Sachbuch: Autonomie durch Technik

Nr. 15 –

In ihrem neuen Buch zeigen Quinn Slobodian und Ben Tarnoff, wie Elon Musk werden konnte, wer er heute ist. Und wie er ganze Staaten von sich abhängig macht.

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Elon Musk zeigt auf der CPAC-Konferenz ein Gemälde von sich selbst
Was sagt sein Aufstieg über die Welt aus, in der wir leben? Elon Musk 2025 an einer Konferenz in Oxon Hill, Maryland, mit einem Gemälde von sich selbst. Foto: Jose Luis Magana, Keystone

Könnte so ein Tag im Jahr 2035 aussehen? Humanoide Roboter patrouillieren auf den Strassen, Menschen tragen Gehirnimplantate, die wenigsten arbeiten, weil die Technik übernimmt. Weisse Frauen bringen mindestens 2,1 Kinder zur Welt, um den Fortbestand ihrer vermeintlich bedrohten Zivilisation zu sichern. KI-Rechenzentren verbrauchen so viel Strom, dass er für Privathaushalte rationiert ist. Täglich starten zwanzig Raketen Richtung Mars.

Liest man Quinn Slobodians und Ben Tarnoffs neues Buch, dann wird klar: Das jedenfalls ist die Zukunft, die dem Techmilliardär Elon Musk vorschwebt – und seine Chancen, sie zu realisieren, stehen gar nicht so schlecht. «Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking» reiht sich ein in eine Vielzahl von Analysen zu dieser Schlüsselfigur der Rechten. Wichtig ist das Buch wegen seines originellen Zugangs.

Slobodian und Tarnoff geht es weniger um die Person Elon Musk als um die Frage, wofür dieser ein Symptom ist. Oder anders gefragt: Was sagt sein Aufstieg zum reichsten und zu einem der einflussreichsten Männer des Planeten über die Welt aus, in der wir leben? Aus der Analyse seiner öffentlichen Auftritte, der tagtäglich abgesetzten Flut von Tweets und seiner Art, Unternehmen zu führen, wollen sie ein neues Weltverständnis ableiten, den sogenannten Muskismus.

Betriebssystem des Jahrhunderts

Den Begriff bilden der Wirtschaftshistoriker Slobodian und der Techexperte Tarnoff analog zum Fordismus. Das nach dem Automobilhersteller Henry Ford benannte Modell prägte mit der Verknüpfung von Massenproduktion und Massenkonsum den Kapitalismus des 20. Jahrhunderts. Der Muskismus, warnen die Autoren, könnte zum «Betriebssystem für das 21. Jahrhundert» werden. Zentrale Merkmale: individuelle Autonomie durch Technologie, Unternehmertum als Kampf, die Cyborgisierung der Menschheit und der Staat und die Gesellschaft als Programmcode, in dem es «Schwachstellen» wie Mitgefühl auszumerzen und das «woke Gedankenvirus» zu bekämpfen gilt.

Slobodian und Tarnoff gehen den für den Muskismus prägenden Stationen nach, zurück bis zu Musks Kindheit im Apartheidstaat Südafrika. Dort setzte das rassistische Regime auf Technik, um die Schwarze Bevölkerung zu unterdrücken und sich nach aussen abzuschirmen. Damit prägte es einen zentralen Wesenszug des Muskismus: die «Überzeugung, dass man seine Eigenständigkeit in einer feindseligen Welt am besten mit Technologie verteidigen kann». Auf dieser Überzeugung hat Musk sein Imperium aufgebaut.

Pointiert zeigen die Autoren, wie er sich für Staaten und Individuen unersetzlich macht: indem er ihnen nicht nur Technik verkauft, sondern auch das Versprechen von Souveränität. Von seinem Raumfahrtunternehmen SpaceX über den satellitenbasierten Internetanbieter Starlink bis zu Tesla, das Elektroautos, Solarmodule und Speichersysteme verkauft, um sich damit von der Abhängigkeit von Energieimporten und Risiken wie Netzausfällen oder Naturkatastrophen zu befreien. Doch wer sich mit Musks Produkten von staatlichen Strukturen und internationalen Märkten lossagen will, begibt sich in direkte Abhängigkeit von Musk selbst und stärkt dessen Macht. Besonders deutlich ist das in den USA, wo SpaceX für die meisten Raketenstarts verantwortlich ist. Oder im Krieg in der Ukraine, wo Musk den Zugang zum für die ukrainische Armee unerlässlichen Starlink-Internet kontrolliert.

Kein Libertärer

Zugleich widerlegen Slobodian und Tarnoff das weitverbreitete Bild von Musk als Libertärem. Sie entlarven ihn als Profiteur des Staates, der sein Imperium mithilfe von Subventionen für E-Autos und Milliardenaufträgen der Regierung aufgebaut hat. Musk will den Staat nicht abschaffen, sondern zu einem «Vasallen» machen, der seine Befugnisse nur noch wahrnehmen kann, wenn er die Dienstleistungen des Techunternehmers nutzt.

Zwar bleiben die Autoren mit ihrer Analyse enger an der Person Musks und seinem Werdegang, als man erwarten könnte. Doch sie machen auch deutlich, welche politischen und wirtschaftlichen Konstellationen Musks Aufstieg möglich machten. Ein wichtiges Element: die von der US-Regierung unter George W. Bush begonnene Auslagerung von Aufträgen und Kompetenzen an Privatunternehmen.

Wie viel Muskismus aber ist ohne Musk möglich? Dieser Frage hätte das Buch mehr Platz einräumen können. Dennoch wird beim Lesen rasch klar: Träume von einer zunehmenden Fusion zwischen Mensch und Maschine sind nicht die Spinnereien eines einzelnen Mannes, Fantasien von der Verteidigung weisser Fruchtbarkeit und Einwanderungsstopps ohnehin nicht. Und die Abhängigkeit ganzer Staaten vom Silicon Valley beschränkt sich bei weitem nicht auf Elon Musk.

Das Buch ist daher auch eine Kritik an einer gesellschaftlichen Tendenz, in der gemeinschaftliche Werte einer mit Technik vorangetriebenen Abschottung weichen. Die Krisen der Gegenwart liefern, so die Autoren, dem Muskismus eine hervorragende Basis, um sich durchzusetzen. «Muskismus» liest sich damit auch als Aufruf zum Widerstand.

Quinn Slobodian und Ben Tarnoff: «Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking». Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Suhrkamp Verlag. Berlin 2026. 281 Seiten.

Aufzeichnung des WOZ-Podiums mit Slobodian und Tarnoff zum Nachhören unter woz.ch/muskismus-nachhoeren.