«Prognosemärkte»: Roulette um Tod und Verwüstung
Die Popularität von Kriegswetten ist in den letzten Monaten stark angestiegen. Vieles deutet darauf hin, dass auch Entscheidungsträger:innen aus Politik und Militär auf den Onlineplattformen mitbieten.
Es brauchte erst die Entrüstung darüber, dass auf das Überleben eines US-amerikanischen Soldaten gewettet wird, um die Wettfirmen etwas in die Defensive zu drängen. Nachdem Seth Moulton, demokratischer Abgeordneter des US-Repräsentantenhauses und Kriegsveteran, Polymarket als «widerwärtigen Todesmarkt» verurteilt hatte, zog die Plattform am Wochenende einen «Prognosemarkt» um die Rettungsmission des im Iran abgestürzten US-Soldaten zurück, bevor diese abgeschlossen war.
Wobei «Prognosemarkt» als Euphemismus bezeichnet werden muss, den Onlineplattformen wie Polymarket und Kalshi auch deshalb nutzen, weil Wetten nicht überall in den USA legal sind, Wertpapierhandel aber schon. Statt also zu «wetten», werden «Aktien» über den Ausgang von wichtigen Ereignissen gehandelt – und so Spekulationen über die politische Zukunft weiter kommodifiziert.
Die Plattformen brüsten sich damit, durch Schwarmintelligenz «präzise und unvoreingenommene Vorhersagen» machen zu können. Und seit den Prognosen im vergangenen US-Wahlkampf zwischen Donald Trump und Kamala Harris, die vielfach zugunsten Trumps ausfielen, boomen sie. Im März sind auf Polymarket Wetten rund um den Krieg gegen den Iran zum beliebtesten Spekulationsgegenstand geworden – mit einem Handelsvolumen von 500 Millionen US-Dollar. Wetten auf Leben und Tod.
Starker Wettanstieg vor Angriff
Gewettet wurde und wird immer noch unter anderem auf die Dauer des Waffenstillstands, Ali Chameneis Tötung und sogar nukleare Explosionen, wobei letzterer Markt inzwischen ebenfalls zurückgezogen wurde.
Und einige Muster legen nahe, dass es nicht das Wissen der Menge ist, sondern einzelner Nutzer:innen, die möglicherweise das politische Weltgeschehen mitgestalten oder zumindest in klassifizierte politische und militärische Entscheidungen eingeweiht sind und damit Insiderhandel betreiben.
So stiegen laut Polymarket-Statistik nur einen Tag vor Ausbruch des US-israelischen Krieges gegen den Iran am 28. Februar plötzlich mehr als 150 Nutzer:innen in Prognosen über einen Angriff bis zum nächsten Tag ein. Laut der Blockchain-Analyse-Plattform Bubblemaps waren viele der Accounts neu, mindestens sechs wurden nur wenige Tage zuvor angelegt. Zusammen haben die sechs damit einen Gewinn von 1,2 Millionen Dollar erzielt. Nur einen Tag später spekulierte jemand mit dem Account namens «magamyman» (kurz für Make America Great Again My Man) auf die Tötung Ali Chameneis und gewann damit 120 000 Dollar. Mit mehr als einem Dutzend akkurater Prognosen über den Krieg hat die Person hinter dem Account insgesamt über eine halbe Million Dollar gewonnen. Es ist ein Muster, das schon in vorherigen Konflikten zu erkennen war: So hatte jemand nur Stunden vor Nicolás Maduros Festnahme auf dessen Sturz spekuliert und damit 400 000 Dollar gewonnen.
Kampfpiloten im Wettfieber
Weil Transaktionen über die Blockchain-Plattform Polygon mit Kryptowährung laufen, bleiben die Nutzer:innen anonym. Dass sowohl Polymarket als auch Kalshi eine gewisse Nähe zur US-Regierung haben, ist bekannt. Zwar wurden die beiden populären Plattformen von bis dato recht unbekannten und mittlerweile milliardenschweren jungen Techunternehmer:innen gegründet – Kalshi 2018 von den beiden heute 29-jährigen Luana Lopes Lara und Tarek Mansour, Polymarket 2020 vom heute 27-jährigen Shayne Coplan. Doch beide Unternehmen werden von prominenten Investoren aus dem Techbereich unterstützt: von Peter Thiel und Fred Ehrsam etwa, die in Beratergremien des Präsidenten sitzen. Beide Unternehmen haben zudem 2025 Donald Trump Jr., den Sohn des US-Präsidenten, als Berater angestellt. Dessen Vater wiederum hat danach die Regularien für Prognoseplattformen gelockert.
In Israel wurde derweil erst in der letzten Woche bekannt, dass Luftwaffenoffiziere der Offenlegung militärischer Informationen angeklagt wurden. Sie hatten auf Polymarket sowohl im Zwölftagekrieg vom vergangenen Jahr als auch in diesem Krieg gegen den Iran mitspekuliert. Der Prozess läuft noch. Laut Anklageschrift, die die israelische Zeitung «Haaretz» einsehen konnte, hatten mindestens zwei der Offiziere, die bei den Angriffen im Einsatz waren, mit Wetten auf den Zeitpunkt von Angriffen gegen den Iran im Juni 2025 mehr als 200 000 Dollar Profit erzielt.
Als Beweis zitierte die Staatsanwaltschaft unter anderem Whatsapp-Nachrichten: «Guten Morgen für deinen genialen Mann, der gerade aus 1000 Dollar 46 000 Dollar gemacht hat», soll ein Offizier seiner Frau im vergangenen Juni geschrieben haben. Bei der Befragung gab ein weiterer Offizier an, dass seine ganze Schwadron auf Polymarket sei und die gesamte Luftwaffe wette. Sein Kommandant sei sogar enttäuscht gewesen, nicht früher von Polymarket erfahren zu haben, um mitbieten zu können. Die Elite des israelischen Militärs, von der erwartet werde, dass sie sich der Gefahr für das Leben der Pilot:innen und für den Erfolg der Mission bewusst sind, würden in ihrer Gier Militärgeheimnisse offenlegen, schrieb der «Haaretz»-Chefredaktor Aluf Benn zuletzt in einem Kommentar. So sei dieser Krieg «der erste Polymarket-Krieg» geworden, in dem die Sicherheit der Involvierten kompromittiert wurde, weil sie korrupt seien.
Gamifizierung der Geopolitik
Der erste Polymarket-Skandal in Israel ist es indes nicht: Erst Mitte März erhielt Emanuel Fabian, Militärkorrespondent der «Times of Israel», Todesdrohungen von Polymarket-Nutzer:innen auf Hebräisch, nachdem er über einen iranischen Raketeneinschlag in Bet Schemesch berichtet hatte. Sie hatten darauf gewettet, dass der Iran Israel nicht treffen wird, und versuchten durch Drohungen, die öffentliche Berichterstattung zu ihren Gunsten zu ändern – andernfalls würden sie Gewalt anwenden.
Jenseits dieser Rückkopplungen der Onlineplattformen auf das wirkliche Geschehen haben die plötzlichen Marktbewegungen im Verlauf dieses Krieges in jedem Fall Fragen aufgeworfen, wie viel bestimmte Nutzer:innen wissen. Lassen sich politische Ereignisse ablesen, weil Insider:innen möglicherweise Staatsgeheimnisse verraten haben könnten? Die Anonymität auf den Prognoseplattformen und die fehlende Regulierung lassen zumindest zu, dass politisches Wissen zum Wirtschaftsgut wird. Denkfabriken wie der Atlantic Council und das Project on Government Oversight warnen, dass Prognoseplattformen – und damit Wetten – nicht nur den Welthandel beeinflussen könnten, sondern auch zur politischen Instabilität beitrügen. Insiderwissen und Korruption könnten Geopolitik und Krieg «gamifizieren».
«Schaut man sich den Verlauf der Spekulationen an, ist es sehr wahrscheinlich, dass da Leute mitmachen, die viel mehr wissen als wir», sagt ein Nutzer, der auf das Kriegsgeschehen im Iran wettet und internationaler Korrespondent in Jerusalem ist. Es liege nahe, dass manche ihr Wissen nutzten, um Profit daraus zu schlagen, und die Plattformen machten dies möglich, auch wenn es moralisch absolut verwerflich sei, so der Journalist, der anonym bleiben will.
Grundsätzliche Kritik kommt auch aus der US-Opposition: Schon im März schrieb der demokratische Senator Chris Murphy auf X zu den Wetten auf den Plattformen, dass es «krank ist, dass das legal ist». Er unterstellt Mitgliedern des Trump-Lagers, durch Wetten «von Krieg und Tod zu profitieren». Und auch der Abgeordneten Seth Moul legt nach: Es gebe immer noch mehr als 220 Märkte mit dem Stichwort «Krieg», die aktiv seien und geschlossen werden müssten.
Wie lange Polymarket und Kalshi noch weiter so walten können, bleibt abzuwarten. In wenigen Ländern, Thailand etwa, wurden sie als illegale Wettplattformen inzwischen verboten. Was allerdings eine Regulierung der Onlinemärkte kaum eindämmen kann, ist die Grundlage für deren Popularität. Schliesslich sind die Wetten Symptom und nicht Ursache für die Abstumpfung gegenüber Krieg und Tod – und den moralischen Verfall im Umgang damit.