Schweizer Linke : Ein perfekter Parlamentarier

Nr. 16 –

Der Journalist Urs Buess blickt in seiner Biografie über Andreas Herczog aus den Perspektiven vieler Weggefährt:innen auf die bewegten Jahre nach dem Aufbruch von 1968.

«Er liebte die Rolle als Nationalrat und spielte sie gut», sagt eine ehemalige Lebensgefährtin. «Für ihn war Politik ein Stück weit Schauspiel», bestätigt eine andere Zeitgenossin. Das ist nicht negativ gemeint. Das Spiel war (politisch) ernst. Andreas Herczog (1947–2021) hat in der Schweizer Politik als geschickter Taktiker und Brückenbauer einiges erreicht. Nach Anfängen am linken politischen Rand profilierte sich der ausgebildete Architekt ab 1979 als Nationalrat – zuerst für die Poch, dann für die SP – in Militärfragen, vor allem aber bei der Raumplanung und in der Verkehrspolitik. Zugleich plante er mit seinem Architekturbüro früh die Umnutzung von Industriebrachen.

Herczog war in mehrfacher Hinsicht ein Aussenseiter, der in die (linke) Mitte der Gesellschaft vorstiess. 1956 als Neunjähriger mit seinen Eltern aus Ungarn nach Liestal geflüchtet, erlebte er bis zum Schluss chauvinistische Vorbehalte. Während 25 Jahren in einer linken Kleinpartei blieb sein Einfluss beschränkt, bis er zur SP wechselte. In späterer Zeit beschäftigte er sich zunehmend mit seiner jüdischen Herkunft, die er zuvor kaum thematisiert hatte. Herczog starb 2021 an den Folgen einer Covid-Erkrankung.

Nun hat der Journalist Urs Buess über Herczog eine Biografie vorgelegt oder, genauer, eine «Zeitreise durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts». Denn hier reden 24 Zeitgenossen:innen über Herczog und dabei auch über sich und ihre Rolle im politischen und sozialen Schauspiel. Buess liefert zu den teilweise thematisch zusammengeführten Gesprächen eine knappe Einleitung, dann folgt viel direkte Rede, von der Schulkameradin bis zum Exbundesrat, vom Poch-Zentralsekretär über die SP-Nationalratskollegin bis zum Büropartner. Diese Oral History liest sich flüssig, zuweilen süffig.

Aushängeschild und Einzelkämpfer

Dokumentiert werden in diesem Buch auch die 68er-Generation und ihr Aufbruch. Während in Zürich 1968 auf der Strasse Scharmützel ausgetragen wurden und sich die Szene bald in mehr oder weniger revolutionär gesinnte Splittergruppen verzettelte, ging es in Basel gesitteter, letztlich wirkungsvoller zu. Sitzblockaden gegen eine Erhöhung der Trambillettpreise im Juli 1969 führten zur Bildung der Progressiven Organisationen Basel (POB). Diese konnten sich in den folgenden Jahren als Progressive Organisationen Schweiz (Poch) in etlichen Regionen der Deutschschweiz etablieren. Zürich zum Beispiel wurde von Basel aus durch POB-Kader geradezu kolonisiert. Die Poch, so wird im Buch deutlich, waren die erste Bewegung der 68er links von der SP mit wahrnehmbarer Wirkung.

Zu Beginn versuchten die Poch den Spagat zwischen Kaderpartei und Bewegungspolitik. Zeitgenössische Texte und Einschätzungen von damals sind heute kaum mehr nachvollziehbar: das Revolutionsgebaren oder die Debatten um die «Generallinie» zwischen den Blöcken im Kalten Krieg. Es war die Zeit, um die sich auch Andreas Herczogs Politisierung vollzog, während seines Studiums an der ETH Zürich. Dort lehrte der charismatische Lucius Burckhardt, der Architektur ganzheitlich immer auch als «Entwurf von Gesellschaft» begriff. Als Mitglied einer Progressiven Planungsgruppe geriet Herczog ins Poch-Umfeld.

Dort profilierte er sich bald als glänzender öffentlicher Redner. Von den gröbsten Theoriediskussionen hielt er sich fern, trug dennoch die Parteilinie mit. Schon früh setzten die Poch auch auf die parlamentarische Mitarbeit. Herczog wurde zu ihrem Aushängeschild: 1974 Gemeinderat der Stadt Zürich, 1975 Zürcher Kantonsrat und dann 1979 Nationalrat. Dort blieb er zumeist Einzelkämpfer, vor allem, als 1983 die Kräfte links der SP ihre Fraktionsstärke verloren. Einmal störte er den herrschenden «Burgfrieden», als er 1982 gegen die Wahl von Rudolf Friedrich (FDP) zum Bundesrat auftrat. Herczog habe als Poch-Nationalrat bald gemerkt, «wie bedeutungslos er da war», erinnert sich sein Architekturbüropartner Ernst Hubeli.

Gleichzeitig waren die Poch aber wichtig als Ferment für neue Ideen, mit Initiativen und Referenden, teils lokal, teils schweizweit: Gratistram, Lehrlingsinitiative, Vierzigstundenwoche, lokale Gesundheitszentren, Kampf dem Autoverkehr. Manches liegt noch heute als Idee da, die sich wieder aufgreifen liesse. Doch nach zwei Jahrzehnten waren Energie und Politikformen verpufft, 1990 wurden die Poch aufgelöst. Für Herczog stellte sich die Frage: Was nun – Grün oder Rot? In manchem hätten die Grünen ihm mehr entsprochen, aber die SP bot, wie er offen eingestand, die besseren politischen und persönlichen Erfolgsaussichten.

Jetzt konnte er seine Fähigkeiten entfalten, als virtuoser Taktiker, als «perfekter Parlamentarier». In der Verkehrspolitik trug er als politischer Brückenbauer dazu bei, dass die Neue Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) beschlossen und verwirklicht wurde. Auch sonst unterstützte er die Verkehrspolitik von Bundesrat Moritz Leuenberger effizient.

1999 trat Herczog nach zwanzig Jahren aus dem Nationalrat zurück. Er wurde in die Schiedskommission im Eisenbahnverkehr gewählt, die den Verkehr mit der EU zu verantworten hatte und in der er zehn Jahre lang zuverlässig wirkte. Ein letztes öffentliches Engagement stellte 2014 sein Einsatz für das kantonalzürcherische Raumplanungsgesetz sowie für Projekte für eine energetisch nachhaltige Siedlungsentwicklung dar.

Ein homogenes Milieu

Neben der Tätigkeit als Nationalrat arbeitete Herczog zumeist mit einem halben Pensum als Architekt. Zusammen mit Ernst Hubeli entdeckte er früh die Chance und die Notwendigkeit, aufgegebene Industrieanlagen neu zu beleben. So entwarfen sie einen Gestaltungsplan fürs Zürcher Steinfels-Areal. Ins Projekt stieg 1994 auch der spätere Stadtpräsident Elmar Ledergerber ein, doch wurde das Areal schliesslich an die Rentenanstalt verkauft. Noch frustrierender endete das Projekt für eine multifunktionale soziale Umnutzung der ehemaligen Toni-Molkerei. Eine Immobilienfirma reduzierte es zuletzt auf die blosse Hülle für die Zürcher Hochschule der Künste. Einzig die verkehrsberuhigte Güterstrasse im Basler Gundeldinger Quartier weist die Handschrift des Büros Hubeli/Herczog stärker aus.

Durchgehend werden im Buch von Buess Herczogs Verbindlichkeit und Zuvorkommenheit, auch Herzlichkeit erwähnt. Ehemalige Lebenspartnerinnen benennen eine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Sie «habe immer wieder gestaunt, wie wenig das öffentliche Wirken sein privates Leben beeinträchtigte», meint seine hinterbliebene Partnerin. Für Herczog selbst spielte Kultur eine wichtige Rolle, er war ein unermüdlicher Leser und ein Kinofan. 1968 als Kulturrevolution bleibt aber in den Aussagen seiner Zeitgenoss:innen erstaunlich blass.

In Buess’ Geschichtsschreibung dominieren Politbekanntschaften, entsprechend auch die Politik. Das Milieu ist politisch einigermassen homogen, ein paar Stimmen von aussen hätte es durchaus vertragen, gerade bei Herczog, der Brücken baute. So oft der spöttische Vorwurf vom «Marsch durch die Institutionen» gegenüber ehemaligen Radikalen geäussert wird: Das Beispiel von Andreas Herczog zeigt, dass er eine valable Form der politischen Mitwirkung darstellt.

Buchcover von «Der 68er im Aussendienst. Andreas Herczog und der linke Aufbruch»
Urs Buess: «Der 68er im Aussendienst. Andreas Herczog und der linke Aufbruch». Chronos Verlag. Zürich 2025. 228 Seiten.