Literatur/Sachbuch : Rausch hat ein Geschlecht
Männer konsumieren mehr Drogen als Frauen und gehen dabei mehr Risiken ein. Auch Dealer:innen sind meist männlich. Berauschte Frauen in der Öffentlichkeit gelten auch heute noch als peinlich(er). Das zeigt sich etwa beim Blick auf Magazincover: Während konsumierende Männer als attraktiv-verrucht inszeniert werden, überwiegt bei Frauen die Schande – besonders wenn sie Mütter sind wie etwa Britney Spears oder Angelina Jolie. Dass der Umgang mit Rauschzuständen nicht geschlechtsneutral ist, liegt auf der Hand – doch warum gibt es so wenig Literatur darüber?
Der Sammelband «Gender und Rausch», herausgegeben von der Plattform Kulturpublizistik der Zürcher Hochschule der Künste, möchte hier Abhilfe schaffen. Das schön gestaltete Buch vereint eine grosse Vielfalt: Fotos, Comics, Interviews, Porträts, Sach- und literarische Texte. Es geht um die Frage, was gendersensible Drogenpolitik sein könnte, um Sex und Rausch, Drogen und Kunst, Drugchecking oder die erwähnten Magazincover. Die Künstlerin Veronika Minder Grossenbacher erzählt von ihren Rauscherfahrungen seit der Hippiezeit, die Walliser Politikerin Silvia Eyer von ihrer früheren Heroinsucht, die Psychedelikspezialistin Susanne G. Seiler beschreibt das Therapiepotenzial von LSD und Co. In den überwiegend von Frauen geschriebenen literarischen Texten ist der Rausch manchmal befreiend, öfter aber beeinträchtigen Angst, Scham und Übergriffe die guten Gefühle – die Gefahr von K.-o.-Tropfen bleibt ständig im Hinterkopf.
Zwar kommen zwei trans Frauen (darunter die ravende Intellektuelle McKenzie Wark) und eine nonbinäre Person zu Wort, doch trans Männer fehlen, und auch cis männliche Perspektiven kommen im Buch nur spärlich vor. Das ist schade. Auch weil man sich beim Lesen einer der Ausnahmen, der traurigen Kurzgeschichte «Ruinen» von Samuele Enea Bortot, unwillkürlich fragt: Hat die geschwätzige Sprachlosigkeit dieser koksenden Männerrunde etwas zu tun mit den Übergriffen, die viele Frauen im Buch beschreiben?