Aus der Küche des Wahnsinns : Auf der faulen Haut

Nr. 18 –

Karin Hoffsten über Lifestylefantasien beim Arbeitgeberverband

Ehrlich gesagt, komme ich ja nicht mehr hinterher, wenn es um die wichtige volkswirtschaftliche Frage geht: Wer sind die Faulsten hier im Land? Eben war das noch die Generation Z (das sind die Jahrgänge 1995 bis 2010), die bei Schulaustritt als «nicht berufsbereit» galt und lieber ungebunden und umweltbewusst lebt, statt sich im Berufsalltag aufzureiben.

Jetzt hat der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) entdeckt, dass die Faulenzerei der Leute über fünfzig das Land zugrunde richtet: «Lifestyle-Teilzeiter» seien das, weil sie ihr Pensum reduzieren, um mehr Freizeit zu haben. Was sie in dieser Freizeit treiben, wurde nicht erhoben: Ob sie am Pool rumhängen, Tennis spielen oder Enkel hüten, weiss kein Mensch.

Das im Inland «ungenutzte Arbeitskräftepotenzial» entspreche 86 000 Vollzeitstellen, sagte der SAV-Chefökonom der «SonntagsZeitung». Und will uns damit vielleicht schon für die 10-Millionen-Initiative der SVP anwärmen, denn irgendjemand müsste diese Stellen ja besetzen.

Sehr viele Teilzeitpensen gibt es in der Pflegebranche. Es sei «ein Beruf, den man fast nicht 100 Prozent ausüben kann», sagt eine Pflegefachfrau im selben Artikel, und zwar nicht, weil Pflegefachleute intensiven Hobbys frönten. Nach dem Dienst liegen sie flach: «In den Spitzen mit vielen Notfällen rennt und rennt und rennt man nur. Auch die Schichtarbeit und die unregelmässigen Dienstpläne machen einen kaputt.»

War da nicht noch was? Die «Pflegeinitiative»? Die 2021 mit 61 Prozent Ja-Stimmen von Volk und Ständen (auch auf dem Land sind Pflegekräfte erschöpft!) angenommen wurde? Seit fünf Jahren verlangt Artikel 117b der Bundesverfassung: eine bessere Ausbildung, genügend diplomierte Pflegefachpersonen, die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und vieles mehr.

Trickreich beschloss der Bundesrat eine Umsetzung in zwei Etappen. Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen landete in Etappe zwei und wird, während ich das schreibe, im Nationalrat verhandelt. Sieht man sich an, was die vorberatende Kommission des Nationalrats aus den Forderungen der Initiative gemacht hat, sind die Aussichten allerdings zappenduster.

Wenn die rechtsbürgerliche Mehrheit krank ist, erholt sie sich im Privatspital. Für eine hervorragende Pflege der Bevölkerung will sie kein Geld rausrücken, das gibt sie lieber für Sturmgewehre und Taschenmunition aus.

Und so träumt der Arbeitgeberverband weiter. ●

Karin Hoffsten hat oft Gelegenheit, dem Pflegepersonal bei seiner Arbeit zuzuschauen, und ist beeindruckt, wie professionell und freundlich es trotz prekärer Bedingungen handelt.