Standpunkt : Seit fünfzig Jahren Angstmacherei

Nr. 14 –

Die Schweiz braucht keine neuen Gas- und Atomkraftwerke. Denn die Studie des Stromkonzerns Axpo geht von falschen Annahmen aus.

das Kernkraftwerk Beznau, Döttingen
Kernkraftwerk Beznau, Döttingen  Foto: Andreas Haas, Imago

Ein Jahr lang haben Mitarbeiter:innen des Stromkonzerns Axpo an einer Studie geschrieben, die beweisen soll, dass die Schweiz ab 2050 in ein Stromversorgungsproblem hineinlaufe. Sie empfehlen, erneuerbare Energien auszubauen (mit ein paar Gaskraftwerken) – aber möchten auch den Plan B prüfen: zwei neue Atomkraftwerke (ebenfalls mit ein paar Gaskraftwerken). Dank der PR des Konzerns wird über die Studie landauf, landab berichtet.

Ein entscheidender Punkt bleibt dabei unhinterfragt: Die Axpo-Leute setzen in jedem Szenario einen Stromkonsum von 88 Terawattstunden im Jahr 2050 voraus. Das ist mehr als anderthalb Mal so viel wie heute – und eine unhaltbare Annahme. Seit mehr als zwanzig Jahren bleibt der Stromverbrauch stabil, trotz eineinhalb Millionen mehr Einwohner:innen, vierzig Prozent Wirtschaftswachstum, mehr Wärmepumpen, Elektrofahrzeugen und Rechenzentren in der Schweiz.

Der entscheidende Unterschied

Irrealer war nur eine Expert:innengruppe des Bundesrats in den siebziger Jahren, die der Schweiz einen Stromverbrauch von 115 Terawattstunden in Zukunft prognostizierte – doppelt so viel wie heute. Zur Zeit der grossen Ölschocks wollte die Schweiz raus aus Öl und Gas – und der Bundesrat über zehn Atomkraftwerke bauen. Die Parallelen zu damals sind frappant. Schon damals galt: Wer dem Land neue Kraftwerke verordnen will, muss zuallererst den Glauben verkaufen, dass wir viel mehr Strom brauchen.

Portraitfoto von Nils Epprecht
Nils Epprecht ist Umweltnaturwissenschaftler und seit 2019 Geschäftsleiter der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).

Natürlich wird der Stromverbrauch steigen, wenn wir vom Erdöl loskommen wollen, das gerade zum x-ten Mal für Krieg und Leid auf der Welt sorgt und uns durchschnittlich 7,5 Milliarden Franken pro Jahr kostet. Die Frage aber lautet: Wie viel Strom brauchen wir? Die ETH und der Bund rechnen bislang praktisch überall mit 70 bis 80 Terawattstunden. Der Unterschied zur Axpo-Studie entspricht – welch Zufall – einem bis zwei Atomkraftwerken.

Stromproduktion ist nie frei von Kosten, Risiken und Nebenwirkungen. Aber anders als in den siebziger Jahren sind heute Technologien verfügbar, die diese begrenzen. Auf-Dach-Solaranlagen sind erschwinglich und technologisch simpel, versiegeln keine Böden und können CO₂-frei hergestellt und betrieben werden. Fällt eine Anlage aus, drohen weder Blackout noch Havarie. Ihr Brennstoff ist nicht waffenfähig, ihr Abfall strahlt keine 100 000 Jahre.

Und: Das Solarpotenzial auf bebauter Infrastruktur in der Schweiz ist derart gross, dass es auch im Winter gut reicht. Weil dem so ist, werden neuerdings die Stromüberschüsse im Sommer kritisiert. Das ist unbegründet. In Kalifornien sinken Überschusszeiten, weil überall Batteriespeicher die schwankende Solarenergie zur Bandenergie glätten – das ist dann viel flexibler als Atomstrom. Auch in der Schweiz boomen die Batterien. Zudem können mit den Überschüssen Notstromaggregate und Langzeitspeicher befüllt werden. Oder die Energie wird einfach nicht vollständig genutzt, was die Rentabilität der Anlagen nur unwesentlich verschlechtert.

Aber was dem Gesamtsystem nützt, erweist sich seit jeher als Nachteil für die Energiekonzerne: Effizienzgewinne und individuelle Anlagen sind nicht attraktiv für Stromverkäufer. Hausbesitzer:innen dagegen brauchen keine hohe Rendite aus ihrer PV-Anlage, sie haben einen immateriellen Nutzen: Sie machen sich unabhängig. Nirgends ist der Ausbau von Solaranlagen so rasant wie in Krisengebieten und Schwellenländern. China exportiert Panels in Rekordzahl nach Afrika, wo eine Solarzelle und eine Batterie für viele das günstigste Versprechen für mehr Wohlstand darstellen.

Nicht abnabeln

Auch in der Schweiz geht es voran: In den letzten drei Jahren haben Solaranlagen den Winterstrom des AKW Mühleberg ersetzt. Die Ausbauziele der Energiestrategie 2050 wurden in der Hälfte der Zeit erreicht. Geht es so weiter, werden wir vor der Stilllegung der beiden Beznau-Reaktoren bis 2033 auch deren Winterstrom ersetzt haben. Sogar alpine Solaranlagen werden dank Solarexpress binnen sechs Jahren von der Gesetzgebung bis zum Netzanschluss deutlich mehr Winterstrom liefern als der vieldiskutierte neue Speichersee in der Trift. Zur Diversifizierung stellen wir den Solaranlagen Windräder, Biomasseanlagen, Geothermiekraftwerke und unsere Dutzenden Wasserspeicher zur Seite. Bei alledem haben wir Aufholpotenzial – aber es ist machbar.

Und bitte nicht vergessen: Wir sind mitten in Europa. Ausgerechnet die Axpo, die grösste Stromhändlerin der Schweiz, will in ihrer Studie nicht mehr als netto fünf Terawattstunden Strom im Winter importieren. Dies obwohl die Universitäten des Landes einhellig zum Schluss kommen: Die mit den Nachbarstaaten vernetzte Schweiz, die auch durch den Stromhandel reich wurde, sollte sich nicht abnabeln, sondern die Chancen des rasanten Zubaus der Erneuerbaren in Europa nutzen.