Arbeitsbedingungen in Kinderheimen : «Ihr könnt ja schlafen»

Nr. 16 –

In Schweizer Kinder- und Jugendheimen gilt Nachtpräsenz meist nicht als Arbeitszeit. In Schaffhausen kämpfen ehemalige Mitarbeiterinnen nun für Lohnnachzahlungen, faire Arbeitsreglemente und mehr Anerkennung.

Portraitfoto von Valeska Konrad und Stefanie Miklo
Enttäuscht über das Verhalten der Stadt Schaffhausen: Valeska Konrad und Stefanie Miklo, die im Kinder- und Jugendheim der Stadt gearbeitet haben.

Valeska Konrad liegt nachts oft wach im Bett. Die Gedanken kreisen. Früher arbeitete sie im Kinder- und Jugendheim der Stadt Schaffhausen. Heute ist sie nicht mehr erwerbstätig – ihr Job hat sie krank gemacht.

«Das ist eine Situation, die ich noch nie in meinem Leben hatte», sagt die Sozialpädagogin, Pflegefachfrau und alleinerziehende Mutter an einem Montagmorgen in einem Schaffhauser Café. «Ich war immer eine Macherin, habe alles allein gestemmt.» Nun gehe das nicht mehr. Das ärztliche Zeugnis bestätigt: Burn-out aufgrund der Arbeitsbedingungen.

Fünfzig Franken pro Nacht

Neben Valeska Konrad am Tisch sitzt ihre Kollegin Stefanie Miklo. Auch sie hat im städtischen Heim gearbeitet, im vergangenen Herbst aber wegen Überlastung gekündigt. Heute können sich beide Frauen nicht mehr vorstellen, in ihren Beruf zurückzukehren. «In mir sträubt sich alles, ich lasse das nicht mehr mit mir machen», sagt Miklo. Sie sind sich einig: Wäre die Stadt Schaffhausen anders vorgegangen, würden sie heute immer noch dort arbeiten.

Alles begann im Jahr 2022, als Konrad im Schaffhauser Kinder- und Jugendheim anheuerte. Von Anfang an übernahm sie auch Nachtschichten. Diese wurden jeweils pauschal mit fünfzig Franken pro Nacht vergütet. Doch als sie eines Tages ins städtische Personalreglement schaute, stutzte sie. Dort las sie, der nächtliche «Einsatz» gelte als Arbeitszeit. Zudem war die Rede von einem Nachtzuschlag. Beides war ihr neu. Konrad erkundigte sich bei ihren Vorgesetzten und brachte damit einen Stein ins Rollen: Offenbar hatte Schaffhausen den Heimmitarbeitenden jahrelang einen viel zu tiefen Lohn gezahlt.

Die Stadt tat das Ganze als Missverständnis ab. Sie passte ihr Personalreglement kurzerhand nach eigenem Gutdünken per 1. Oktober 2024 an, wie die «Schaffhauser AZ» im Februar publik machte. Das Argument der Stadt: Die Abgeltungsregelung sei lediglich unpräzise formuliert gewesen, man habe sie jetzt sprachlich bereinigt. Nicht die gesamte Präsenzzeit von acht Stunden sei Arbeitszeit, sondern nur der «effektive» Einsatz. Dass sich die Stadt bisher auch daran nie gehalten, sondern nur die niedrige Pauschale bezahlt hatte und dem Personal deshalb Geld schuldete, darüber sah sie hinweg.

Wie Pikettdienst

«Ihr könnt ja schlafen, hiess es jeweils», erzählen Valeska Konrad und Stefanie Miklo. Während der Nachtbereitschaftsdienste von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens sei an Schlaf aber oft nicht zu denken gewesen. Die Kinder und Jugendlichen im Schaffhauser Heim sind zwischen fünf und achtzehn Jahre alt. Die meisten sind da, weil ihren Eltern ein Teil des Sorgerechts entzogen wurde.

Die Nächte sind nicht immer einfach. Manche der Kleinen vermissen beim Einschlafen ihre Eltern, auch Auseinandersetzungen kommen vor. Wenn gegen 22 Uhr die Lichter ausgehen, ist die anwesende Sozialpädagogin noch hellwach. Sie muss den Tag dokumentieren, den Geschirrspüler vom Znacht ausräumen, den Zmorgen vorbereiten. Manchmal rufen Kindseltern an. Und wenn die Verantwortliche schliesslich zur Nachtruhe in ihre Kammer geht, hat sie das Telefon griffbereit neben sich. Innert Sekunden muss sie einsatzbereit sein, wenn die Polizei anruft und notfallmässig ein neues Kind vorbeibringen will, wenn es an der Tür klopft oder es eine Krise im Haus gibt. Morgens um sechs Uhr endet die Nacht – und die Mitarbeiterin ist oft erschöpft.

So sieht es nicht nur in Schaffhausen aus, sondern in den allermeisten Kinder- und Jugendheimen der Schweiz. Nachtpräsenz werde praktisch nirgends als Arbeitszeit anerkannt, sagt ein Vertreter der Kriso (Kritische Soziale Arbeit) Zürich, die sich mit Avenir Social und dem VPOD zu einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen hat. Das sei in diesem Care-Beruf historisch so gewachsen: Bis heute nimmt eine Ausnahmeklausel Fürsorgerinnen und Erzieher vom grossen Teil des Arbeitsgesetzes aus, nämlich von den Regelungen zu den Arbeits- und Ruhezeiten. Dennoch: Auch für Heimmitarbeitende gilt der Gesundheitsschutz. Diesem wird laut Kriso in der Praxis aber oft nicht Rechnung getragen. Gerade indem Nachtbereitschaftsdienste fälschlicherweise als «Pikettdienst» und eben nicht als Arbeitszeit behandelt werden, komme es zu extrem langen Schichten. Die Erschöpfung führe mitunter dazu, dass Mitarbeitende oft nach wenigen Jahren ausbrennen und die Stelle wechseln.

Machen alle so, sagt die Stadt

Auch in Schaffhausen schob das Heimpersonal bis vor kurzem 24-Stunden-Dienste ohne Pause. Gelegentlich kommen solche heute noch vor. Die beiden zuständigen Stadträte Marco Planas und Peter Neukomm machen auf Anfrage geltend, die Situation habe sich unter der neuen Führung des Hauses und wegen zweier zusätzlich gesprochener Stellen unterdessen «spürbar entspannt».

Die Heimmitarbeitenden hatten die Stadt in den vergangenen Jahren mehrfach darauf hingewiesen, dass die langen Schichten ihre Gesundheit gefährdeten und sie sich nicht ernst genommen fühlen. Nach Verhandlungen mit dem VPOD Schaffhausen änderte der Stadtrat sein Personalreglement schliesslich erneut ab: Seit vergangenem Herbst gibt es eine Pauschale von 150 Franken pro Nacht, die den ganzen Nachteinsatz vergüten soll. «All in»-Pauschale nennt der Stadtrat das; ganz ohne Zeiterfassung. Präsenzzeit gilt weiterhin nicht als Arbeitszeit. Die Stadträte Planas und Neukomm schreiben, man müsse angemessene, rechtlich gesicherte Lösungen finden, die auch gegenüber anderen Personalfunktionen fair blieben. So etwa gegenüber regulären Nachtdiensten in den Alterszentren, wo kontinuierlich gearbeitet werde, während im Bereitschaftsdienst «lediglich eine Präsenz- bzw. Abrufpflicht besteht». Sie fügen an, dass dies der üblichen Praxis in vielen öffentlichen und privaten Institutionen entspreche.

Die künftige Abgeltungsregelung von Nachtpräsenz im Heim werde aber nochmals geprüft, schreiben sie auf Anfrage der WOZ. Der VPOD übergibt ihnen dieser Tage zudem eine Petition mit rund 700 Unterschriften, um Druck aufzusetzen. Auch in anderen Kantonen wie Zürich oder den beiden Basel fordern Petitionen bessere Arbeitsbedingungen in Kinder- und Jugendheimen. Zu den langen Schichten ohne Pause kommt oft ein dürftiger Betreuungsschlüssel hinzu, daneben wird flexibles, aber nicht entsprechend entlöhntes Einspringen erwartet. Berufs- und Privatleben lassen sich so schwer vereinbaren, Vollzeitpensen sind kaum möglich.

Bis vor Bundesgericht

Auch ein weiterer Entscheid der Stadt Schaffhausen stiess bei Konrad, Miklo und ehemaligen Kolleginnen auf Unverständnis. Im Juni 2025 hatte der Stadtrat beschlossen, ihnen für die vergangenen fünf Jahre Geld nachzuzahlen. Die Mitarbeitenden – einige kommen auf über 1500 Stunden unbezahlte Nachtpräsenz – waren der Meinung, man müsse ihnen diese vollständig anrechnen. Das habe das Personalreglement ursprünglich gesetzeskonform so festgehalten. Der VPOD forderte als Kompromiss die Entlöhnung zumindest der halben Nächte. Der Stadtrat sah das anders: Gerade mal dreissig Minuten pro Nacht zahlte er nach, plus die wenigen Franken Nachtzulage. Und da gab es nichts zu diskutieren: Das Geld hat die Stadt den Angestellten subito auf ihre Konten überwiesen – ohne eine entsprechende Verfügung, die sie hätten anfechten können.

Die Sozialpädagoginnen Valeska Konrad und Stefanie Miklo sind enttäuscht darüber, wie sie von der Stadt behandelt wurden. «Wir haben unser ganzes Herzblut, unsere ganze Zeit hergegeben, und das wird einfach als selbstverständlich abgetan», sagt Miklo. Eine anfechtbare Verfügung haben sie vor kurzem doch noch erhalten, nun wollen die beiden gegen die in ihren Augen unrealistisch geringen Lohnnachzahlungen rekurrieren. Sie seien bereit, bis vor Bundesgericht zu gehen, sagen sie.

Konrad und Miklo erhoffen sich ein Leiturteil in einer Branche, die traditionell weiblich geprägt ist – und der deshalb weniger Wert beigemessen werde. «In anderen Berufen ist Präsenzzeit im Betrieb Arbeitszeit», so Stefanie Miklo. «Von uns aber verlangt man Selbstaufopferung und appelliert an das Emotionale, um für die Kinder und Jugendlichen da zu sein.» Und Valeska Konrad ergänzt: «Wir trösten, deeskalieren, versorgen und pflegen – und zahlen dafür mit unserer Gesundheit. Das ist nicht länger hinnehmbar.»