Kost und Logis : Gezügeltes Chaos
Karin Hoffsten über grosse Veränderungen
Wer das Verb «umziehen» googelt, findet schon beim ersten Treffer eine Verknüpfung mit dem Adjektiv «entspannt», was darauf hindeutet, dass diese Handlung in den meisten Fällen völlig gegenteilig verläuft – nämlich komplett unentspannt.
Ich weiss, wovon ich spreche, denn ich bin gerade umgezogen. Oder gezügelt – daran musste ich mich einst gewöhnen. Zügeln musste ich nun vor allem meine Furcht vor dem Chaos, was nur gelang, weil mich professionelle Unterstützung vor einem Nervenzusammenbruch bewahrte.
Jetzt sitze ich in einer neuen Wohnung, in der wirklich alles neu ist, da sie in einem Neubau liegt. Der steht in der Stadt Zürich, die Wohnung ist hell, gross und genauso schweineteuer, wie man es derzeit überall hört und liest. Und es ist ein grosses Glück, dass wir sie bekommen haben. Aber das unleidige Thema will ich jetzt hier nicht vertiefen.
Die neue Wohnung gibt mir auch gerne neue Rätsel auf. Zum Beispiel in der Küche. Mit 169 Zentimetern bin ich von durchschnittlicher Grösse, aber vor diesen Oberschränken schrumpfe ich. Von insgesamt vier Schrankfächern erreiche ich mit ausgestreckten Armen gerade mal das zweite von unten, muss also sämtliches Geschirr in zwei Fächern unterbringen. Die oberen sind vermutlich für Basketballer:innen gedacht oder für Waren, die man höchstens einmal im Jahr braucht. Ich erwäge, eine Stange mit verschiebbarer Bibliotheksleiter installieren zu lassen.
Die Wohnung als Ganzes verhält sich genau umgekehrt. Schien sie bei der Erstbesichtigung noch ausserordentlich weitläufig, wird sie mit jedem eingeräumten Gegenstand kleiner. Da am alten Ort – im Kopf immer noch «zu Hause» – noch einiges darauf wartet, ebenfalls gezügelt zu werden, wird sie vermutlich am Ende zum Tiny House geworden sein.
Apropos zu Hause: Noch fühlt sich das Leben an wie in einem unaufgeräumten Hotelzimmer, an dem aber nie jemand klopft und «Housekeeping» ruft und in dem ich den ganzen Tag mit Suchen beschäftigt bin. Noch ist keine Bewegung automatisiert, der Inhalt keines Schrankfachs verinnerlicht. Dafür gibts ständig Überraschungen, weil unerwartet lang Vermisstes auftaucht.
In all dem Neuen bin ich den Zügelleuten aber ausserordentlich dankbar, dass sie bereit waren, meine Schreibtischkorpusse mit vollen Schubladen zu transportieren. So öffnen sich jetzt mitten im Unbekannten kleine vertraute Chaosinseln, die Spuren von Heimatgefühl wecken.
Nun will es ja der Zufall, dass sich in dieser Zeitung gerade Ähnliches begibt: Sie zieht um in ein neues Layout und wird ab nächster Woche neue Räume mit neuen Inhalten füllen. Und in diesen neuen Räumen müssen sich dann nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, zurechtfinden. Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass wir uns auch darin bald ganz zu Hause fühlen werden!
Mit diesem Text verabschiedet Karin Hoffsten die Kolumne «Kost & Logis», deren Themen künftig im neuen Ressort Gesellschaft Platz finden werden.