Was weiter geschah: «Die Geschichte wurde immer grösser»
Die frühere Bundesrätin Ruth Dreifuss traf in Bern Naile Dema, die sie einst mit einem Transportflugzeug aus dem Kosovokrieg in die Schweiz brachte.
Fast auf den Tag genau 27 Jahre ist es her, seit Ruth Dreifuss und Naile Dema sich das letzte Mal gesehen haben. Am 8. April 1999 stattete die damalige Schweizer Bundespräsidentin dem Auffanglager Stankovac in Mazedonien einen Besuch ab – als erstes europäisches Staatsoberhaupt. Mit einem Transportflugzeug hatte sie Hilfsgüter für die Flüchtenden aus dem Kosovokrieg gebracht – und nahm auf dem Rückweg zwanzig von ihnen mit, darunter die damals fünfzehnjährige Dema und ihre Familie. In der Schweiz tobten die bürgerlichen Parteien. Doch in Medien und Öffentlichkeit erntete die bundesrätliche Fluchthelferin grosse Zustimmung.
Sechs Monate sollte Demas Familie in der Schweiz bleiben, nach dem Krieg kehrten sie in den Kosovo zurück. Wer die Geflüchteten waren, ging über die Jahre vergessen. Als die WOZ letztes Jahr an einem Porträt der linken Politikerin arbeitete, kannten weder Dreifuss noch die weiteren Beteiligten deren Namen. Auch das Staatssekretariat für Migration verweigerte aus Datenschutzgründen jede Auskunft. Auf eine Suchanfrage in der kosovarischen Community meldete sich dann aber Naile Dema, heute eine bekannte Fernsehjournalistin in Prishtina.
Emotionaler Moment
Nun also das Wiedersehen. Schon beim Videointerview mit der WOZ hatte Dema den Plan gefasst, der Bundesrätin einmal persönlich zu danken – aus Anlass einer Reise in die Schweiz kam es am letzten Samstag dazu. «Der Moment ist für mich auch deshalb so emotional, weil meine Tochter heute in einem ähnlichen Alter ist wie ich, als ich flüchten musste. Sie lebt heute in einem unabhängigen und sicheren Land – das haben Leute wie Ruth Dreifuss mit ihrer Unterstützung ermöglicht», sagt Dema. Mit dabei in einem Berner Restaurant sind neben ihrer elfjährigen Tochter auch Rolf Zimmermann, der 1999 als persönlicher Mitarbeiter von Dreifuss mit nach Mazedonien flog, sowie «Albinfo», das albanischsprachige Schweizer Newsportal.
Der Wirbel, den ihre Aufnahme damals in der Schweiz gemacht hatte, war Dema nicht bewusst. «Ich kannte die Geschichte hinter der Anfrage der WOZ nicht», sagt sie. «Je mehr ich darüber erfuhr, desto grösser wurde sie.» In Erinnerung geblieben sind ihr neben der langen Wartezeit an der Grenze zu Mazedonien bis heute die ersten beiden Flüge ihres Lebens, mit dem Hubschrauber aus dem Camp und dann mit dem Flugzeug in die Schweiz.
Unbegründete Ängste
Dreifuss und Zimmermann wiederum lobten die bestechende Idee von Dagmar Havlová, der Frau des damaligen tschechischen Präsidenten Václav Havel, die das Flüchtlingslager am selben Tag besuchte – und Prepaid-Karten an alle verteilte. (Man stelle sich vor, heutige europäische Repräsentant:innen hätten ein ähnlich kreatives Potenzial in der Flüchtlingspolitik wie Dreifuss und Havlová.)
Dreifuss interessiert beim Abendessen besonders, was aus der Teenagerin von damals geworden ist – und wie die Traumata des Krieges bis heute die kosovarische Gesellschaft prägen. Die Begegnung zeige ihr, wie unbegründet die bürgerlichen Ängste damals gewesen seien, dass alle Geflüchteten für immer in der Schweiz bleiben würden. Viele seien nach dem Krieg zurückgekehrt, um ihr Land wiederaufzubauen. Dreifuss hatte damals nicht nur zwanzig Personen in die Schweiz geholt, sondern auch eine humanitäre Aufnahme für Flüchtende aus dem Kosovo im Bundesrat erreicht. «Auch heute wäre eine offensive Politik für die Menschen in Kriegsgebieten wie etwa in Gaza angezeigt», sagt sie.
Das «wobei»-Heft zu Ruth Dreifuss können Sie unter www.woz.ch/shop bestellen.