Bildung und KI : Den Chatbot entzaubern
Wie gehen die Ausbildungsstätten künftiger Lehrer:innen mit KI im Klassenzimmer um? Ein Stimmungsbarometer von Pädagog:innen im Getümmel der Gegenwart.
«Wir werden von der Entwicklung und ihrer Dynamik überrollt», sagt David Gavin von der Pädagogischen Hochschule Zürich auf die Frage, wie Chat GPT und Co. die Ausbildung angehender Lehrer:innen verändere. «Es ist eine riesige Herausforderung.» Aus anderen Pädagogischen Hochschulen (PH) tönt es ähnlich. «Die KI ist uns immer einen Schritt voraus», sagt die Deutschdidaktikerin Anke Schmitz von der PH der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Von sechs angefragten PHs haben fünf sofort reagiert, die Frage brennt allen unter den Nägeln. Denn die KI hat erst mal alle Lehrer:innen wieder zu Schüler:innen gemacht.
Viele haben als erste Reaktion auch gleich Weiterbildungen organisiert, intern und zur Unterstützung an der «Front» in den Klassenzimmern. In Zürich hat Gavin, früher selber Primarschullehrer, eine Grassroots-Gruppe mitorganisiert und auf der internen Lernplattform ein KI-Wiki aufgebaut. Alle Mitarbeiter:innen können Inhalte beisteuern: von Positionspapieren für Prüfungen über Forschungsprojekte bis hin zu Linksammlungen zu spezifischen Chatbots und Anleitungen zum Prompten. Es gibt auch eine Toolbox mit einer wild wuchernden Ansammlung von Websites und Werkzeugen für den Einsatz von KI im Unterricht.
Im Kern erschüttert wohl eine Frage alle Schulen in ihren Grundfesten: Wozu noch lernen, wenn die KI sowieso alles (besser) weiss? Bisherige Konzepte zur Überprüfung, was Schüler:innen wissen, sind über Nacht nutzlos geworden. Pädagog:innen berichten von Details aus der Überarbeitung des Curriculums, dazwischen schieben sich grosse Fragen: Wie verändert KI die Welt um uns? Wie können wir die Kinder darauf vorbereiten, sich in dieser Welt zurechtzufinden? In manchen Dingen sind sich alle einig, anderswo, etwa bei der Frage, wie KI die Bildungsschere beeinflusst, gehen die Meinungen auseinander.
Sprache wird noch wichtiger
«Ihr dürft euch das Denken nicht von der KI abnehmen lassen», beschreibt Gavin sein Mantra. Andere bemühen die Metapher vom Fitnessstudio, in das man ja auch nicht seinen Roboter schicke. Gleichzeitig sieht Gavin das Schummeln mit KI gelassen. Zum einen sei mitunter evident, dass Student:innen in ihren Arbeiten KI eingesetzt hätten – und die Konsequenz klar: überarbeiten oder durchfallen. Das sei für sie letztlich ein doppelter Lernprozess, denn bald würden sie als Lehrperson selber auf der anderen Seite stehen. Und spätestens vor der Klasse merkten sie rasch, wenn sie es verpasst hätten, sich selbst aktiv mit Texten auseinanderzusetzen.
Auch Anke Schmitz von der FHNW sagt: «Wer die Basics an die KI auslagert, schafft den Transfer in die Praxis nicht.» Um als Lehrer:in kompetent zu sein, brauche es sehr viel Grundwissen, betonen sowohl Andrea Gumpert von der PH Bern als auch Thomas Merz, Prorektor an der PH Thurgau. Dass KI sie dazu zwinge, sich noch vertiefter mit dem Lernen an sich zu beschäftigen, empfinden alle als grundsätzlich positiven Effekt. Nicht zuletzt, weil dadurch deutlich wird, was auf gar keinen Fall an die KI ausgelagert werden darf: «Lehrpersonen müssen weiterhin eigene, selbstformulierte Texte schreiben und diese Fähigkeit auch vermitteln können», sagt Schmitz. Denn Schreib- und Sprachkompetenz spielt im Umgang mit Chatbots eine zentrale Rolle.
Einig ist man sich an den PH auch darin, dass sie künftig eine neue Schlüsselkompetenz in der Ausbildung vermitteln müssen: den reflektiert-kritischen Umgang mit KI. «Wer an der PH Bern abschliesst, sollte eine Vorstellung davon haben, wie eine KI funktioniert und was ihre Beschränkungen sind», sagt Gumpert. Im Fokus steht also weniger das Lernen mit als das Lernen über KI. Dazu zählen an der PH Bern spezifische Module, in denen es um das Prinzip des maschinellen Lernens geht oder um «digital skills» in der Nutzung, also etwa darum, ein Tool auf einen diskriminierenden Bias hin zu prüfen. Auch an der PH Thurgau und der FHNW sind solche Themen in die Medien- und Informatikausbildung aller Studiengänge sowie in die Fachdidaktik integriert.
Die Schwachen mit im Boot halten
David Gavin berichtet aus einem eigenen Forschungsprojekt, für das Schüler:innen KI-Feedback auf ihre Texte erhielten und rasch eine emotionale Bindung zum Chatbot aufbauten, obwohl sie nicht direkt mit ihm interagierten. «Das finde ich einerseits hochproblematisch», sagt er, «und es zeigt, wie wichtig es ist, dass Kinder im Austausch mit KI von Lehrpersonen eng begleitet werden.» Positiv überrascht habe ihn hingegen, wie viel motivierter und engagierter die Kinder gelernt hätten.
Gavin gehört auch zu jenen, die dafür plädieren, Kinder in der Schule früh für den Umgang mit KI zu sensibilisieren – «weil sie sie sowieso nutzen». Manche seien bereits im Vorschulalter zu Hause mit Chatbots wie Alexa oder Siri in Kontakt, in der Primarschule, so schätzt er, nutzen rund ein Drittel aller Kinder Chat GPT. «Es ist wichtig, dass sie wissen, dass das kein Mensch ist, der da mit ihnen redet.» Auch Andrea Gumpert findet es zentral, KI möglichst früh zu «entzaubern», wie sie sagt. Passendes Unterrichtsmaterial, um hinter die Kulissen zu schauen, entwickelt die PH Bern bereits für die Kindergartenstufe. Auch die Lernumgebung Soekia GPT der PH Schwyz unterstützt Lehrer:innen etwa im Sprachunterricht dabei, ist sie doch unter anderem mit den Märchen der Gebrüder Grimm als Datenbasis trainiert.
Bevor Kinder im Unterricht aktiv und systematisch mit KI zu arbeiten beginnen, sollten erst einmal analog die grundlegenden Lese- und Schreibkompetenzen aufgebaut werden, gibt Deutschdidaktikerin Schmitz zu bedenken. Gerade für schwächere Schüler:innen sei das zentral. «Wenn man sie nicht explizit in den Blick nimmt und auf traditionelle Methoden der Lese- und Schreibfähigkeit setzt, die ja für eine Interaktion mit Chatbots zentral ist, dann könnten sie noch mehr ins Hintertreffen geraten.»
Wird KI die Bildungsschere weiter öffnen? Gavin hofft auf das Gegenteil, vorausgesetzt, alle Kinder haben Zugang zu einem sicheren Chatbot in der Schule, mit dessen Hilfe die Lehrer:innen niveaudifferenziertes Unterrichts- und Übungsmaterial erstellen und die individuelle Lernentwicklung der Kinder verfolgen können. Andere sind skeptisch. «Wir wissen aus Erfahrung, dass vife Kinder stärker von digitalen Medien profitieren», sagt Beat Döbeli Honegger von der PH Schwyz. Und Gumpert merkt an, dass gute Schüler:innen, die gut prompten könnten, dank KI noch besser würden. Schwächere Schüler:innen hingegen könnten davon profitieren, sich Dinge auf unterschiedliche Weise erklären zu lassen.
«Was mir Sorgen bereitet, ist nicht die technologische Entwicklung», sagt demgegenüber Thomas Merz, «sondern dass wir uns auf der Ebene von Menschlichkeit, Verantwortung und Solidarität nicht entsprechend weiterentwickeln.» Im Thurgau verfolgt man mit dem «Maker Space» schon länger einen praxisorientierten Werkraumansatz, in dem die Schüler:innen mit ganz lebensweltlichen Problemen konfrontiert werden, die sie lösen sollen. «Je mehr unsere Alltagswelt von KI durchdrungen ist, desto mehr müssen wir in der Schule die urmenschlichen Eigenschaften fördern», sagt Merz. «Miteinander reden, einander zuhören, Empathie zeigen. KI zwingt uns, Menschsein im Kern noch mehr zu reflektieren.» ●