Licht im Tunnel : Was ich noch sagen wollte

Nr. 15 –

Michelle Steinbeck sagt auf Wiedersehen

Liebe Leute, die letzte Kolumne … Ich muss mich überlisten, über die Bedeutungsschwere klettern, in den Garten der Leichtigkeit springen. Ich mache es wie Sheila Heti: münzenwerfend. Schreiben ist entscheiden, und wer sagt, die Entscheidung könne nicht von einem Fünferli getroffen werden? Zahl ist «Ja», Kopf ist «Nein». Zum Glück bin ich allein am Karfreitag im Café, das Münzchen springt übers Polster.

Ist das eine gute Idee für meine letzte Kolumne? Ja. Soll ich schreiben, wie sehr ich es vermissen werde? Nein. Wird mich jemand vermissen? Nein. Das Brioche auf dem Tisch lächelt mich freundlich an. Du wirst mich bald essen, sagt es, und morgen wird ein neues gebacken, und ich werde schon vergessen sein. Du fieses Brioche! Soll ich den ersten Bissen nehmen? Nein. Diese Münze.

Soll ich schreiben: Es ist ein Lebensgefühl, das Kolumnenschreiben? Ja. Also soll ich eine Poetologie der Kolumne schreiben? Ja. Uff. Hier? Jetzt? Ja. Darf ich zuerst einen Bissen Brioche nehmen? Nein. Ist dieses Spiel schon die Poetologie? Ja. Ist es schlimm, dass ich einen Bissen genommen habe? Ja. Werde ich jetzt in ewig schlechter Erinnerung bleiben? Ja.

Oje. Das blöde Brioche hat mich verführt, und jetzt rächt sich das Fünferli. Was wollte ich sagen? Es ist eine Art, durchs Leben zu gehen, immer auf der Suche nach der nächsten Kolumne. Wird mir etwas fehlen, wenn ich das nicht mehr habe? Ja. Werde ich geistig und politisch verkümmern? Nein. Weil ich ein genuin geistig-politischer Mensch bin? Nein.

Habe ich die Leser:innen gelangweilt, seit ich Mutter geworden bin? Nein. Sind trotzdem viele froh, dass ich jetzt gehe? Nein.

Ich habe Gesellschaft bekommen im Café. Eine Frau mit künstlerischer Neigung: Im umgestürzten Espresso auf dem Tablett sieht sie ein Stillleben. Sie überlegt sich ein Gedicht für eine kürzlich verstorbene Person. Es knistert, wie sie in die Sfogliatella beisst. Ihr gegenüber ein älterer Herr, trinkt zum Kaffee Coca-Cola. Punk. Die Trauer sitzt mit ihnen am Tisch wie eine alte Bekannte. Sie sprechen wenig, unzusammenhängende Worte. Er schnäuzt ins Schweigen, ins karierte Nastuch. Die Frau antwortet: «Ah! Jetzt chumi drus.»

Das ist mehr Making-of als Poetologie, oder ist das dasselbe? Eine Würdigung der Umgebung, in der die Kolumne entsteht, die rankenden Gedanken, Unkraut der Ablenkung? «Zurück zur Sache», ruft die Frau unvermittelt aus: «Salat.» Er nickt. «Florenz?» – «Ja.» – «Medici …» Er lacht. Sie spielen ein Spiel, das ich nicht verstehe. Sie versucht, seine Gedanken zu lesen. Mit dem ganzen Oberkörper beugt sie sich zum leeren Sfogliatellapapier und schleckt es aus. So sieht Trauer aus.

Wo war ich? Ablenkung. Soll ich über Wehmut schreiben? Nein. Ist es nicht interessant, dass das Wort «Mut» da drin ist, Aufbruch? Ja. Eben. Soll ich noch ein Stück Torte nehmen? Ja. Wird es meine Traurigkeit federn und betten? Ja. Wird mir davon schlecht? Ja.

«Was machen Sie da?» Die Frau schaut mich an: «Ich frage mich schon die ganze Zeit – spielen mit Licht und Schatten?» – «Ja», sage ich, «eine Art Spiel.» – «Und, läufts gut?» – «Es geht. Ich weiss nicht, wie gut gesinnt mir die Münze ist.» – «Ja», sagt sie, «auch Glückssache. Toi, toi!» – «Es heisst anders», sagt der Mann, «toi, toi, toi.» Plötzlich ist ganz fest Sonne im Raum, Lachen, die Münze blitzt.

Werde ich auf der Velofahrt heim etwas weinen? Ja. Werden wir wieder zusammenkommen? Ja. Na dann – arrivederci!

Michelle Steinbeck ist Autorin. Sie war sehr gerne WOZ-Kolumnistin.