Gasknappheit In Mumbai : Zurück in die Heimatdörfer

Nr. 15 –

Strassenküchen schliessen, Familien warten auf Gaszylinder – und Landwirt:innen bangen um die Ernte.

«Meine Vorräte verderben», sagt Rajkumar Nadda. Er zeigt auf Plastiksäcke mit Reis und Linsen. Sie liegen seit zwei Wochen unbenutzt auf einer Ablage in seiner Küche im Slum Dharavi in Mumbai. Getreidekäfer haben sich eingenistet. Schon in zweiter Generation betreibt Nadda hier eine Strassenküche, er verkauft Idli, eine Art Reiskuchen. Sein Alltag folgt eigentlich einem festen Rhythmus: um vier Uhr morgens aufstehen, Teig ansetzen, dämpfen, servierfertig machen, einkaufen. Günstiger als bei ihm gibt es kaum irgendwo warmes Frühstück.

Dieser Rhythmus ist unterbrochen. Um seine grossen Aluminiumtöpfe zu erhitzen, ist Rajkumar Nadda auf Kochgas angewiesen. Doch seit zwei Wochen fehlen ihm die Gaszylinder. «Mit jedem Tag steigen meine Verluste», sagt er. Von der einst neunköpfigen Belegschaft ist nur sein Bruder übrig. Küchenhilfen und Verkäufer sind in ihre Heimatdörfer zurückgekehrt. Nadda ist geblieben und hofft jeden Tag, dass der Gasverkäufer doch noch kommt. Seit dreissig Jahren macht er diesen Job. «Wir verbrauchen jeden Tag zwei Gaszylinder, jetzt sollten sie uns wenigstens einen geben», fordert er von der Regierung. Der Bundesstaat Maharashtra verantwortet die Distribution von Gaszylindern in Mumbai an Verkäufer:innen wie Rajkumar Nadda.

Doch die heimische Produktion kann die Lücke, die die Blockade der Strasse von Hormus hinterlassen hat, bei weitem nicht schliessen. Die Folgen des Krieges gegen den Iran zeigen sich unmissverständlich im Alltag Indiens: Werkstätten verlieren Arbeitskräfte, Universitäten Student:innen, weil sie sich ohne günstiges Essen das Leben in den Städten nicht mehr leisten können.

Das Geld ist weg

Zahlreiche Arbeiter:innen verlassen derzeit die wirtschaftlichen Zentren. Auf dem Land ist das Überleben einfacher: Gekocht wird dort auch mit Holz oder Dung. In der Stadt hingegen hängt die Existenz an der funktionierenden Gasversorgung. «Wenn es kein günstiges Essen gibt – wie soll man hier dann überleben?», fragt Nadda. Gerade alleinstehende Männer, die zum Arbeiten in die Zentren zögen, seien auf Strassenküchen angewiesen. «Zu uns kommen einfache Leute», sagt er. «Sie kämpfen mit denselben Problemen wie wir.» Immer wieder kämen Nachbar:innen vorbei, um zu fragen, wann er wieder aufmache. Eine Frage, die er nicht beantworten kann.

Und nicht nur Kochgas ist knapp. In den Reisfeldern des Bundesstaats Maharashtra rund um Mumbai steht die Erntezeit kurz bevor. Gerade jetzt müssten die Pflanzen eigentlich noch einmal gedüngt werden. Aber Dünger ist nun viel teurer als noch vor wenigen Wochen – oder überhaupt nicht mehr verfügbar.

Deva Shelke stammt aus einer Bäuer:innenfamilie in Karjat, rund zweieinhalb Autostunden von Mumbai entfernt. Die Gegend am Rand des Gebirgszugs Westghats gilt als fruchtbar. «Doch das Wetter ist nicht mehr so verlässlich wie früher», sagt der 31-Jährige. Regen falle plötzlich und unerwartet, so auch jetzt – Wochen vor der eigentlichen Regenzeit. Erst vor wenigen Tagen habe ein kurzer Schauer unreife Mangos von den Bäumen fallen lassen.

Umso wichtiger sei Dünger, um seine Ernten abzusichern, sagt Shelke. «Früher ging es eher mit Kuhdung; heute brauchen die Pflanzen mehr Unterstützung.» Gemeint ist damit der Einsatz von synthetisch hergestelltem Harnstoff, einer Stickstoffverbindung, als Düngemittel. Deva fährt derzeit regelmässig auf den Markt, um zu erfahren, ob welcher verfügbar ist und wenn ja, zu welchem Preis. Viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, gedüngt werden müsste eigentlich jetzt. «Sonst haben die Reispflanzen nicht genug Kraft», sagt Deva, «dann wächst nur die Hülle, aber kein Korn.»

Nur noch im Schnellkochtopf

Ein Fünfzig-Kilo-Sack Harnstoff kostete vor wenigen Wochen noch 900 Rupien. Inzwischen wird er für rund 1200 Rupien, umgerechnet etwa zehn Franken, gehandelt. Theoretisch – denn das Angebot reicht nicht aus. «Aber ohne Harnstoff geht es nicht», sagt Deva Shelke. Seit zwei Wochen versucht er schon vergeblich, Nachschub zu organisieren.

Die Ausgaben hat er dagegen längst getätigt: für Saatgut, Bewässerung und Arbeitskräfte. Letztere helfen beim Vorbereiten der Felder, bei den Setzlingen und der Ernte. Den Dünger braucht er, um seine Investition abzusichern: «Das Geld, das ich bereits hineingesteckt habe.» Auch ein Teil der Reisversorgung seiner eigenen Familie hänge von der Ernte ab.

Zunehmend trifft die Knappheit auch private Haushalte, besonders jene, die nicht in neuen Wohnungen mit Gasleitung leben. Dazu gehört auch jene von Rohini Vhatkar: Die 26-Jährige muss improvisieren; in ihrer Wohnung in Mumbai kocht sie fast nur noch mit Schnellkochtopf. Bis anhin durfte sie den Gaszylinder der Nachbar:innen mitbenutzen, doch auch der ist nun leer. Ein Grundnahrungsmittel macht ihr besonders Sorgen: Roti. Das traditionelle Brot wird über der Gasflamme zubereitet. Schon vor zehn Tagen habe sie beim staatlichen Gasversorger Nachschub bestellt, erzählt Vhatkar. Vergeblich – alles sei ungewiss. «Selbst während der Pandemie war die Versorgung stabiler.»