Geschichte : Auf Irrfahrt zwischen den Grenzzäunen
Die Historikerin Susanne Heim schildert in einem akribisch recherchierten Buch, vor was für grausame Entscheidungen Jüdinnen und Juden unter der Naziherrschaft gestellt wurden.
Im Zweiten Weltkrieg besetzte Hitlerdeutschland mehr als zwei Dutzend Länder, über 200 Millionen Menschen gerieten unter Naziherrschaft. 40 Millionen befanden sich auf der Flucht. Unter ihnen «waren die Juden in einer besonderen Situation, weil sie keinen Staat hatten, der für ihre Interessen eintrat», stellt die Historikerin und Politikwissenschaftlerin Susanne Heim in ihrem neuen Buch «Die Abschottung der Welt» fest.
Am Beispiel der Berlinerin Margot Kupfer wird nachvollziehbar, wie verrückt solche Fluchtwege verlaufen konnten. 1938 war die Siebzehnjährige bereits zu alt, um mit einem Kindertransport nach Grossbritannien ausreisen zu können. So emigrierte sie im Frühjahr 1939 mit einer zionistischen Jugendgruppe nach Polen und zog nach dem Überfall der Wehrmacht weiter nach Lemberg (Lwiw), wo sie heiratete. Das Paar wurde von den sowjetischen Behörden nach Jakutien, 7000 Kilometer östlich von Moskau, deportiert und musste bei winterlichen Tiefsttemperaturen zwangsweise arbeiten.
Nach ihrer Amnestierung reisten sie nach Taschkent im Süden, ohne zu wissen, dass in den von den Nazis eroberten Teilen der Sowjetunion bereits massenhaft Jüdinnen und Juden ermordet wurden. In Samarkand meldeten sie sich in der Anders-Armee, benannt nach dem polnischen General Władysław Anders. Als Soldat verkleidet, gelangte Margot Kupfer über das Kaspische Meer in den Iran. Von dort aus erreichte sie via Karatschi, Aden und Suez schliesslich Palästina.
Dieses Itinerar ist nur eine Facette einer globalen Fluchtgeschichte, die alle fünf Kontinente und alle Weltmeere umfasste. Sie begann mit der Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur im Frühjahr 1933. Von Anfang an wurden die 500 000 Jüdinnen und Juden, die damals in Deutschland lebten, verfolgt. Weitere 200 000 gerieten im März 1938 nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich unter deutsche Herrschaft. Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurde die schon zuvor praktizierte Entrechtung und Beraubung jüdischer Bürger:innen verschärft.
Gleichzeitig scheiterte im Krisenjahr 1938 eine von den USA initiierte, von 32 Staaten besuchte Flüchtlingskonferenz im noblen Évian am französischen Südufer des Lac Léman. Die Schweiz hatte sich gegen den zunächst vorgesehenen Konferenzstandort Genf zur Wehr gesetzt, was schlecht zu ihrem selbstdeklarierten humanitären Selbstbild passte, aber umso mehr politisch instrumentalisierte antisemitische Überfremdungsängste zum Ausdruck brachte. Auch in der Einführung des «J»-Stempels im Herbst 1938 manifestierte sich diese «schweizerische Abschreckungspolitik».
Grossräumige Odysseen
Im Herbst 1941 verbot Reichsführer SS Heinrich Himmler die Auswanderung der Jüdinnen und Juden aus dem nationalsozialistischen Machtbereich. Damit schlug die bisher offiziell praktizierte Vertreibungspolitik in die Vernichtung um. Bis zur Befreiung durch die Alliierten wurden sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet.
Den Holocaust immer vor Augen, richtet Heim ihre Aufmerksamkeit auf die niederschmetternde Entscheidungssituation von Jüdinnen und Juden. Die Nazis erklärten 1934, «Deutschland muss ihnen ein Land ohne Zukunft sein». Sollten sie vom Schlimmsten ausgehen und auswandern, wohin auch immer? Oder galt es nicht gerade umgekehrt zu bleiben, den Antisemitismus zu bekämpfen und die in einem langen Emanzipationskampf erstrittenen bürgerlichen Rechte zu verteidigen? Über neun Kapitel hinweg zeichnet Heim akribisch, mittels einer Vielzahl neu erschlossener Quellen, das Leben von Menschen nach, die sich unter Bedingungen extremer Unsicherheit und Gefährdung neu zu orientieren versuchten. Für viele endete die Verfolgung mit Gefangennahme, Verzweiflung und Suizid; anderen gelang es, ihren Häschern zu entkommen, sich durchzuschlagen und zu überleben.
Berichtet wird von grossräumigen Odysseen und vom hoffnungslosen Herumirren im Niemandsland zwischen den Grenzzäunen abweisender Staaten. Fluchtrouten führten in die Sowjetunion, nach Lateinamerika, Australien und Asien. Städte wie Istanbul oder Schanghai waren bekannte Destinationen. Der politische Zionismus sah sich ab 1936 mit einer britischen Mandatsmacht konfrontiert, die immer weniger aus Deutschland vertriebenen Jüdinnen und Juden erlaubte, in Palästina einzureisen. So wurden alternative «Heimstätten» wie Uganda/Kenia, Rhodesien, Madagaskar und Siedlungsprojekte in Guyana, der Dominikanischen Republik, auf den Philippinen und in Nordrhodesien ins Auge gefasst, aber aufgrund des Kriegsverlaufs und auch wegen Widerständen in den eigenen Reihen wieder aufgegeben.
Die Autorin gehört zu den profundesten Kenner:innen der nationalsozialistischen Herrschaft; seit den neunziger Jahren hat sie zur Bevölkerungspolitik, zur Wirtschaftsrationalisierung und zu den Gewaltpraktiken des Regimes geforscht und publiziert. Sie betont immer wieder den Zusammenhang zwischen Verfolgung und Beraubung und stimmt damit mit Götz Aly überein, ihrem früheren Koautor und langjährigen Forschungspartner. Dieser interpretiert in seinem 2025 erschienenen Buch «Wie konnte das geschehen?» den Holocaust als «Massenraubmord» und misst «materiell basierten Faktoren» sowie den «kleinen und grossen Mitprofiteuren des Verbrechens» eine zentrale Bedeutung bei.
Heim beschreibt detailliert die schockierende Veralltäglichung der Enteignung, in der behördliche Massnahmen und ungeregelte Ausplünderung der Jüdinnen und Juden ineinandergriffen. Die systematische «Arisierung» der Wirtschaft minderte den chronischen Devisenmangel der auf Hochtouren laufenden Kriegswirtschaft, und sie verhalf zugleich ganz normalen Leuten zu Gewinnen und Aufstiegsmöglichkeiten.
Vielfältige Initiativen von unten
Die Tatsache, dass die Verfolgten «weitgehend enteignet wurden, bevor sie das Land verliessen», verstärkte die Abwehrhaltung möglicher Zufluchtsländer und wirkte sich bis in die Nachkriegszeit aus. Ein Beispiel ist das deutsch-jüdische Ehepaar Berthold und Martha Nothmann, die ausser einem Teil ihrer Gemäldesammlung ihren gesamten Besitz verloren und fortan erzwungenermassen vom Verkauf einiger Bilder lebten. Dazu gehörte auch die «Landschaft» von Paul Cézanne, die über mehrere Zwischenstationen schliesslich vom Schweizer Waffenhändler Emil Georg Bührle gekauft wurde.
Heim weist immer wieder auf die enormen Leistungen jüdischer und weiterer Hilfsorganisationen hin. Über das schon seit 1914 aktive American Jewish Joint Distribution Committee hinaus entstand in den dreissiger Jahren eine grosse Zahl improvisierter Vereinigungen, Komitees und Zentren. Der Völkerbund, der im Herbst 1933 ein neues Hochkommissariat für Flüchtlinge gegründet hatte, unterstützte sie mehr schlecht als recht, scheiterte jedoch letztlich mit seinen Schutzbestrebungen. So hatten diese vielfältigen Initiativen von unten gewaltige Aufgaben zu lösen. Die wichtigen Hilfsorganisationen fanden wenig Anerkennung, sie wurden nicht auf internationale Konferenzen eingeladen und agierten in Ländern, die einer eng definierten und judenfeindlich imprägnierten Staatsräson folgten. Dauernd hatten sie dagegen anzukämpfen, dass flüchtende Menschen als finanzielle Last, als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, als unerwünschte Fremde wahrgenommen wurden; zudem galten Jüdinnen und Juden in Verkehrung der Kausalität als Ursache für Antisemitismus.
Susanne Heims spannend geschriebene Überblicksdarstellung einer Zeit, in der «die Juden vor verschlossenen Grenzen standen», ist einer universalistischen Perspektive verpflichtet. Die Autorin weiss um die Gegenwartsrelevanz ihrer Recherche, sie verzichtet jedoch auf kurzschlüssige Analogien. Am Schluss der Einleitung stellt sie fest, «die Flüchtlingshelfer von damals» würden heute «als mutige Helden geehrt und der Untergang von Flüchtlingsschiffen gilt als Staatsversagen oder gar als Folge eines grausamen Zynismus». Mit Blick auf die unmittelbare Gegenwart stellt sie die Frage: «Wie werden Historiker:innen künftiger Generationen über die heutige Migrationspolitik urteilen?» Der Titel des Epilogs des Buches gibt darauf eine Antwort: «Rettung ist nachrangig – bis zuletzt».
Susanne Heim: «Die Abschottung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen 1933–1945». C. H. Beck. München 2026. 384 Seiten.
Jakob Tanner ist emeritierter Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Er war Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission zur Untersuchung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.