Auf allen Kanälen : Wer den Wal hat

Nr. 15 –

Keine Passionsgeschichte: Wie ein gestrandeter Buckelwal die Wirrnis der Gegenwart offenbart.

stilisierter Ausschnitt aus einem Foto des gestrandeten Buckelwals

«Grosswal an der deutschen Ostseeküste gestrandet – Rettung läuft»: Der erste Auftritt des bald zu trauriger Berühmtheit auflaufenden Buckelwals in der hiesigen Medienlandschaft verlief sachlich und stilvoll über eine kurze Meldung der Schweizerischen Depeschenagentur. Das war am 23. März kurz vor 10 Uhr. Weniger als 24 Stunden später hatten Onlinemedien und der Boulevard das Ruder übernommen und rückten dem vor der Ostseeküste hilflos auf einer Sandbank liegenden Wal mit Livetickern, Whatsapp-Kanälen, Expertinneninterviews und Livereportern vor Ort auf den Leib. Jedes Zucken, jeder Atemzug des Wals: registriert, kommentiert.

Auch bei den medial aufgestachelten Leser:innen ging bald die Post ab. In Kommentarspalten und auf den «sozialen Medien» brach innert Kürze das bereits von Corona, der Ukraine und Nahost bekannte Instantexpert:innentum aus. Fachmännisch wurde die Haut des Wals analysiert, als habe man mindestens sechs Semester Meeresbiologie studiert. Politiker und Expertinnen wurden zurechtgewiesen, weil sie sich angeblich nicht richtig um die bemitleidenswerte Kreatur kümmerten. Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern erhielt Morddrohungen. Zu einer Demonstration erschienen dann allerdings sehr viel weniger Menschen als angekündigt.

Die Luft ist draussen

Wenn eine Geschichte (wobei: War es eine Geschichte?) so abgeht, meinen die seriösen Medien irgendwann, sie müssten auch. Die FAZ stieg ins Archiv und fand einen Belugawal, der sich 1966 in den Rhein verirrt und die «Bild»-Zeitung beschäftigt hatte. Half leider auch nicht wirklich weiter.

Niemand zeigte sich von seiner besten Seite. Auch das arme Tier nicht, das von der Sandbank freigebaggert wurde und ins offene Meer hinausschwamm, nur um kurze Zeit später wieder im untiefen Wasser zu stranden. Wollte der offenbar durch Schiffsschrauben und ein Fangnetz verletzte Wal vielleicht einfach sterben? Diese doch relativ naheliegende Frage interessierte lange kaum. Die Walstory lief einfach zu gut.

Wer skeptisch draufschaute, musste sich unangenehme Fragen zum Zustand der kritischen Öffentlichkeit stellen. Wann wurde das letzte Mal mit so viel emotionaler Energie und Mitleid auf einen Missstand, auf Leiden reagiert, wo es doch an beidem gerade nicht mangelt? SP-Chef Cédric Wermuth postete, dass es schön wäre, «würden sich Öffentlichkeit und Medien ähnlich auch für die Menschen interessieren, die fast wöchentlich auf der Flucht im Mittelmeer sterben …». Das ist zwar richtig gedacht – und klang doch auch wieder falsch.

Und so war irgendwann die Luft draussen, leider auch beim Wal. Die Wissenschaft gab ihm noch eine 0,01-prozentige Überlebenschance. Man bat nun um Abstand, Ruhe. Drohnen und Schaulustige wurden zurückgepfiffen. Damit kam, beinahe rechtzeitig zum Osterwochenende, der Moment der Scheinheiligkeit und Kontemplation. Nachdem man die Geschichte tagelang aus allen möglichen und unmöglichen Perspektiven gepusht und ausgereizt hatte, suchte eine der eifrigsten Plattformen, NDR online, nun das Gespräch mit einer Neurowissenschaftlerin: «Darum beschäftigt uns das Schicksal des Wals so sehr».

Ab Karfreitag gings, passend zur Dramaturgie der christlichen Feiertage, primär ums Sterben: des Wals («20 Minuten»: «Feuerwehr befeuchtet sterbenden Wal vor Poel mit Ostseewasser»), aber auch eines Meeresbiologen (der von den Medien natürlich umgehend «Walflüsterer» getauft wurde). Im Interview beschrieb er einen weiteren waghalsigen Rettungsplan: «Der Wal kann dabei schwer verletzt werden. Ich kann dabei sterben oder schwer verletzt werden» (nochmals «20 Minuten»). Zum Glück für alle Beteiligten bliebs bei der Idee.

Lieber «Moby-Dick»

Die Auferstehung zu Ostern fiel dann leider aus. An ein Wunder glaubt nun fast niemand mehr. Trotzdem werden in den halbtoten Livetickern letzte Rettungsfantasien herumgeboten (Stichwort: «Spezial-Katamaran»-Einsatz und «Unerwartet steigt das Wasser»).

Da hilft nur noch Weltliteratur mit der grössten und weisesten Wal-Geschichte aller Zeiten, Herman Melvilles «Moby-Dick»: «Denn es gibt keine Verrücktheit der Tiere auf Erden, welche der Irrsinn der Menschen nicht unendlich weit übertrifft.»