Literatur : Tauben züchten im Kalifat

Nr. 15 –

Buchcover von «Der letzte Sommer der Tauben»
Abbas Khider: «Der letzte Sommer der Tauben». Roman. Hanser Verlag. München 2026. 216 Seiten.

Im grossen Feuer auf dem Basar verbrennen Zigaretten, Poster und nicht konforme Kleider. Noah und sein Vater schwärzen die Haare, die Gesichter und die nackte Haut der Frauen, die auf den Verpackungen ihrer Waren abgebildet sind. Denn das Kalifat wurde ausgerufen, und die neuen Vorgaben der religiösen Ordnungspolizei greifen in den Alltag des vierzehnjährigen Noah und seiner Familie ein. Musik ist verboten, die Schwester und die Mutter müssen sich mehrheitlich im Haus aufhalten, Onkel Ali darf sein Café nicht weiter betreiben.

In seinem neuen Roman fängt der deutsch-irakische Schriftsteller Abbas Khider die Realität unter dem Regime der Mudschaheddin in einem Land ohne Namen aus der Sicht von Noah ein. Der unsichere Junge ist ein Protagonist, der die Veränderungen um sich herum behutsam registriert. Diese Zartheit hebt sich von der lauten, oft plakativen Sprache ab, die der Autor in seinen anderen, von Migration handelnden Büchern verwendet. Diese Sprache macht den Roman, der auch die brachiale Gewalt des Regimes und die düstere Atmosphäre in Noahs Heimatstadt schildert, nicht weniger eindringlich.

Noah bleiben seine Tauben, um die er sich liebevoll kümmert – eine Leidenschaft, in die er von Onkel Ali eingeführt wurde. Ali versucht, sich gegen die neuen Herrscher aufzulehnen, im Unterschied zu Noahs Vater, der in Apathie verfällt. Eines Nachts belauscht Noah ein Gespräch zwischen Onkel Ali und dessen Freunden. Unter dem Decknamen «Operation Wandertaube» schmuggeln sie mittels USB-Sticks, die an Tauben befestigt sind, Informationen aus dem Land. Als die Gruppe auffliegt, wird der Onkel rechtzeitig gewarnt – von Noahs älterem Bruder, der sich den Mudschaheddin angeschlossen hat. Ein Riss zieht sich mitten durch die Familie.

Schliesslich gerät auch Noah in die Fänge des Regimes. Sein Vater sieht sich vor die schreckliche Entscheidung gestellt, den Sohn entweder in ein religiöses «Ferienlager» zu schicken – oder ihn vielleicht ganz zu verlieren.