Sachbuch : Ohne Wachstum kein Sozialstaat?

Nr. 16 –

Buchcover von «Ende oder Renaissance sozialistischer Utopien? Von Engels’ ‹Anti-Dühring› zum Epochenbruch am Ende des Zeitalters der Erschöpfung»
Joachim Bischoff: «Ende oder Renaissance sozialistischer Utopien? Von Engels’ ‹Anti-Dühring› zum Epochenbruch am Ende des Zeitalters der Erschöpfung». VSA Verlag. Hamburg 2025. 256 Seiten.

Joachim Bischoff liest der Linken die Leviten: Die Gründe für den Zusammenbruch des Staatssozialismus habe sie immer noch nicht begriffen – und auf die rasanten Veränderungen des Kapitalismus heute vermöge sie sich keinen Reim zu machen. Die harsche Kritik entspricht dem Anspruch seines neuen Buches: Der Politologe versucht, den Bogen zu schlagen von Karl Marx und Friedrich Engels – heute meist entweder verkannt oder vergessen – zu den Schwierigkeiten, in denen die Linke aktuell politisch und intellektuell steckt.

In der überambitionierten Arbeit wird vieles nur angetippt. Die Finanzmärkte, die Globalisierung, die gegenwärtige säkulare Stagnation, die Epochenbrüche lassen sich allerdings weder mit der Redensart von der «Polykrise» zureichend erfassen noch mit einer leichtfüssigen Tour d’Horizon durch die Zeitläufte. Apokalyptische Vorstellungen vom nahenden Ende des Kapitalismus oder der Demokratie hält Bischoff jedenfalls für wenig überzeugend.

Das Buch bietet kenntnisreiche Exkurse zu Marx und Engels: So kommentiert Bischoff Marx’ «Kritik des Gothaer Programms» und zeigt, wie sehr dieser Text mit der Theorie des Arbeitslohns zusammenhängt – etwas, was Marx’ Anhänger:innen damals kaum verstanden hätten. Engels’ einflussreichste Schrift, der «Anti-Dühring», erfährt auch eine Ehrenrettung: Die Polemik, zu der Engels von anderen gedrängt wurde, zwang ihn, sich auf vielfältige Terrains zu begeben und seine und Marx’ kritische Theorie zu erweitern. So ganz veraltet, wie die 68er-Linke fand, sei Engels nicht, so Bischoff.

Die sozialistischen Utopien, die im Titel genannt werden, kommen nicht gut weg – jedenfalls diejenigen, die im Moment im Schwange sind, wie etwa die Vision einer Postwachstumsgesellschaft. Damit sei kein Sozialstaat zu machen, jedenfalls nicht einer, der nach Ansicht Bischoffs der Agenda einer sozialistischen Linken entspräche.