Kunst : Ein Bankett für Mensch, Tier und Pflanze
Bei der zweiten Wiener Klimabiennale verharrt noch vieles im Modus der Recherche und des Warnens.
7000 Eichen. Als Joseph Beuys 1982, zur Documenta 7, seine berühmte Aktion lancierte, bei der Bäume jeweils zusammen mit einem Basaltstein überall in Kassel gepflanzt wurden, stand nicht nur die Kunstwelt kopf. «Scharlatan» war noch der mildeste Vorwurf gegen den Guru der Sozialen Plastik. Heute gilt «7000 Eichen» als exemplarische Arbeit zur ökologischen Verantwortung der Kunst. Die Pariser Exbürgermeisterin Anne Hidalgo muss Beuys’ Motto «Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung» im Hinterkopf gehabt haben, als sie den Platz vor ihrem Rathaus entsiegeln und einen Stadtwald darauf anlegen liess.
Eine Aktion von ähnlicher Durchschlagskraft hat die Kunstwelt bislang nicht schaffen können, obwohl sie sich inzwischen «Sustainability» auf alle Fahnen schreibt. Jüngstes Beispiel: der auf den Rücken gelegte Wal, das kaputte Boot und der entwurzelte Baum vergangene Woche auf einem künstlichen Stadtstrand auf dem Wiener Karlsplatz. Die Installation, ein durch Pia Siréns künstliche Palme variiertes Reenactment einer Aktion der Performancekünstlerin Margot Pilz von 1982 zum Massentourismus, gab zwar einen Blickfang für die Eröffnung der dortigen «Klima Biennale» ab. Ein Fanal für eine ökologische Zeitenwende war das dystopische Ensemble aber nicht.
Zu Grabe getragen
Ironie entwickelte immerhin der lehmfarbene Luxus-SUV, den die Künstlerin Folke Köbberling aus dem kompostierbaren Materialmix Jute, Weizen, Lehm und Altpapier nachgebaut und an einer Kreuzung aufgestellt hatte. Im Laufe der vierwöchigen Biennale zersetzt sich die Skulptur. Das ästhetische Derivat eines der wichtigsten Treibhauseffektbeschleuniger kann dann rückstandsfrei zu Grabe getragen werden.
Seit 2024 leistet sich die Stadt Wien die weltweit erste explizite Klimabiennale. Kritiker:innen, die darin eine Instrumentalisierung, gar Pädagogisierung der Kunst oder raffiniertes Greenwashing des Stadtmarketings wittern, ist entgegenzuhalten, dass kaum etwas Künstler:innen mehr umtreibt als die Gefährdung des Planeten durch gewaltausübende Naturbeherrschung. Ein Forum für die ästhetischen Anstrengungen rund um die Schicksalsfrage der Menschheit schlechthin war mehr als überfällig. Man wundert sich, warum es nicht längst eine «grüne» Documenta in Kassel gab.
Das Problem beim Wiener Klimacoup ist nur, dass die Stadt sich so schwer damit tut, etwas Attraktives aus der plausiblen Idee zu machen. Trotz eines Etats von eineinhalb Millionen Euro war vor zwei Jahren wenig gute Kunst zu sehen. In der von Sophie Haslinger, der künftigen Chefin des Winterthurer Fotomuseums, kuratierten Zentralausstellung der zweiten, finanziell und zeitlich gestrafften Biennale diskutieren derzeit dreizehn Werke «Samen» als «Spiegel unseres Verhältnisses zur Erde» und als «Schlüsselakteur» einer neuen Zukunft. Sieht man einmal von den gratis verteilten Tüten mit Bauerngartensamen ab, bleibt dieser Baustein des Lebens aber keimfrei in der Festivalzentrale Kunsthaus Wien. Was für ein Happening hätte wohl Beuys, der Sämann der direkten Demokratie, aus dieser Metapher gemacht?
Vieles bei dieser Biennale verharrt im Modus der Recherche, des Warnens, des diskursiven Immergleichen, wie der «Klima-Gipfel» diese Woche mit Luisa Neubauer. Absichtslose Ästhetik ist im Dickicht der «Immediate Matters»-Workshops Mangelware. Einen der wenigen Aha-Momente liefert Superflux’ Installation «Refuge for Resurgence» im Weltmuseum. Das Londoner Designstudio hat ein Setting aus wiederverwertetem Müll für ein Bankett in der Ära des Postanthropozäns entworfen. Da speisen Menschen, Tiere und Pflanzen nebeneinander am selben Tisch. In der einprägsamen Arbeit wird Kuratorin Sithara Pathiranas Biennaletitel «Unspeakable Worlds» sinnfällig: Zukunftsszenarien, die Sprache noch nicht formulieren, Kunst aber erahnen kann. Das Bild eines neuen, symbiotischen Verhältnisses von Mensch und Natur ist freilich auch ohne Biennale zu haben. In den Prunkräumen der imperialen Habsburgerresidenz Albertina hängt seit Jahrzehnten Hieronymus Boschs berühmteste Zeichnung «Der Baummensch» (1505), die ein gigantisches Hybridwesen aus Baum und Mensch zeigt.
Ohne Extraktivismus gehts nicht
Etwas diffus bleibt die Selbstreflexion. Bekanntlich sind selbst kritische Biennalen, diese Formate intensivierter Mobilität, Teil des Problems, das sie beklagen. Ob die Selbstverpflichtung der Klimabiennale auf Ökostandards (Velotouren, recyclebare Ausstellungsmaterialien, weniger Flugreisen) greift, müsste eine Ökobilanz ausweisen. Ganz dürfte ihr ökologischer Fussabdruck aber nicht verschwinden. Was nicht den Verzicht auf Biennalen bedeuten muss.
Kein Modell der Wissensproduktion funktioniert ganz ohne den Extraktivismus, dem Felix Lenz mit seinem Essayfilm «Brute Force» über die Salzwüsten in Utah und Kalifornien im Museum für angewandte Kunst eine Elegie widmet. Dieser unausweichliche Stoffwechsel wäre freilich reziprok zu gestalten: Verbrauchte Ressourcen müssten kompensiert werden – so wie vielerorts jetzt schon neu versiegelte Flächen mit Renaturierung. Welche gern auch künstlerische Form das in Wien haben könnte, wäre ein schönes Thema für die – hoffentlich – dritte Klimabiennale 2028.