Kommunalpolitik : Wo das Sünneli untergeht
Wie im Zürcher Weinland üblich präsidierten den Gemeinderat von Feuerthalen zuletzt immer Bürgerliche. Das hat sich nun geändert. Was ist passiert?
In Feuerthalen gibt es einen Turnverein, eine Feuerwehr und den Hilari, einen fasnachtsähnlichen Brauch. Man haut kräftig auf den Putz, dann ist es wieder ein Jahr lang still im Dorf. Aber die Ruhe täuscht.
Bei den Gemeinderatswahlen im März kämpften die beiden Ortsparteien – die SVP und die SP – ums Gemeindepräsidium. Im Vorfeld schlug die SVP die Alarmglocke, man beschwor drohend einen «massiven Linksrutsch», warnte vor einer bedenkenlosen Ausgabenpolitik. Gewählt wurde schliesslich der SP-Mann – mit mehr als doppelt so vielen Stimmen wie der SVP-Kandidat. Mit Holger Gurtner stellt die SP zum ersten Mal seit Jahrzehnten den Gemeindepräsidenten, neben vier bisherigen Gemeinderäten (1 GLP, 1 SP, 1 FDP, 1 parteilos) schafften zwei Frauen ohne politische Erfahrung den Sprung in die Exekutive. Die SVP ging leer aus. Dabei ist das Weinland, wo Feuerthalen liegt, ihr Stammland. Sie ist hier, zwischen Winterthur und Schaffhausen, fast überall die mit Abstand stärkste Partei. In Feuerthalen, wo nur der Rhein die rund 3900 Einwohner:innen von der Stadt Schaffhausen trennt, hat sie nun verloren.
Spurensuche im Rhy-Markt. Das Einkaufszentrum ist so etwas wie das Herz von Feuerthalen, das kein Dorfzentrum hat. Die grosse Mehrheit der Feuerthaler:innen, die hier ein und aus gehen, sind mit dem Ergebnis der Wahlen zufrieden. Den Journalist:innen traue sie nicht, sagt eine Frau um die sechzig, die sich gerade mit Cola eingedeckt hat. Aber Holger Gurtner, den sie vor zwei Jahren an einem Adventsanlass kennengelernt habe, schwadroniere nicht. Deswegen habe sie ihn gewählt.
Viele Feuerthaler:innen kennen Gurtner, der seit vier Jahren Gemeinderat und ausserdem in mehreren Dorfvereinen aktiv ist, aus persönlichen Begegnungen. Er gebe sich Mühe, mit den Leuten in Kontakt zu sein, sagt er gegenüber der WOZ. «Ich hole Meinungen ein, damit ich weiss, wieso jemand beispielsweise nicht will, dass ein neues Parkplatzregime kommt.» Manchmal verstricke er sich so in Riesendiskussionen, manchmal bekomme er gute Hinweise, «weil ich diesen Winkel mit meiner Brille vielleicht noch nicht ausgeleuchtet hatte».
Der SP beigetreten ist Gurtner erst, als er für den Gemeinderat kandidierte. Obschon in der Kommunalpolitik die Person meist mehr zähle als die Partei, sei ihm damals wichtig gewesen, dass die Feuerthaler:innen wüssten, wo er politisch stehe.
Personalmangel
Feuerthalen ist seit jeher ein rosa Fleck im Weinland. Das ist historisch bedingt: Als sich im 19. Jahrhundert die benachbarte Stadt Schaffhausen industrialisierte, wurde Feuerthalen mit seinem günstigen Wohnraum zur Arbeiter:innenhochburg. Einst prügelten sich Sozialdemokraten und Kommunisten im Dorf mit Frontisten.
Bei den letzten beiden Kantonsratswahlen war der Anteil SP-Wähler:innen hier höher als in der Stadt Zürich, bei denen 2023 war Feuerthalen die einzige Weinländer Gemeinde, in der die SP (wenn auch knapp) mehr Stimmen holte als die SVP. Nur nützte ihr das auf kommunaler Ebene lange nichts; es fehlte an Personal.
Rahel Wenger ist eine der beiden Frauen – beide parteilos –, die neu in den Gemeinderat gewählt wurden. «Das Frauenthema war bei der Wahl sicher matchentscheidend», sagt sie. Sie habe aus der Überzeugung kandidiert, dass es mehr Frauen in politischen Ämtern brauche. Und Feuerthalen gehörte zu den letzten sieben Gemeinden im Kanton Zürich, in denen die Exekutive allein aus Männern bestand.
Im Rhy-Markt freut man sich über die Wahl der beiden Frauen. Sie stehe zwar der SVP nahe, erzählt eine junge Frau, habe aber keinem von deren zwei Kandidaten ihre Stimme gegeben. Zum einen, weil auch sie gefunden habe, es sei Zeit, dass Frauen in die Exekutive kämen. Zum andern, weil die SVP schwache Kandidaten aufgestellt habe.
Der SVP-Kandidat fürs Gemeindepräsidium, Tom Frey, ist als langjähriger Feuerwehrkommandant eine bekannte Figur im Dorf, denn die Feuerwehr ist in Feuerthalen eine Instanz. Im Wahlkampf redete Frey von «milestones», dem «way forward» und davon, dass man Ideen präsentieren müsse statt fertiger Konzepte. Schliesslich sprach er sich gegen Tempo 30 vor der Schule aus, weil sonst Feuerwehrleute, die zu einem Einsatz aufgeboten würden, in ihren Privatautos nicht schnell genug zum Depot fahren könnten. Das, fand Frey, gefährde die Sicherheit.
Tempo 30 ist ein emotionales Thema in Feuerthalen. Gut möglich, dass seine Äusserungen für Unmut gesorgt hätten, sagt Tom Frey dazu. Er habe aber auch weniger Zeit und Geld in den Abstimmungskampf investiert als Holger Gurtner.
«Ein Strolch!»
Ein weiterer Grund für die klare Niederlage der SVP dürfte sein, dass sich die Feuerthaler Ortspartei in den letzten Jahren selbst marginalisiert hat, indem sie beharrlich auf einen tieferen Steuerfuss pochte. Keine gute Idee in einem Dorf, dessen drängendstes Anliegen derzeit ein Turnhallenneubau ist. Die SVP politisierte so nicht nur an der Bevölkerung vorbei, sondern auch am alten Gemeinderat und den Kandidaten der anderen bürgerlichen Parteien, die sich im Wahlkampf mit der SP zusammenschlossen.
Auf die Frage, wie sich im Dorf linke Politik machen lasse, antwortet Holger Gurtner, dass es die SVP gewesen sei, die auf das Linksrutsch-Narrativ gepocht habe. «Vielleicht», sagt er trocken, «war das also einfach ein Sieg für die gemässigte Gemeindepolitik.»
Wirklich anders sieht das im Rhy-Markt nur ein alter Mann in Blau. «Holger Gurtner ist ein Strolch!», ruft er und wieselt davon. Seine Frau bleibt beim Einkaufswagen stehen, etwas ratlos ob dieser Aussage. Sie beide hätten Tom Frey gewählt, erklärt sie, aber was ihr Mann da gemeint habe, wisse sie auch nicht so recht. Man könne Gurtner jedenfalls nicht vorwerfen, dass er nicht mit den Leuten in Kontakt sei.