Angriff auf die Junta in Mali : Die Zerreissprobe
Der Verteidigungsminister tot, der Präsident untergetaucht: Die Attacke bewaffneter Gruppen in Mali ist eine Warnung für alle Militärregimes der Region.
Der Mann kommt ins Stottern, während er die Szene kommentiert, die er mit seinem Handy filmt. Auf einer Strasse, die mit rotem Sand bedeckt ist, rollen Dutzende Motorräder vorbei. Darauf sitzen Männer mit Turbanen und Sturmgewehren. Jeeps mit schwerem Geschütz folgen. «Dschihadisten in Kati», stammelt der Mann, «Dschihadisten.» Die Szene ist der Auftakt zur vielleicht schwersten Niederlage, die Malis Militärregierung bisher einstecken musste. Sie zeigt auch, dass sich im Sahel mit dem neuen Partner Russland nicht alles wie durch ein Wunder zum Guten wendet.
Am Samstagmorgen drangen Mitglieder der «Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime» (JNIM), einer Terrormiliz mit Verbindungen zu al-Kaida, in Kati ein. Der Ort am Rand der Hauptstadt Bamako ist das Machtzentrum der Militärs. Den Dschihadisten gelang es, Verteidigungsminister Sadio Camara mit einer Autobombe zu töten. Auch Geheimdienstchef Modibo Koné wurde offenbar getötet, Generalstabschef Oumar Diarra verletzt. Sie versuchen auch, Juntachef Assimi Goïta zu erwischen. In den Tagen nach der Attacke trat er nicht öffentlich auf, was Gerüchte befeuerte. Angeblich, so hiess es, habe er sich verschanzt – beschützt von türkischen Söldnern, nicht von russischen, denen er nicht mehr traue.
Maximale militärische Härte
Allein der Schlag in Kati ist ein Debakel für Bamako und Moskau. Doch die Angreifer nahmen sich nicht nur die Spitze des Regimes vor. Die JNIM schloss sich für eine gross angelegte Offensive mit den Tuareg-Rebellen des FLA zusammen, um im ganzen Land zuzuschlagen. Erstmals gingen die beiden Gruppen derart konzertiert vor. Im Zentrum Malis gelang es ihnen, Teile der Stadt Mopti einzunehmen; im Norden überrannten sie das symbolträchtige Kidal. Ein FLA-Sprecher verkündete, sie liessen die überlebenden Russen, die sich in eine Militärbasis zurückgezogen hatten, jetzt abziehen. Damit sind einige der grössten militärischen Erfolge der Junta dahin.
Bis 2020 versuchte noch eine zivile Regierung, mit Unterstützung von Partnern aus Europa und der Uno die seit 2012 anhaltende Sicherheitskrise zu lösen. Diese Allianz setzte darauf, die Tuareg, die sich marginalisiert fühlten, mit einem Friedensvertrag zu besänftigen. Und sie wollte die Zivilbevölkerung vor Angriffen der Dschihadisten schützen. Was nicht gelang, weil jene Probleme nicht gelöst wurden, die bewaffneten Gruppen die Rekrutierung so leicht machen: mangelnde Staatlichkeit und die ökonomische Perspektivlosigkeit ganzer Generationen.
Nach Massenprotesten stürzten 2020 Soldaten um Goïta den Präsidenten, scheuchten Europäer und die Uno-Mission aus dem Land. Verteidigungsminister Camara, praktisch von Anfang an dabei, setzte auf eine enge Kooperation mit Russland und liess den Friedensvertrag mit den Tuareg de facto auslaufen – eine Strategie maximaler militärischer Härte. Ein Gegenentwurf zur zaghaften Uno.
Viele Malier:innen sahen wirklich Fortschritte. Obwohl vor allem den russischen Söldnern schwere Menschenrechtsverbrechen vorgeworfen wurden, feierten Juntaunterstützer:innen, dass die Streitkräfte nun endlich in die Offensive gingen. Ein Höhepunkt: 2023 waren es die malische Armee und ihre russischen Partner, die erstmals seit Beginn der Krise Kidal erobern konnten, die Hochburg der Tuareg. Nun ist die Stadt wieder verloren. Offensichtlich überschätzte Camara die Stärke seiner Streitkräfte und der russischen Söldner, als er es auf einen Zwei-Fronten-Krieg mit Dschihadisten und Tuareg ankommen liess.
Im September begann die JNIM zunächst, Treibstofflieferungen auf dem Weg nach Bamako anzugreifen. Die Strom- und Energieversorgung der Millionenstadt brach für Monate zusammen. Der malischen Armee gelang es Ende Dezember mit russischer Hilfe, die Blockade zu durchbrechen – doch der Erfolg hatte seinen Preis. Um die Versorgungsrouten zu sichern, mussten Personal und Gerät aus anderen Regionen abgezogen werden. Eine Schwäche, die JNIM und FLA nun offensichtlich ausnutzen konnten.
Rückhalt noch zu stark
Trotz der dramatischen Offensive ist eine Machtübernahme unwahrscheinlich. Die Gruppen verfügen nur über ein paar Tausend Kämpfer, können kein ganzes Land kontrollieren. Doch sie haben bewiesen, dass selbst die Spitze des Staates nicht mehr sicher ist. Vor allem nach dem Tod Camaras, der als Moskaus Mann in Bamako galt, dürfte es für die Junta nun auch naheliegen, die Kooperation mit Russland neu zu bewerten. Eine Zerreissprobe.
Bei alledem geht es nicht nur um Mali. Das Land gilt für bewaffnete Gruppen seit jeher als Experimentierfeld. Strategien, die sich als erfolgreich erwiesen hatten, kamen später auch in den Nachbarstaaten zum Einsatz – in Burkina Faso und Niger, wo ebenfalls Militärs regieren.
Die Offensive markiert zwar noch nicht den Anfang vom Ende der Herrschaft der Militärs im Sahel. Dafür ist ihr Rückhalt in der Bevölkerung zu stark, die Angst vor dem, was auf sie folgen könnte, zu gross. Doch sie ist eine Warnung – nicht nur für die Junta in Mali. Tun die Soldaten im Sahel nicht mehr gegen die Ursachen von Terror und Rebellion, werden sie ihre Länder nie wieder unter Kontrolle bekommen. ●