine, die nicht auf Harmonie aus ist. Das zeigt sich konkret zum Beispiel darin, dass Suzanne Voilquin eine Schrift von Claire Démar zur freien Liebe nach deren Suizid editiert und veröffentlicht, obwohl die beiden in der Frage nie einig gewesen waren: Voilquin fand Démar mit ihrer Forderung nach der Abschaffung der Ehe zu radikal, Démar wiederum hatte Voilquin, die sich ihrerseits für ein Recht auf Scheidung aussprach, als zu moralisch und zaghaft verurteilt. Obwohl ihr Name «von jetzt an untrennbar mit dem Claires verbunden, ja beschmutzt sein» werde, schrieb Voilquin in der editorischen Notiz zur Publikation: «Wagen wir es, gerade wie die Verstorbene furchtlos zu sagen und zu tun, was wir für gut und richtig halten.»
Buchvernissage am 8. April 2026 in Zürich, «Sphères», 20 Uhr.