Antirassismus in Frankreich : Christian Mahieux gibt Kontra

Nr. 18 –

Engagiert gegen rechts: Eine Begegnung mit einer der Schlüsselfiguren der jüngeren französischen Gewerkschaftsgeschichte.

Als Christian Mahieux an einem sonnigen Frühlingstag auf einer Pariser Caféterrasse erzählt, womit er sich so die Zeit vertreibt, klingt das ganz und gar nicht nach einem geruhsamen Rentnerleben, sondern nach einem Vollzeitjob. Er streicht durch seine langen grauen Haare und lacht: «Ich nenne es Bereitschaftsdienst für die Gewerkschaft.»

2013 pensioniert, koordiniert Mahieux seither Aktivitäten für Solidaires, einen Zusammenschluss kleiner Gewerkschaften, die sich als besonders links, basisdemokratisch und kapitalismuskritisch definieren. Dazu betreut er die Herausgabe der Gewerkschaftszeitung «Les Utopiques», leitet Weiterbildungsseminare und kümmert sich um Beziehungen zu Kolleg:innen aus anderen Ländern, gerade wenn Megaevents wie der G7-Gipfel im Juni anstehen.

Mahieux ist eine Schlüsselfigur der jüngeren französischen Gewerkschaftsgeschichte. Über 37 Jahre lang arbeitete er an der Gare de Lyon, verkaufte Billette im Reisezentrum und wechselte schliesslich in die Verwaltung der SNCF.

Schon mit zwanzig Jahren tritt er dem Gewerkschaftsbund CFDT bei, zu dem auch die Eisenbahnergewerkschaften gehören. Diese haben in Frankreich traditionell grosses Gewicht, weil sie in der Lage sind, das Land tage- oder wochenlang stillzulegen. So wie im November 2007 – um eine vom damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy angeschobene Rentenreform zu stoppen.

Nickelbrille, Bart und T-Shirt

Wegen seiner tragenden Rolle in diesem Streik steht Mahieux plötzlich in der Öffentlichkeit, wird wegen seiner unkonventionellen, flapsigen Art gerne von TV-Kameras begleitet. Unvergessen ist ein Auftritt von 2009, da sitzt er zur Hauptsendezeit in einem silberglänzenden TV-Studio, mit Nickelbrille, Bart und einem T-Shirt mit der Aufschrift «Der Kapitalismus stürzt nicht von allein – helfen wir ihm!». Der bekannte Entertainer Thierry Ardisson stellt ihn als jenen Mann vor, bei dem man «Lust bekommt, ihn zu töten, wenn man morgens elendig lang auf den Zug wartet». Mahieux schmunzelt und gibt Kontra. Doch die Bühne – das spürt man – ist nicht sein Ort. Seinen Platz sieht er im Kollektiv, in der Gemeinschaft, auf der Strasse.

Das erste Mal, so erzählt es Mahieux im Café, protestiert er bereits als Jugendlicher, 1973, als in Frankreich eine Militärreform die Rechte von Wehrdienstleistenden beschränken soll. Von Beginn an sei es aber nicht nur die Verbesserung von Arbeitsbedingungen gewesen, die ihn auf die Strasse gebracht habe: «In diesen Jahren gab es viele rassistische Gewalttaten gegen Menschen aus Maghrebstaaten, rechte Gruppen formierten sich in der politischen Landschaft. Für mich war der Kampf gegen rechts von Anfang an Teil meines gewerkschaftlichen Engagements.» Einen anderen politisierenden Moment erlebt er 1986, als Polizisten den 22-jährigen Malik Oussekine bei einem Student:innenprotest töten und Mahieux an Aufmärschen teilnimmt.

Als die Linke unter François Mitterrand in den achtziger Jahren die Macht übernimmt, keimt die Hoffnung auf ein besseres gesellschaftliches Klima. Doch auch wenn zunächst 130 000 illegalisierte Menschen Papiere bekommen, werden die Einreise- und Aufenthaltsbedingungen verschärft. Selbst in von Kommunist:innen geführten Gemeinden werden Unterkünfte für Migrant:innen bekämpft, weil man den Unmut der Arbeiter:innen fürchtet. Ein mitunter vergessenes Kapitel der achtziger Jahre.

Vorbereitung auf den RN

Auch heute beschäftigt Mahieux der kollektive Umgang mit Migration. Der Rassemblement National (RN) sei nun so stark, dass in der Bewegung auch RN-Wähler:innen zu finden seien. «Wir können sie nicht ausschliessen, sonst wären wir weitaus weniger bei Streiks und Demos.» Zudem liege in den dortigen Begegnungen die Chance für Gespräche und Aufklärungsarbeit, auch zu den Themen Einwanderung und Rassismus. «Hätte es während der nationalen Streiks letztes Jahr Wahlen gegeben, bin ich sicher, der RN hätte schlechter abgeschnitten.» In diesen «kollektiven Momenten», zu denen auch die Gilets-jaunes-Bewegung 2018/19 zähle, hätten es die Rechten nie geschafft, die Bewegung zu kapern, weil die Gewerkschaften präsent gewesen seien.

Heute müssten sie sich auf das Worst-Case-Szenario vorbereiten, darauf, dass der RN im kommenden Jahr die Macht übernehmen könnte. Der Austausch mit argentinischen und italienischen Gewerkschafter:innen helfe dabei. «Wir wollen nicht, dass unsere Anhänger:innen denken, da sei nichts mehr zu machen.» Es gelte, die Präsenz auf lokaler Ebene zu stärken, aufzuzeigen, wie wenig die Rechten für den sozialen Fortschritt tun würden.

Mahieux trägt noch immer T-Shirts mit Botschaften. «Antikolonialistisch-antirassistisch» heisst sie heute, im Pariser Frühlingserwachen. Es ist kein blosser Spruch, sondern Ausdruck eines Widerstands, der tief in seinem Inneren steckt. ●